Von Journalisten, Bloggern und Politikern – Ein Kommentar

19. August 2010 | Von hofnarr.florian | Kategorie: Politik

Hier schreibt: Florian Lindemann

Steffen Seibert hat die Seiten gewechselt. Bis vor kurzem berichtete er noch als Journalist über Politiker. Jetzt gehört er selbst zur Politik. Er ist der neue Regierungssprecher und damit die Stimme von Angela Merkel. Ehemalige Kollegen von ihm nahmen seine Entscheidung mit Argwohn auf: Er habe das Berufsethos verletzt, der Schritt sei moralisch fragwürdig, heißt es aus Journalistenkreisen. Aber ist der Seitenwechsel wirklich so verwerflich? Verrät ein Journalist seine Unabhängigkeit, wenn er plötzlich für die Personen arbeitet, über die er zuvor noch unabhängig berichtet hat?

Ein Stück weit auf jeden Fall. Doch ist diese Unabhängigkeit schon während der Tätigkeit als Journalist überhaupt noch gewahrt? Alexander Görlach beschreibt in seiner Kolumne auf The European, wie unabhängig der Alltag als Hauptstadt-Journalist wirklich ist. Seinen Aussagen ist zu entnehmen, dass die Arbeit nie wirklich zu 100 Prozent frei und objektiv ist. Um an Insiderinformationen zu kommen, muss man sich zwangsläufig bei den Politkern anbiedern. Wenn man sich also schlecht mit einigen Köpfen unserer Demokratie stellt, besteht immer die Gefahr, dass diese danach nicht mehr ganz so schnell mit exklusiven Neuigkeiten herausrücken. Ein Risiko, dass bei unabhängiger Berichterstattung, ohne Rücksicht auf Verluste, fast untragbar ist für klassische Medien.

Doch auch die Politiker sind auf die Medien angewiesen. Sie sind das Sprachrohr der Parteien. Die Politik kann nicht ohne die Medien, die Medien nicht ohne die Politik: Ein Geben und Nehmen. Wie groß ist der Sprung auf die andere Seite also wirklich? In unserer heutigen Medienlandschaft ist er kleiner, als viele Leser und Bürger es sich vielleicht wünschen würden.

Hier entsteht aber auch eine Chance für Blogger. Sie müssen nicht darauf bedacht sein, die Kanzlerin mit ihren Worten nicht zu verletzen. Insiderinformationen oder ähnliches können sie von der Politik sowieso nicht erwarten. In ihrer Berichterstattung sind sie also viel freier als klassische Medien. Der große Nachteil der Blogosphäre jedoch ist, dass sie ihre meisten Informationen weiterhin von den großen medialen Quellen beziehen. Sie ziehen nur andere Rückschlüsse oder kommentieren die Sachlage verschieden. Lediglich bei Randthemen wie der Internet-Politik gelingt es Bloggern wie Markus Beckedahl von netzpolitik.org desöfteren exklusiv zu berichten.

Diese Unabhängigkeit der politischen Blogger ist Segen und Fluch zugleich. Natürlich kann ein Blogger, frei von jeder Angst beim nächsten Interviewtermin nicht mehr beachtet zu werden, munter und kritisch drauf los schreiben, allerdings hat er so auch wenig bis gar keine Chancen die klassischen Medien jemals als treibendes journalistisches Organ abzulösen – zumindest im politischen Bereich. Blogs sind und werden in absehbarer Zeit lediglich eine Ergänzung zu anderen Medien sein. Ein Blogger ist oft mehr Bürger als Journalist, ein Journalist manchmal mehr Politiker als Bürger.

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