Depub.org will Tagesschau-Archiv retten

25. September 2010 | Von | Kategorie: Gesellschaft
Es schreibt: Christopher

Es schreibt: Christopher

Die Internet-Seite depub.org sorgt derzeit für einiges Aufsehen in der Netz-Community und darüber hinaus. Der anonyme Betreiber der Seite hat alte Artikel von tagesschau.de in Robin-Hood-Manier in einem kostenlosen Archiv online zur Verfügung gestellt. Frei nach dem Motto “Holt zurück, was ihr bezahlt habt”. Bislang sind rund 200.000 Meldungen “gerettet” worden – Videos oder Bilder sind allerdings nicht enthalten, das soll erst noch folgen. Auslöser der Aktion ist ein Rundfunkgesetz, das besagt, dass die Öffentlich-Rechtlichen Beiträge nach sieben Tagen wieder aus ihrem Angebot entfernen müssen, sofern sie einen so genannten Drei-Stufen-Test nicht bestehen. Durch den Test soll die Legitimität der gebührenfinanzierten Online-Angebote sichergestellt werden. Anders gesagt: Die Öffentlich-Rechtlichen sollen im noch jungen Internet-Markt durch die Gebührengelder keinen Vorteil gegenüber den Privaten erhalten.

Es handelt sich dabei um den 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag, der am 1. Juni 2009 in Kraft getreten ist. Demnach müssen ARD und ZDF für ihre Online-Inhalte die Erfüllung ihres Informationsauftrags nachweisen. Die Beiträge müssen den demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnissen der Gesellschaft entsprichen (1. Stufe), in qualitativer Hinsicht zum publizistischen Wettbewerb beitragen (2. Stufe) und der finanzielle Aufwand muss gerechtfertigt sein (3. Stufe). Zudem mussten auch alle bestehenden Angebote bis zum 31. August 2010 diesem Test unterzogen werden. Das führte zur Löschung zahlreicher Seiten sowie Protest von den Urhebern und Nutzern: Allein die Tagesschau musste über 270.000 Videos und mehr als 250.000 Texte entfernen.

Umfassende Löschung bestehender Angebote

Mitarbeiter von ARD und ZDF haben ihr Unverständnis für den Drei-Stufen-Test öffentlich geäußert. Schließlich handele es sich auch beim gelöschten Content um professionell ausgearbeitete Beiträge zur Förderung der öffentlichen Meinungsbildung. Jörg Sadrozinski, Redaktionsleiter von tagesschau.de, äußerte sich im NDR-Medienmagazin “Zapp” zwiegespalten. Im Prinzip sei die Fremdveröffentlichung ein Urheberrechtsverstoß, “insofern können wir das nicht begrüßen. Auf der anderen Seite ist es natürlich schön, dass unsere Inhalte, die wir ja mit einer gewissen Mühe und Anstrengung erstellt haben, jetzt für das Publikum auch gerettet sind und gerettet bleiben”. Der Betreiber der Seite depub.org will die Verletzung des Urheberrechts mit dem großen öffentlichen Interesse an den Inhalten legitimieren. Damit schneidet er eines der größten Probleme der Gesetzgebung für das Internet an und vertritt eine Position, die der Piratenpartei im letzten Jahr zu einem Achtungserfolg bei der Bundestagswahl verholfen hat (siehe Hingsehen-Interview: “Geistiges Eigentum gibt es nicht”).

In manch einem Kommentar auf der Seite des Archivs wird bereits vermutet, dass es sich beim anonymen Betreiber sogar um einen Mitarbeiter der ARD handelt. Hieß es zunächst, dass der NDR juristische Schritte gegen die Veröffentlichung des Materials plane, klingt eine offizielle Stellungnahme vom 17. September 2010 jedenfalls ganz anders. Dort heißt es von der Vorsitzenden des NDR-Rundfunkrates Dagmar Gräfin Kerssenbrock: “Depub.org ist ein Beispiel für die kreative Anarchie im Internet, das zeigt, wie unsinnig kleinteilige Regulierungsversuche im Netz sind. Es besteht offenkundig großes Interesse an den Inhalten informativer Webseiten wie tagesschau.de.”

Ein fairer Wettbewerb sollte gesetzlich im Internet gegeben sein. So weit, so gut. Allerdings muss man auch sehen, dass die Öffentlich-Rechtlichen mit ihren Mediatheken einfach schneller mehr aus ihren finanziellen Möglichkeiten gemacht haben. Jetzt Inhalte zu löschen, für die der Gebührenzahler bereits aufgekommen ist, kann nicht im Sinne der Nutzer sein. Viele der bisher “geretteten” Texte sind kurze Meldungen, andere aber hochqualitative Artikel. Kommen dann noch die Videos und Bilder hinzu, würde das Archiv noch wertvoller. Die Unterstützung für das Projekt ist verständlich. Fraglich allerdings, ob die Gerichte dem Treiben nicht irgendwann ein Ende setzen.

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