Der Mann, der vor dem Panzer stand

2. Juni 2009 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: Gesellschaft

Von Steffi Geihs

Das Ziel war Demokratie. Um sie zu verwirklichen, formierte sich in China Anfang 1989 eine Volksbewegung gigantischen Ausmaßes. Fast täglich gab es Kundgebungen und Protestzüge. Beständig wuchs die Zahl der Demonstranten. Zu den Studenten, die zu Beginn der Unruhen den Kern der Bewegung stellten, kamen immer mehr Leute aus allen Schichten der Bevölkerung hinzu. Mitte Mai waren es etwa eine Million Menschen, die den Pekinger Tian’anmen-Platz, den „Platz des himmlischen Friedens”, besetzten. Grund genug für die Regierung, den Ausnahmezustand zu erklären und Truppen bereitzustellen. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni rückten sie vor. Kampfbereit. Die Schützenpanzer durchbrachen die Barrikaden in den Vororten der Metropole. Als das versammelte Volk mit Steinen warf, eskalierte die Situation. Das Militär schoss. Mit Maschinengewehren zielten die Streitkräfte in die Menschenmassen. An mehreren Plätzen in Peking entbrannten Kämpfe, bei denen nach offiziellen Angaben 300 Menschen getötet und weitere 7.000 verletzt wurden. Schätzungen von humanitären Einrichtungen belaufen sich jedoch auf 3000 Todesopfer.

Ein Mann stellt sich in den Weg

Der Tankman; Quelle: <a href=Am Morgen des 5. Juni war der Widerstand im Wesentlichen gebrochen. Aber nicht von allen. Auf der Chang’an Avenue ereignete sich etwas Außergewöhnliches. Eine Kolonne von vierzehn Panzern rückte auf der breiten Straße an. Vierzehn Panzer und davor ein Mann, der sich ihnen in den Weg stellte. Ein Mann, wie es ihn zu Hunderttausenden in der Stadt gab. Das Bild hat sich in unser Bewusstsein eingemeißelt: schwarze Anzugshose, weißes Hemd, schlanke Gestalt. In beiden Händen hält er Einkaufstüten. Aufrecht steht er mitten auf der Straße, als der erste Panzer auf ihn zurollt. Menschen im Hintergrund schreien, doch er bleibt regungslos. Keinen Schritt weicht er zurück. Und die Panzerkolonne rollt. Rollt immer weiter auf ihn zu und – bleibt stehen. Nur wenige Meter vor dem Unbekannten. Dann dreht das Ungetüm und will um ihn herumfahren. Doch der Mann springt ihm wieder in den Weg. Wieder stehen sich die ungleichen Gegner bewegungslos gegenüber.

Schließlich klettert der Chinese auf das Fahrzeug und diskutiert mit dem Soldaten. Als er erneut auf der Straße steht, fährt der Panzer an. Mit Vollgas und qualmenden Auspuff. Wiederum läuft der Mann hinterher und versperrt ihm den Weg. Dann geht alles sehr schnell. Mehrere Menschen laufen auf den Waghalsigen zu und ziehen ihn weg. Ohne Widerstand verschwindet er in der Menge.

Er taucht nie wieder auf. Seine Tat hat ihn berühmt gemacht. Videos von BBC und CNN gingen als Zeichen der Zivilcourage um die Welt. Auch Reporter Charlie Cole gelangte zu Ruhm. Seine Aufnahme des vor der Panzerreihe Stehenden bekam den World Press Photo Award. Das Time Magazin nahm das Werk in die Liste der 100 Fotografien auf, die die Welt verändert haben. Es ist fraglich, ob ein Bild überhaupt die Macht besitzt, unsere Welt zu ändern. Zumindest aber hat es viele angerührt und zum Nachdenken getrieben. Der Symbolcharakter dieser Aufnahme ist gewaltig.

Wer war dieser Mann?

Eine Frage bleibt ungeklärt: Wer war dieser kühne Unbeugsame? Bis heute ist das ein Rätsel. Zwar betitelte ihn die Boulevard-Zeitung Sunday Express als Wang Weilin, einen 19-jährigen Studenten, doch das konnte nicht bestätigt werden. In die Geschichte ging er als mysteriöser „Tank Man” ein, der „Panzermann”.

Noch etwas ist ungewiss: sein weiteres Schicksal. Ein Berater der amerikanischen Präsidenten Nixon und Reagan berichtete, dass er vierzehn Tage später hingerichtet worden sei. Andere Quellen behaupten, dies sei erst nach einigen Monaten geschehen. Welches Szenario der Wahrheit entspricht, ist fraglich. Sehr wahrscheinlich ist jedoch, dass er seine Courage nicht überlebt hat. Die Vermutungen, er sei in China untergetaucht oder lebe derzeit unentdeckt in Taiwan, entspringen eher dem Wunschdenken.

Der Tank Man war nicht der einzige, der nach den Aufständen Konsequenzen ertragen musste. Es folgten (mindestens) 49 Hinrichtungen. Hunderte, wenn nicht gar Tausende, mussten untertauchen oder fliehen. Teilweise leben sie immer noch außer Landes und haben Repressionen zu fürchten, sollten sie ihre Heimat je wieder betreten. Dabei verharmlost die chinesische Regierung die Ereignisse immer noch. Verschleiernd spricht sie vom „Zwischenfall vom 4. Juni”. Kritische Debatten werden nicht zugelassen. Fotos und Artikel unterliegen weiterhin der Zensur.

In dieser folgenschweren Nacht wurde die gesamte chinesische Demokratiebewegung der 80er Jahre zerschlagen. Schuld daran waren nicht nur die Tötung und Vertreibung von vielen führenden Köpfen, sondern auch die abschreckende Wirkung sowie das wirtschaftliche Wachstum, das für verbesserte Lebensbedingungen und mehr Zufriedenheit sorgte.

Auch wenn der Tank Man nicht viel ausrichten konnte, ist seine Tat immens wichtig. Wir brauchen solche Zeichen. Sie rütteln wach und geben Feuer für das eigene kleine Dasein. Dürfte ich mir ein Leben aussuchen, ich würde mit dem Unbekannten niemals tauschen. Aber eines hätte ich gerne: seinen Mut.

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