Der Reisereporter, der uns das Staunen lehrt
15. Mai 2009 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: GesellschaftVon Steffi Geihs
Vieles hat er schon gemacht, vieles ausprobiert, zumeist erfolglos. Zwei abgebrochene Studiengänge, Jobs als Spüler, Privatchauffeur, Anlageberater, Straßenbauarbeiter, Buchclubvertreter, Nachtportier, Dressman, Postsortierer, Parkwächter und Fabrikarbeiter. Dann ein dreijähriges Schauspielstudium am Mozarteum in Salzburg. Diesmal erfolgreich. Es folgten Engagements am Bayerischen Staatsschauspiel und am Schauspielhaus Wien. Doch obwohl er anfangs als Talent gefeiert wurde, blieb ihm der Misserfolg treu. Er kehrte Europa den Rücken und machte sich in einen indischen Ashram auf. Aber er kam zurück, wagte einen zweiten Schauspiel-Anlauf – und kündigte frustriert seinen Vertrag. So blieb nur die Agentur für Arbeit, die ihn zum Maschinenschlosser umschulen wollte. Wieder klappte es nicht. Dieses Mal war es kein Debakel, sondern ein Glücksfall. Denn wären die Bürokraten erfolgreich gewesen, so hätte der deutsche Buchmarkt auf einen großartigen Autor verzichten müssen.
Andreas Altmann fand nicht nur den Erfolg, sondern auch eine Liebe. Seine Liebe zur Sprache. Begonnen hat er als Ghostwriter, danach kamen erste Reportagen unter eigenem Namen. Bei Geo, Stern, Focus, dem ZEIT-Magazin und vielen weiteren. Inzwischen hat er zwölf Bücher veröffentlicht und wurde unter anderem mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, dem Seume-Literaturpreis und dem Weltentdecker-Preis ausgezeichnet.
Auf und davon in die Welt
Seine Bücher und Reportagen handeln von intensiven Reisen. Durch Afrika, Asien, Australien und Südamerika. Mit dem Zug durch Indien, per Greyhound-Bus quer durch die USA, zu Fuß (und ohne Geld!) von Paris nach Berlin. Jeden Kontinent bereist er, nächtigt in Nobelherbergen genauso wie in finsteren Absteigen, besucht Bewohner von Slums, lebt in einem japanischen Zenkloster, zieht für eine Reportage ins Crackhouse ein und arbeitet in einem thailändischen AIDS-Hospiz. Wo er sich auch aufhält, stets sammelt er Geschichten. Es sind die Begegnungen mit Menschen, die er sucht. Und findet. Witziges berichtet er, Skurriles, beizeiten Trauriges. Hoffnungsfrohes, Anfeuerndes, Beschwingtes. Immer stachelt er an. Stachelt an, das Leben in die Hand zu nehmen, nicht als Hohlkopf vor dem Fernsehgerät zu versauern, sondern zu denken, zu atmen, ganz und gar „da“ zu sein.
Dickes Ego und Zartling
Seine Kritiker werfen ihm ein übermächtiges Ego vor. Denn er ist ein lauter Zeitgenosse, der sich nicht für dumm verkaufen lässt. Der sich gegen Verrohung, Infantilisierung und das Bombardement mit Banalitäten wehrt. Manchmal dreist, aber immer gerechtfertigt. Unermüdlich äußert er seine Meinung und offenbart seinen eigenen Blickwinkel auf die Welt. Dabei ist der Leser zwar nicht immer auf seiner Seite, aber immer kann er gewinnen. In jeder Zeile wird er zum Nachdenken verführt.
Doch es gibt nicht nur den lauten Altmann, sondern auch den feinfühligen, den sanften. Den, der auch die leisen Zwischentöne kennt. Der seine Leser zu Tränen rühren kann, wenn er von einem Foltergefängnis in Kambodscha oder von misshandelten Frauen in Bangladesh berichtet. Dabei wird er jedoch nie plump, nie sentimental, nie moralisierend. Aber er kommt nahe. Den Menschen, die er trifft, genauso wie seinen Lesern. Manches, das man von ihm liest, gräbt sich ins Herz.
Verliebt in die Sprache, meisterlich verliebt
Was die Texte von Andreas Altmann auszeichnet, ist die brillante Sprache. Sein Stil ist unverwechselbar. Das rasante Tempo, der reiche Wortschatz, die Treffsicherheit – sie alle machen das Lesen zu einem Genuss. In jedem Satz merkt man, dass hier jemand schreibt, der die deutsche Sprache liebt. Und beherrscht. Hinter dieser Leidenschaft, dem Suchen nach dem einem, dem „richtigen“ Wort, muss alles andere in seinem Leben zurückstehen. Nichts ist wichtiger als der tägliche Umgang mit Sprache. „Das Schreiben hilft mir, nicht aus der Welt zu fallen“, sagt Altmann und erwähnt Albert Camus, der das Leben abends besser ertrug, wenn er tagsüber schreiben konnte. Denn das Schreiben schützt gegen die Anwürfe des Lebens. Und: „Es verlangsamt das Denken.“
So hat Altmann nach den Reisen noch ein zweites Mal die Möglichkeit, das Vergangene zu durchleben. Am heimischen Schreibtisch in Paris. Und dieses Mal bedächtiger und beizeiten sogar intensiver. Erst dann fielen ihm Details auf, die während der eigentlichen Vorkommnisse noch nicht bis ins Bewusstsein gedrungen waren, sagt er. Er selbst sieht seine Bücher als dicke Briefe, die er seinen Lesern schreibt. Denn das scheint „das probateste Mittel, um ihnen von der Welt und dem Staunen über sie zu erzählen.“ Wie Recht er damit hat! Denn nichts bringt uns mehr zum Staunen als ein paar Zeilen aus seinen Aufzeichnungen.
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