Der Tag, an dem Obama Sozialist wurde

22. Mai 2010 | Von | Kategorie: Hingesehen-Features

Ende März verbrachte ich im Rahmen einer internationalen UN-Simulationskonferenz von Studierenden aus aller Welt zwei Wochen in den Vereinigten Staaten. Gemeinsam mit unserer Uni-Delegation ging es so vor der eigentlichen Veranstaltung in New York City – wir vertraten Estland bei den “National Model United Nations” – noch auf einen Abstecher nach Washington D.C. und Philadelphia. Während die Städte durchaus eindrucksvoll waren, wurde so manches Amerika-Klischee in meinen Augen leider bestätigt.

Es schreibt: Christopher

Es schreibt: Christopher

Einige meiner kritischen Beobachtungen möchte ich hier in loser Aneinanderreihung mit euch teilen und so vielleicht zur Diskussion anregen.

Die Bibliothek für unterwegs

Während hierzulande nicht nur bei Otto Normalverbraucher, sondern selbst in eher avantgardistischeren Feuilletons noch darüber diskutiert wird, ob elektronische Buchlesegeräte jemals das papierene Buch ersetzen können, ist dies in den USA vielfach schon heute der Fall. Natürlich, das Wort “ersetzen” ist bei genauerer Betrachtung falsch, denn verschwinden wird das Buch in absehbarer Zeit ebenso wenig wie die gedruckte Zeitung. Die Verbraucher an der amerikanischen Ostküste wissen die Vorzüge der digitalen Mini-Bibliothek aber anscheinend zu schätzen. Sei es in der Metro oder im Café, der “Kindle” oder ein Konkurrenzprodukt sind dabei. Keine vom Wind verwehten Blätter mehr und keine Hand zum Halten des Buchrückens – überzeugt dies auch bald deutsche Kunden?

“Join us against Health Care!”

“Es begab sich aber zu der Zeit, als Präsident Obama ein Gebot erließ, dass alle Welt krankenversichert sein würde. Und diese allgemeine Absicherung war die aller erste und geschah zu der Zeit, da Angela Merkel Kanzlerin in Deutschland war” – in Anlehnung an die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium. Geradezu biblische Ausmaße hat für einige Amerikaner wohl die Gesundheitsreform ihres 44. Präsidenten angenommen. Dem großen Protest nach zu urteilen waren die erdachten Maßnahmen für einen Großteil der Bevölkerung ein herber Schlag ins Kontor. Eine Versicherungspflicht – ja, wo bleibt denn da unsere geliebte Freiheit? Ausgerechnet hier, im “land of the free”, wo jeder nur das werden kann, was er sich selbst erarbeitet?

Die Gesundheitsreform veranlasste viele Amerikaner zu einer Großdemo vor dem Kapitol (Foto: Weckwerth)

So dachten viele der Demonstranten, die Ende März nach Washington D.C. gekommen waren, um vor dem Kapitol ihre Meinung lautstark kund zu tun. Einige riefen doch tatsächlich dazu auf, sich gegen das ganze staatliche Gesundheitswesen zu verbünden. Sie taten das in einem Selbstverständnis, das tief verwurzelt ist in Zeiten des Kalten Kriegs. Auf Plakaten wurde Obama mit einem “Hitler-Bärtchen” gezeigt, untertitelt mit dem Vorwurf, man wolle keine Sozialisten. Das ist großartiges Geschichtsverständnis: Sicher, Hitler war als National-Sozialist in gewisser Weise auch ein eben solcher – die politische Seitenlehre von links und rechts wird dabei aber völlig außer Acht gelassen. Dass zudem die heutigen Demokraten in den USA in etwa so sozialistisch sind wie in Deutschland die als konservativ geltende CDU und die durchgesetzte Gesundheitsreform beileibe keine Gleichschaltung zur Folge hat, fällt da schon kaum auf.

Die Verblendung wurde besonders deutlich, als unsere Gruppe in der Diskussion mit einer der Demonstrantinnen mit dem deutschen Gesundheitssystem argumentieren wollte. Die sinngemäße Replik: “Ach ja, ihr Deutsche, bei euch haben wir vor dem 2. Weltkrieg doch schon gesehen, wo so etwas hinführt!” Für mich war das Gespräch spätestens da beendet.

O say, can you see… ?

Museen in Europa mögen die eine Sache sein. Weitestgehend unabhängige, häufig auch selbstkritische Darstellungen von historischen Sachverhalten sind es, die man von einer solchen Institution erwarten darf. Selbst das sehen Amerikaner jedoch anscheinend – der Vaterlandsliebe zum Tribut – anders. Insbesondere begleitende Filme, die einen leichten Einstieg in die Thematik ermöglichen sollen, scheinen dafür anfällig zu sein. So zumindest gesehen im Kapitol in D.C. und im Museum zum Unabhängigkeits-Krieg in der Nähe der Liberty Bell in Philadelphia. Die Richtung ist dabei immer die gleiche: Die (angebliche) Freiheit für jedermann wird als ur-amerikanische Eigenschaft gepriesen. Etwaige Gruppen, für die das in der Historie des Landes nicht galt, werden zwar auch gezeigt, allerdings nur pseudo-neutral, denn am Ende winkt auch ihnen das gute, freie Amerika.

Kritische Punkte – insbesondere die Vertreibung und Unterdrückung der indianischen Ureinwohner sowie die Sklaverei – werden ausgespart bzw. verkürzt und mit positiver Lehre dargestellt. Im “National Museum of American History” in D.C., das einen umfassenden Überblick über die Geschichte der USA liefern soll, wird zu Indianern gar nichts gesagt; der Sklaverei wird genauso viel Platz eingeräumt wie der Urlaubskultur. Das soll nicht darüber hinweg täuschen, dass es auch “african-american” und “native american museums” zu besichtigen gibt. Doch gerade aus deutscher Sicht, wo die eigene Geschichte seit dem 2. Weltkrieg fast überwiegend kritisch beurteilt wird, kommen diese Themen im “National (!) Museum” auffällig kurz.

Sailing to Philadelphia

Gut, gesegelt sind wir nach “Philly” nicht gerade, dafür war die Fahrt mit dem günstigen China Town-Bus aber auch so ein Erlebnis für sich. Was stört es die anderen Fahrer auch, wenn ein Reisebus konsequent zwischen den Spuren fährt… Am Ziel angelangt entdeckten wir eine Stadt der Gegensätze. Die “Stadt der brüderlichen Liebe”, so die Bedeutung des aus dem Griechischen abgeleiteten Namens, wirkte wie eine sehr heterogene Mischung aus modern und alt, arm und reich, dreckig und prachtvoll. Eindrucksvoll die Sportanlagen etwas außerhalb des Zentrums: Die drei Stadien der 76ers (Basketball), Phillies (Baseball) und Eagles (Football) sind dort alle in einem großen Sportkomplex zu besuchen.

Die University of Pennsylvania verfügt unter anderem über ein riesiges eigenes Stadion (Foto: Weckwerth)

Die Universität, kurz “UPenn”, verfügt über ein weitläufiges, zentral gelegenes Geländer mit vielen altehrwürdigen Gebäuden, ist innen aber trotzdem modern ausgerüstet. So wie es sich wohl für ein Mitglied der berühmten “Ivy League” gehört, der ansonsten nur sieben weitere Unis angehören. Zu Beginn des Studiums wird dort viel Wert auf das akademische Arbeiten gelegt, die fachspezifischen Inhalte folgen anders als in Deutschland erst im zweiten Jahr. Dabei sorgen deutlich kleinere Kurse für einen persönlicheren Umgang zwischen Studenten und Profs. Da die Universitäten sich in Amerika als Unternehmen finanzieren, betreiben sie auch Merchandising und bauen den Markennamen zum Kult aus. Wer hier studiert, der zeigt es auch. Im gegenüberliegenden Buchgeschäft gibt es regelrechte Fanartikel zu erstehen.

Das Licht blieb an

Wer wie ich vor seinem ersten New York-Besuch schon einmal in London war, dem kommt der Times Square mitunter vor wie der Picadilly Circus in größer. Die bunt blinkenden Leuchtreklamen in Übergröße sind das Aushängeschild des Platzes und erfreuen sich international – nicht zuletzt auch durch die Filmindustrie – großer Bekanntheit. Wenn ausgerechnet darauf dann für energiesparende Geräte geworben wird, ist das wohl als Ironie der Sache zu bezeichnen. Um wirklich mal “abzuschalten”, wurde am 26. März die “Earth Hour” abgehalten. Auf der ganzen Welt sollte für eine Stunde lang auf öffentlichen Plätzen sowie in interessierten Privathaushalten der Stromverbrauch runtergesetzt und der Stecker gezogen werden. So geschah es dann auch, zum Beispiel in London oder in Paris. So angekündigt war es auch auf einer der großen Werbetafeln am Times Square und ein paar Schaulustige mehr als üblich hatten sich eingefunden. Dann passierte… genau, nichts. Bis auf eine rühmliche Ausnahme blieben alle Lichter an. So viel zum Thema USA und Energieverbrauch.

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2 Kommentare
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