Die Angst vor neuen Anschlägen
31. Oktober 2010 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: PolitikIm Anschluss an die Terrorangriffe vom 11. September 2001 hieß es häufig, dass nichts mehr so sein werde wie bisher. Über Sinn und Sinnlosigkeit einer solchen Aussage lässt sich streiten, zweifellos ist aber, dass die Folgen in der Tat dramatisch sind. Zwei Kriege, seit 2001 in Afghanistan und seit 2003 im Irak, führen die USA mit ihren Alliierten seither “gegen den Terrorismus”. Das politische Gefüge der Welt ist dabei sich neu zu sortieren. Zusammen mit der Krise des Kapitalismus, wirtschaftlichem Aufschwung etwa in Brasilien, Indien und China und dem Aufkommen sowohl von radikalem Islamismus als auch Islamophobie hat der Westen seine einstige Vormachtstellung verloren.
Das Gesehene sitzt tief, die Macht der Bilder ist eindeutig. Zum neunten Mal haben sich die Anschläge vor einigen Wochen gejährt, aber die Ungläubigkeit ob der Offenheit der Attacken ist bis heute zu spüren. In New York, dem Sinnbild einer weltoffenen Stadt, fliegen zwei Flugzeuge, Symbole für Freiheit und Überschreiten von Grenzen, in das World Trade Center und bringen es zum Einsturz. Ein dritter Flieger rast ins Pentagon, das US-Verteidigungsministerium. Rund 3.000 Menschen lassen bei den Anschlägen ihr Leben. Am 11. März 2004 und am 7. Juli 2005 folgten Bombenangriffe in Madrid respektive London – der Terror hatte endgültig Europa erreicht.
Terror soll ein Klima der Angst schüren – mit Erfolg
Die politischen Konsequenzen reichen daher auch im “alten Kontinent” noch viel weiter. Die komplette Sicherheitspolitik wurde seit 2001 auf den Kopf gestellt. Ebenso die Fragen nach Integration und multikulturellem Zusammenleben. Kaum hatte Amerika mit der Wahl des im Vergleich zu Bush jun. diplomatischeren Barack Obama scheinbar ein Zeichen an die Welt gesendet, da erstarkte auch schon die extrem konservative “Tea Party”. Darin finden sich so sympathische Figuren wie Sarah Palin (Mitglied in der National Rifle Association [Nationale Schusswaffenvereinigung], Befürworterin von Kreationismus-Unterricht in der Schule, Gegnerin von gleichgeschlechtlicher Ehe) oder Rabbi Nachum Shifren, der jüngst in London die rechtsextreme “English Defence League” als “Befreier” vom Islamismus bezeichnete.
In dieses Klima hinein fiel nun jüngst die Meldung, dass Sprengsätze aus dem Jemen per Frachtflugzeug nach England gelangt waren. Hieß es zunächst noch, die auffälligen Pakete seien möglicherweise Testpräparate für folgende Terrorpläne gewesen, so stellte sich mittlerweile heraus, dass auch diese Ladungen explodieren und die Flieger zum Absturz hätten bringen können. Die Sprengsätze, die im englischen Flughafen East Midlands (Nottingham/Leicester/Derby) gefunden wurden, waren in Tonerpatronen für einen Kopierer installiert worden und laut Medienberichten an eine jüdische Einrichtung in Chicago adressiert. Ob es sich um eine konkret anti-amerikanische oder anti-semitische Motivation der Täter handelt ist unklar. Umgeladen wurde die Fracht in Deutschland, am Flughafen Köln/Bonn. Im Jemen wurden 26 weitere gefährliche Päckchen entdeckt, dort gab es zudem erste Festnahmen.
Als Begründung für die erste Fehleinschätzung nennen die Behörden, dass die Vorrichtungen “extrem fachmännisch” gebaut worden seien. Eine Sicherheitsquelle wird im “Guardian” zitiert: “Selbst bei der Untersuchung konnten die Spürhunde den Sprengstoff nicht entdecken.” Dass die Bombe überhaupt entdeckt wurde, hat man Informanten aus dem saudi-arabischen Raum zu verdanken.
Wie akut die Bedrohung aktuell tatsächlich ist, ob sich das Risiko eines erneuten Anschlags auf den Flugverkehr erhöht hat, vermag niemand zu sagen. Zwar sagte US-Präsident Obama: “Wir wissen, dass die jemenitische Al-Kaida weitere Angriffe auf die USA, ihre Bürger und ihre befreundeten Staaten plant.” Doch ihr Ziel dürften die Terroristen bereits jetzt erreicht haben. Die Angst, die Ungewissheit und schließlich die Spaltung der Gesellschaft wird sich weiter ausbreiten. Die verdächtigen Pakete wurden in diesem Fall noch rechtzeitig erkannt und aus dem Verkehr gezogen, doch der Vorfall belegt auch, dass die seit 2001 verschärften Sicherheitskontrollen an Flughäfen keine endgültige Lösung sind. Schuhkontrollen, Körperscanner und das Mitnahmeverbot von mehr als 100ml Flüssigkeit sind aufwendig und bei Politikern durchaus beliebte Wahlkampfthemen – einen effektiven Schutz bieten aber auch sie nicht.
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Wie leicht es doch ist, nach so langer Ereignislosigkeit inmitten der proklamierten Zeit permanenter terroristischer Bedrohung ‘mal wieder die Pferde Scheu zu machen. Praktischerweise lassen sich jene ominösen Pakete prima dazu nutzen, sie in Flugzeugen (Achtung: Konditionierung!) zeigefreudig quer durch Europa fliegen zu lassen, damit auch jedes einzelne Land ‘mal selbst solch eine Bombe zu Gesicht bekommt. Schließlich wollen die Menschen überzeugt sein, dass der Terror auch in ihrer Heimat jederzeit zuschlagen kann – und die Medien helfen bereitwillig bei der Panikmache. Christopher schreibt, der Westen habe seine Vormachtstellung verloren, aber mehr noch, er befindet sich geschlossen in einer großen Depression. Da ist es doch wieder an der Zeit, gemeinsame Feindbilder zu forcieren! Wer war das gleich noch? Ach ja, die bösen Terroristen aus Afghanistan, die es gleichsam fertigbringen, zwei aus 500.000m³ Stahl und Beton bestehende Türme mit zwei Aluminiumflugzeugen zum Einsturz zu bringen und nun (naja zum Glück nur fast) die Sicherheitssysteme europäischer Flughäfen zum Narren halten. Wer’s glaubt wird selig.
Gewagte These, wenn ich das mal so sagen darf… Was Panikmache durch die Medien betrifft, bin ich ja durchaus noch bei dir. Da wird vieles hochgeschaukelt und übertrieben. Aber die Existenz von Terroristen, die westliche Staaten “treffen” wollen, zu leugnen, wäre fatal und würde die Probleme im Umgang des Westens mit dieser Region/Religion nur banalisieren.
Die These ist mitnichten, dass es keine Terroristen gäbe : Natürlich gibt es diese Leute, die westliche Staaten treffen wollen (!) – der Punkt ist nur, dass sie unter normalen Umständen technisch und kybernetisch dazu gar nicht in der Lage wären. Die These lautet, dass ein beidseitiger Nutzen zwischen dem amerika-affinen Westen und dem islamisch-fundamentalistischen Osten vorliegt, welcher darin besteht, sich gegenseitig als Feindbild zu dienen. Das funktioniert aufseiten des Westens jedoch nur, wenn dessen Bürgern weisgemacht werden kann, dass die “Terroristen” eine akute Bedrohung darstellen. Genau an dieser Stelle setzt dann die Manipulation ein, die momentan durch die Sprengstoff-Pakete umgesetzt wird: Momentan ist ja Italien dran mit ihrer persönlichen Bombe im Kanzleramt…
Noch ein wichtiger Punkt im Bezug auf deine Ausführung ist, dass der “Umgang des Westens mit dieser Region/Religion” bei dieser These keineswegs banalisiert wird: Sie stellt den modernen Islam vielmehr als Bauernopfer der Feindbildkampagne gegen den Fundamentalismus dar.
Ausschließen möchte ich das nicht, Beispiele aus der Geschichte gehen ja auch durchaus in so eine Richtung (mit anderen Feindbildern). Auch was Theorien zu Orientalismus und Identitätsfindung (Us vs. Them) angeht passt das ins Bild. Nur verallgemeinern kann man das denke ich nicht. So viel Fortschritt von direkter Propaganda haben wir meiner Meinung nach dann doch erreicht.
Zitat von Christopher:
“So viel Fortschritt von direkter Propaganda haben wir meiner Meinung nach dann doch erreicht.”
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Auch auf die Gefahr hin, dass du dich hier verschrieben haben könntest, freue ich mich, dass wir uns letztlich einig sind ^^
MfG Daniel
Sollte heißen: So viel Fortschritt WEG von direkter Propaganda …