Die Arabellion aus Reportersicht
11. Oktober 2011 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: GesellschaftJa, natürlich hatte er es, das Reporterglück. Schon die erste Frage an den ARD-Auslandskorrespondenten Jörg Armbruster war eine persönliche. Die Hintergründe und Entwicklungen, Hoffnungen und Gefahren der arabischen Revolutionswelle sollten das Thema des Abends sein, doch zunächst mal ging es um die persönlichen Erfahrungen vor Ort. Im Dienste der Information der deutschen Medienöffentlichkeit war Armbruster schließlich “unser” aufmerksames Ohr in Nordafrika. Da das Gespräch zudem von Jörg Lau von der Zeit, also einem Kollegen, moderiert wurde, war der Einstieg keine Überraschung.
Mit nachdenklicher Miene und dem Mikro in der Hand zeigte sich Jörg Armbruster wie man ihn während der Revolten fast jeden Tag im Fernsehen sehen konnte. Reporterglück hatte der mittlerweile 64-Jährige, weil er erst im August 2010 nach Kairo versetzt wurde. Von dort berichtete er live in der Tagesschau vom Rücktritt des Despoten Hosni Mubarak, die jubelnde Menge am Tahrir-Platz im Rücken. Die Protestwelle, die sich von Tunesien aus ausbreitete, griff auf immer mehr Staaten über und Armbruster lieferte auf der Grundlage vieler Gespräche und Beobachtungen seine Einschätzungen dazu in die deutschen Wohnzimmer. Libyen, Jemen, Syrien, Bahrain – noch immer stehen die Revolutionen am Anfang. Und noch immer gibt es viele Fragezeichen, auch in Ägypten, wo der Umsturz vergleichsweise unblutig geglückt ist.
In seinem Buch “Der arabische Frühling”, das Armbruster bei der Veranstaltung am 6. Oktober im Berliner “Kulturkaufhaus” Dussmann vorstellte, versucht der Journalist einigen dieser Fragen nachzugehen und Möglichkeiten aufzuzeigen. Doch trotz seiner Informationen aus erster Hand sieht auch er dabei noch keine eindeutige Tendenz. Sicher sei nur, dass jeder Staat für sich betrachtet werden müsse. So einfach, wie es sich eine Zuhörerin vorstellte, die offensichtlich an gewissen Verschwörungstheorien Gefallen findet, ist es nunmal nicht.
Viele Revolutionen, viele Erfolge, viele Fragen
Festgemacht wurde diese Ungewissheit etwa an der Frage, ob die islamistische Muslimbruderschaft den eigentlichen Nutzen aus dem Umsturz in Ägypten ziehen werde. Armbruster hat innerhalb der Partei beide Strömungen festgestellt. Eine, die sich für ein offen demokratisches System und “gegen die Religionsdiktatur” stellt, eine, die extremer handeln will. Schlimmer noch seien allerdings ohnehin die Salafisten, die einen Staat nach iranischem Vorbild vor Augen haben. Wie sich Ägypten künftig darstellen werde, zeigten erst die Wahlen am 3. Januar 2012, wenn auch über eine neue Verfassung entschieden wird. Das Land sehe sich jedoch in einer Tradition, die länger dauert als der Islam – eine vorsichtig optimistische Einschätzung.
In persönlicher Gefahr hat sich Armbruster nach eigenen Angaben bei den Recherchen vor Ort nie befunden. Auch wenn die jüngsten Bilder der Gewalt aus Kairo anderes befürchten lassen, “die größten Schwierigkeiten hatten die einheimischen Journalisten”. Ohnehin liegt es dem TV-Gesicht fern, Nordafrika in ein schlechtes Bild zu rücken. Vielmehr solle sein Buch auch ein Zeichen sein gegen Veröffentlichungen à la Thilo Sarrazin: “Gerade die muslimischen Jugendlichen waren es, die für ihre Rechte eingetreten sind.”
Wie sich der Westen in dieser neuen Konstellation präsentiere, werde zwiegespalten aufgenommen. Viele der Demonstranten setzen die verhassten Regime mit dem Westen gleich, da diese von Europa und den USA unterstützt worden waren. Das habe Spuren hinterlassen. Dennoch herrsche ein “offenes Klima”, Kritik gebe es etwa auch am ägyptischen Militärrat. Gleichzeitig habe sich ein neues Nationalbewusstsein und Stolz auf die Revolution verbreitet. Die Bildungselite etwa wolle fürs Studium zwar meist ins Ausland, danach aber zurück, um beim Aufbau neuer Strukturen zu helfen. In Sachen Verfassungslehre etwa werden die westlichen Ideen sehr geschätzt, mehr jedenfalls als seine Praktiken.
Der Westen wird respektiert, aber man ist enttäuscht
Dass sich diese Zuordnungen jedoch nicht immer vorhersehen lassen, verdeutlichte Armbruster mit einem Beispiel. Ein Islamist aus Libyen wurde von den US-Amerikanern in Afghanistan festgenommen und an Gaddafis Regime ausgeliefert, wo er auf Anweisung der USA unter Folter verhört wurde. Genau dieser Mann sei heute einer der Rebellenführer in Tripolis und somit auf Seiten des Westens.
Der NATO-Einsatz in Libyen seinerseits sei unvermeidbar gewesen. “Ansonsten hätten die Panzer vor Bengasi ein Blutbad angerichtet”, sagte der Korrespondent. Ob alle tatsächlichen Eingriffe mit der UN-Resolution abgedeckt würden, sei jedoch eine andere Frage. Ein ganz anderes Thema wäre auch die Situation in Syrien. Obwohl die Demonstrationen dort seit Monaten gewaltsam gedeckelt werden, habe es Vorrang, dass das Land als Nachbarland zu Israel “einen anderen Stellenwert” im Gefüge des Nahen Ostens hätte. Nach Einschätzung von Experten wäre ein Einschreiten, ganz praktisch, auch militärisch komplizierter. Die Ängste Israels seien derweil ebenfalls verständlich: “Für die bricht das ganze diplomatische Gefüge zurzeit zusammen.”
Zum Abschluss geht das Gespräch noch einmal in eine persönlichere Richtung. Ob sich Deutschland in den betroffenen Ländern denn richtig verhalte, will Lau wissen? In Ägypten sei dies weitestgehend der Fall, antwortet der Reporter. Insbesondere politische Stiftungen leisteten immaterielle Aufbauhilfe, die sehr geschätzt werde. In Libyen hingegen habe die Enthaltung im Weltsicherheitsrat einen “Scherbenhaufen” hinterlassen. Bis heute sei Deutschland dort kaum präsent. Was die Zustände in Arabien betrifft, falle viel zu wenig Augenmerk auf Saudi-Arabien. Die Monarchie agiere als eine gewalttätige Diktatur, die Minderheiten kaum Rechte gewährt. Saudi-Arabien ist ein enger Verbündeter des Westens.










