Die fehlende Generation

14. November 2011 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: Sport
Es schreibt: Christopher

Es schreibt: Christopher

Das deutsche Fußballnationalteam spielt attraktiv. So attraktiv sogar, dass nicht wenige den nächsten Titel nur für eine Frage der Zeit halten. Dabei war es in der Vergangenheit gerade die deutsche Mannschaft, die bewies, dass Spielstil und Erfolg nicht zwangsläufig zusammenhängen müssen. Je drei Welt- und Europameisterschaften bezeugen das.

Bei aller Euphorie über den extrem starken Nachwuchs mit Namen wie Mesut Özil, Mario Götze oder Andre Schürrle fällt oft über den Tellerrand, dass der niedrige Altersdurchschnitt keiner unumgänglichen Logik folgt. In der Tat gab es auch früher hoffnungsvolle Talente, die sich jedoch erst über Jahre in der Bundesliga etablieren mussten, bevor sie ihre Chance bekamen – wenn überhaupt. Auf genügend Erfahrung wollte vor Joachim Löw kein Bundestrainer verzichten.

Gereift und erfahren – oder einfach nur alt?

Der Erfolg gibt Löw Recht. In seine Ära hinein gerettet hat sich währenddessen die Annahme, dass Fußballer zwischen 27 und 30 ihre Blütephase erleben, vom “besten Fußballeralter” ist nach wie vor die Rede. Genau diese Jahrgänge sind im aktuellen Kader kaum vertreten. Zwischen 1980 und 1984 wurden daraus nur sechs Spieler geboren, nur Lahm, Mertesacker und Schweinsteiger sind unumstrittene Leistungsträger. Sie haben gemein, dass die WM 2006 ihren Durchbruch bedeutete. Tim Wiese, Simon Rolfes und Cacau kommen selten zu Einsätzen.

Mario Götze (rechts) wurde schon als Teenie Deutscher Meister (Foto mit cc licence via flickr.com von Marcel.T.)

Dem gegenüber stehen 16 Spieler, die 24 Jahre oder jünger sind. Das wirft die Frage auf, wer spielen würde, wenn Löw der Jugend nicht derart viel Vertrauen entgegen brächte. Denn die Fehlenden gehören keineswegs zum alten Eisen, in der Bundesliga findet man genügend Beispiele etablierter Stammkräfte, fast alle sind in ihrem Verein Führungsfiguren.

Da wäre der aktuelle Meistertorwart Roman Weidenfeller (31). Da wäre Christian Tiffert (29), einer der besten Vorlagengeber des Vorjahrs. Da wäre auch Stefan Kießling (27), dessen sechs Länderspiele in keinem Verhältnis zu 73 Bundesligatoren stehen – das sind mehr als bei Lukas Podolski. Doch Löw setzt auf andere. Wichtig sind ihm dabei vor allem Spielwitz und die Fähigkeit, mit schnellen Kurzpässen in die Spitze vorzustoßen.

Ein Generationenkonflikt der Spielideen

Diese Attribute werden im Begriff der “Generation Playstation” zusammengefasst. Wie an der Konsole treiben Götze und Co. ihre Gegner mit unbändigem Spielwitz bisweilen zur Weißglut. Die Fehlenden sind aber auch keine Straßenfußballer mehr, die sich ihre Schienbeine auf dem Bolzplatz stählten und deren “Aussterben” noch vor ein paar Jahren beklagt wurde. Als diese fehlende Generation den Durchbruch in der Bundesliga vor Augen hatte, schimpfte Deutschland noch über seine „Rumpelfußballer“, die bei den Europameisterschaften 2000 und 2004 jeweils in der Vorrunde gescheitert waren.

Jogi Löw bleibt seiner Linie treu und setzt vorrangig auf äußerst junge Spieler. Zurzeit funktioniert das prächtig. Doch es gibt auch warnende Beispiele: Der letzte Spieler, der so früh derart hoch gelobt wurde wie heute Mario Götze, war Sebastian Deisler. Auf dem Feld ein überragender Spieler, wollte er sich den mit der Berühmtheit einhergehenden Begleiterscheinungen nicht herschenken. Vor viereinhalb Jahren beendete er deshalb seine Karriere. Mit heute 31 Jahren hätte er die Leitgestalt der Nationalmannschaft sein können.

Die Nationalmannschaft der Fehlenden

Tor: Roman Weidenfeller (31 Jahre; 238 Bundesligaspiele/kein A-Länderspiel)

Abwehr: Patrick Ochs (27 Jahre; 184 BL/kein A), Maik Franz (30 Jahre; 191 BL/kein A), Andreas Wolf (29 Jahre; 185 BL/kein A), Christian Schulz (28 Jahre; 240 BL/4 A)

Mittelfeld: Sascha Riether (28 Jahre; 186 BL/2 A), Peer Kluge (30 Jahre; 218 BL/kein A), Markus Feulner (29 Jahre; 92 BL/kein A), Christian Tiffert (29 Jahre; 206 BL/kein A)

Angriff: Jan Schlaudraff (28 Jahre; 111 BL/3 A), Stefan Kießling (27 Jahre; 223 BL/6 A)

Was denkt ihr: Wie würde sich dieses Team im internationalen Vergleich machen?

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