Die Uni brennt – auch in Münster
6. November 2009 | Von hofnarr.florian | Kategorie: Uni-LebenEin Hauch von ’68 weht durch die europäische Universitätenlandschaft. Die Studenten demonstrieren wieder. In Deutschland und vor allem Österreich fordern Studierende freie Bildung für alle und einen Stopp der Ökonomisierung der Bildung.
Jetzt brennen die Universitäten. Was in Wien begann, hat sich mittlerweile auch auf viele Unistädte in Deutschland übertragen. Studenten in ganz Deutschland besetzen Hörsäle, um gegen die vorherrschenden Bildungsbedingungen zu protestieren. Mittlerweile sind unter anderem Hörsäle in Marburg, Tübingen, Darmstadt, Salzburg, Graz, Heidelberg, München und Potsdam besetzt. Auch der Audimax der Universität Münster war bis heute Morgen um 6 Uhr besetzt, wurde dann allerdings von der Polizei geräumt. In Paderborn will man sich ebenfalls solidarisieren, gestern Abend fand eine außerordentliche Versammlung statt, um sich auf die nächste Gesprächsrunde mit dem Präsidium am kommenden Donnerstag vorzubereiten.
Die Forderungen
Der Protest der Studenten richtet sich vor allem gegen die Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem im Zuge des Bologna-Prozesses sowie die Erhebung von Studierengebühren. Sie fordern selbstbestimmtes Lernen und Leben statt starren Zeitrahmen, Leistungsdruck und Konkurrenzdruck, dazu freien Bildungszugang und Abschaffung von sämtlichen Bildungsgebühren wie Studiengebühren. Des Weiteren setzen sie sich gegen Ausbildungsgebühren und Kita-Gebühren, für Öffentliche Finanzierung des Bildungssystems, Demokratisierung und Stärkung der Mit- und Selbstverwaltung und Vielfalt von Forschung und Lehre an der Uni.
Die Besetzungen der Hörsäle laufen friedlich und demokratisch ab. Jeder kann teilnehmen und das wesentliche Ziel der Besetzer ist es, eine Diskussion zu erreichen. Keine Spur von Gewaltbereitschaft, wie sie zumindest im langfristigen Verlauf der 68er-Revolten aufkam. Zu Beginn plädierte vor allem der SDS-Wortführer Rudi Dutschke klar gegen den Gebrauch von Gewalt. Später entwickelte sich aus dem linken Studentenmilieu heraus jedoch die terroristische RAF.
Die Organisation der Protestbewegung läuft im Wesentlichen online ab. Per Twitter, Facebook, Studivz und SMS verbreiten sich die Informationen schnell und so findet der Austausch statt.
Die Uni Wien brannte zuerst
Der Protest begann in Österreich. Dort sind die Bildungsbedingungen wesentlich dramatischer als in Deutschland. Die dortigen Universitäten platzen aus allen Nähten. Jahrzehntelang wurden sie links liegen gelassen und erhielten wenig finanzielle Mittel. In jeder Regierung stießen die Klagen aus Rektoraten und Dekanaten auf taube Ohren. Der Kollaps war allerdings absehbar. Nach 2001 ist die Zahl der Hörer explodiert, im Herbst überschritt sie erstmals 300.000 Studierende. Zu Beginn des jetzigen Wintersemesters offenbarte sich erneut die Misere. Studenten fanden in Vorlesungen und Seminaren selbst in den hintersten Reihen keine Plätze mehr. Als Sündenböcke wurden zuerst die deutschen Studenten in Österreich ausgemacht, die aber nur sechs Prozent ausmachen. Dann aber drohte die Regierung restriktive Maßnahmen als Notbehelf an und löste so die Protestwelle raus.
Der besetzte Audimax in Wien
An der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster solidarisierten sich Studierende mit den Protestlern aus anderen Städten, vor allem aus Wien, und besetzten seit Mittwoch den Hörsaal im Englischen Seminar. Die Besetzung konnte sogar per Live-Stream im Internet verfolgt werden.
Warum gerade jetzt?
Dabei ist es ein wenig verwunderlich, dass erst jetzt Proteste in Deutschland losschlagen. In Deutschland sind Studiengebühren, zumindest in den meisten Ländern, längst an der Tagesordnung. Mit deren Einführung gab es zwar bundesweite Demonstrationen, jedoch keine Protestblockaden oder Streiks. Auch gibt es schon lange restriktive Schranken wie eine Regulierung der Zulassung über den Numerus Clausus oder Aufnahmeprüfungen.
Ein großes Problem, das sich erst langsam in seiner Gesamtheit offenbart, ist jedoch die Umstellung auf das neue Bachelor- bzw. Mastersystem, das im Rahmen des Bologna-Prozesses durchgeführt wurde. Für viele Studenten ist der Einfluss der Wirtschaft auf die Universitäten zu groß. Auch sind Bachelor-Studiengänge sehr straff organisiert, sodass wenig Zeit für Tätigkeiten abseits des reinen Studiums bleibt. Die jüngsten Protestler fordern ein Umdenken. Eine komplette Abschaffung des Reformprozesses ist sicherlich nicht realistisch, ein Abändern des bisherigen Vorgangs wäre aber schon ein Erfolg.
Doch es gibt auch Stimmen von Studenten, die sich gegen die Bestzungen und Demonstrationen richtet. Die Facebook-Gruppe “Studieren statt Blockieren” hat 21.857 Fans.
Eines beweisen die Proteste definitiv: Die Studenten in Deutschland und Österreich wollen nicht mehr über ihre Köpfe hinweg entscheiden lassen, sondern sich einmischen – und das ist gut so. Immerhin geht es um ihre eigene Zukunft.
Nachtrag: Die protestierenden Studenten der Uni Münster geben nicht auf. Nach der Räumung des Audimax treffen sie sich Montag um 16 Uhr am Domplatz um sich die Uni wieder anzueignen. Zudem findet heute, Freitag, um 18 Uhr eine Solidaritäts-Demonstration vor dem Schloss statt.
Nachtrag2: Seit dem Abend des 17.11 ist erneut ein Hörsaal der Uni Münster besetzt. Nach dem Bildungsstreik besetzten die Demonstranten den F1 und harren bis jetzt dadrin aus. Heute Abend findet dort eine Podiumsdiskussion statt.
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“Hauch von ’68″ nicht dein ernst oder? dass damals Menschen gestorben sind, ist Dir hoffentlich klar?
und keinen Leisztungs- und Konkurenzdruck, werdet erwachsen oder geht zurück auf den Spielplatz!
Ein Hauch ist nicht gerade eine Formulierung, die einen engen Zusammenhang vorgibt. Natürlich gibt es garvierende Unterschiede zwischen den beiden Protesten, da beide Proteste aber aus der Studentenschaft herovr gingen und Unzufriedenheit mit der aktellen Situation ausdrücken wollen/wollten, finde ich die Formulierung “Hauch” durchaus gerechtfertigt.
Ein stärkere Formulierung fände ich ebenfalls übertrieben und nicht gerecht fertigt.
@Paula: Dass die gewalttätigen Ausschreitungen erst im späteren Verlauf der Revolten damals hinzukamen und von einer deutlich autoritäreren Staatsmacht als heute mit verursacht worden sind, ist dir hoffentlich auch klar? Finde die Formulierung in dieser abschwächenden Form auch ok.
Wie sehr die Uni brennt, wird spätestens klar, wenn man sich die von 60 Studenten (von14.000) besuchte “Vollversammlung” an der Universität Paderborn ansieht. Im Gegensatz zu den 68er Revolten drehten sich die Hauptkritikpunkte nicht um Weltpolitik und Zeitenwende, sondern um eine überfüllte Mensa und Netbooks. Der Vergleich hinkt meiner Meinung nach in der Tat etwas.
Heyyyyy, das freut mich ja, dass ich Florian Lindemann im StudiVZ begegnet bin !
Vorgestern hab ich die Live-Übertragung von Eurem Hörsaal
auch `ne Zeitlang mitverfolgt und heute mich in MS an Eurer Demo beteilgt !
Ich bin Diplom-Mathematiker aus Bonn (1987-93)
mit Doktorurkunde von der Katholischen Universität Eichstätt (1998).
Sowohl mein Bonner Diplomvater als auch mein Eichstätter Doktorvater
sind in ihrer eigenen 60-er-Jahre-Studienzeit an der WWU _Münster_
aufgewachsen – insofern hatte ich bereits vor Eurer Hörsaalbesetzung
eine gewisse Beziehung zur WWU Münster.
Meine Motivation zum Anschluss an die aktuellen, von Österreich
ausgegangenen Studentenproteste beziehe ich daher,
dass im Jahre 2005 meine Beschäftigung als Wiss.Assistent
an der Universität der Bundeswehr München trotz meines vorausgegangenen entschiedenen
(und auch für diese lernerfolgreichen) Einsatzes für die Studenten nicht verlängert wurde
und ich seitdem im wesentlichen arbeitslos bin (siehe meine Page http://www.drhirth.beepworld.de) …
Endlich ist mal wieder was los bei den Studenten! Hier in Kiel ist ja eher ruhig, weils noch keine Gebühren gibt
In diesem Sinne verstehe ich auch den 68er-Verweis: Klar, auch in den 80ern z.B. gab’s die Umweltbewegung etc. Aber von den Medien wurden die Studenten ja als immer unpolitischer und gleichgültiger beschrieben. Das wird derzeit zumindest teilweise widerlegt.
[...] auch in Deutschland scheinen sich immer mehr Studenten mit den Protesten zu solidarisieren: Neben der Universität [...]