Die Zukunft der Zeitung – Interview mit Helmuth Jungbauer
6. April 2009 | Von hofnarr.florian | Kategorie: Hingesehen-FeaturesDoktor Helmuth Jungbauer war bis Ende 2008 Geschäftsführer der Fränkischen Tag GmbH. Mittlerweile zieht er sich schrittweise in den Ruhestand zurück, ist aber noch Herausgeber. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Bamberg und deckt mit den drei Tageszeitungen Fränkischer Tag, Bayerische Rundschau und Coburger Tageblatt große Gebiete von Oberfranken ab. Die Gesamtauflage liegt bei knapp über 100.000 pro Tag.
Helmuth Jungbauer studierte Volkswirtschaftslehre und Sozialwissenschaften und war bis 1988 für die bayerische Regierung tätig. Dann wurde er Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für Oberfranken. Im Jahr 1995 suchte er eine neue Herausforderung und wurde Geschäftsführer des Fränkischen Tag.

Helmuth Jungbauer im Gespräch
Es gibt mehrere große Gruppen, die diverse regionale und lokale Zeitungen veröffentlichen. Zwei sehr prominente Beispiele sind die WAZ-Mediengruppe und die Zeitungsgruppe von Dirk Ippen. Die Fränkische Tag GmbH agiert unabhängig. Inwiefern unterscheidet sie sich von diesem zwei großen Verlagsgruppen?
Es gibt natürlich noch viele andere Gruppen. Eine der größten, die häufig unterschätzt wird, ist die Medien Union in Ludwigshafen. Diese so genannte Schaub-Gruppe machte dadurch auf sich aufmerksam, dass sie die Süddeutsche Zeitung inklusive regionaler und lokaler Töchter übernahm.
Aber das nur als Vorbemerkung. Der Unterschied liegt im Vergleich zur WAZ vor allem in der Größe. Das heißt wir haben eine Auflage von 72.000 bzw. als Gruppe 102.000 Ausgaben pro Tag. Das entspricht zehn Prozent der Auflage der WAZ. Zum anderen unterscheidet sich auch die Unternehmensstruktur: Die WAZ ist letztendlich von der Größe und der Führungsstruktur her ein Konzern. Wir sind klassischer Mittelstand. Dadurch sind wir natürlich auch von anderen Verhaltensweisen und Führungskriterien als ein Konzern dieser Größe geprägt.
Ippen gelang es, beginnend mit der Zeitung in Hamm, sich durch eine beneidenswerte kluge strategische Politik, auch durch Innovation und publizistische Lebendigkeit, zu einer bemerkenswerten Größe des deutschen Zeitungswesens zu entwickeln. Sein größter Schritt war sicherlich die Übernahme des Münchner Merkur.
Dirk Ippen nannte einmal als sein Konzept, dass jeder Leser seiner Zeitung einmal im Jahr seinen Namen in der Zeitung lesen solle. Verfolgt der Fränkische Tag eine ähnliche Strategie?
So expressis verbis nicht. Obwohl ich schon der Meinung bin, dass da sehr viel Richtiges dran ist. Denn eine regionale Tageszeitung muss die Lebenswirklichkeit der Region abbilden. Sie muss das Spiegelbild der Region sein. Sonst würde sie nicht die Bodenhaftigkeit entwickeln, die sie braucht, um auf Dauer Erfolg zu haben. Insofern ist es zweckmäßig und auch zwingend, dass man das Vereinswesen, die Sportaktivitäten und eben alles, was das Leben der Leute prägt, gut abgebildet bringt. All dies kommt in diesem Grundsatz zum Ausdruck. Ich persönlich halte ihn für richtig.
Speziell beim Fränkischen Tag gab es 2003 und 2005 große Umbrüche: 2003 die Übernahme der Baumann GmbH (mit der Bayerischen Rundschau und dem Coburger Tageblatt) und 2003 der Relaunch mit der Umstrukturierung der Redaktion zum „Newsdesk“. Inwiefern und warum war das notwendig? Waren diese Schritte aus heutiger Sicht erfolgreich?
Wenn man beide Schritte nimmt, muss man sagen, dass beide notwendig und sehr vorteilhaft waren. Das erste Projekt, der Erwerb der Baumann-Gruppe, war für unser Unternehmen ein außergewöhnlich wichtiger Schritt, weil wir dadurch in eine andere Klasse aufgestiegen sind. Mit einer Auflage von über 100.000 sind wir in Bayern eine gute Adresse. Dadurch haben wir unser Verbreitungsgebiet, fast in idealtypischer Weise, erweitert und abgerundet. Kulmbach ist wie ein Puzzlestück, das ideal passt. Von daher haben wir einen sehr guten Sprung nach vorne gemacht.
In gleicher Weise der Relaunch. Wir hatten ein großes Projekt, das hieß „QualiZ“, regionale Qualitätszeitung Fränkischer Tag. Dies beinhaltete drei Teile: Erstens sollte ein neues publizistisches Konzept voran gebracht werden, was letztendlich auf den Relaunch hinaus lief. Zusammen mit dem Zeitungsdesigner Lukas Kirchner haben wir den gesamten Mantel, die Blattstruktur und das Erscheinungsbild geändert. Das zweite Projekt hieß „Struktur der Redaktion“. Das führte dazu, dass wir unsere Redaktion neu in Richtung „Newsdesk“ organisiert haben. Das dritte war „produktionstechnische Anpassung“. Das heißt wir haben in dem Zusammenhang auch in unsere Technik, unsere Zeitungsdruckerei, investiert und dadurch ermöglicht, dass wir alle unsere Objekte selber drucken konnten, was zu Anfang nicht möglich war.
Das alles zusammen hat uns sehr gut getan.

"Wir sind eine gute Adresse in Bayern"
Was ist der wichtigste Teil des Mantels?
Sicher ist es so, dass unser „USP“, die Unique Selling Position, das Lokale und Regionale ist. Das hat auch dazu geführt, dass wir den Frankenteil direkt auf die dritte Seite des Mantels gepackt haben. Wir gehen also nicht mehr von Groß nach Klein (Welt, Europa, Deutschland, Region, Lokales) vor, sondern haben den regionalen Teil sehr weit vorne platziert. Wir sind der Fränkische Tag und unser Bemühen ist es, die Plattform für die fränkischen Themen zu sein.
Ist es in den überregionalen Bereichen Politik und Wirtschaft überhaupt möglich in Konkurrenz zur FAZ, Zeit, taz etc. zu treten?
Wenn man den falschen Ehrgeiz hätte es genau so zu machen wie die, dann wäre es sicher eine vergebliche Bemühung. Das Prinzip ist Weltpolitik auf die Region herunter zu deklinieren. Zum Beispiel zu fragen, inwiefern sich die Finanzkrise auf die Region auswirkt. Natürlich berichten wir auch direkt über Weltpolitik mittels Agenturmeldungen. Die interessantere Frage ist aber wie sich Weltgeschehen auf die Region auswirkt.
Der Fränkische Tag ist in Bamberg mit über 90% Marktanteil die führende Kraft und im westlichen Oberfranken auch angebendes Presseorgan. Inwieweit kann so ein Monopolismus für den Leser gefährlich sein? Es gibt zum Beispiel desöfteren Vorwürfe, dass ihre Zeitung pro CDU/CSU wäre. Ist eine solche Kritik berechtigt?
Die ist sicher nicht berechtigt. Zum Beispiel nannte der CSU-Politiker Georg Pfister auf dem Parteitag in Nürnberg den FT „die linke Zeitung in Bamberg“. Das heißt, jeder sieht die Welt durch seine Brille. Es ist nicht immer leicht als das erkannt zu werden, was man ist und was man sein will: Ein parteipolitisch unabhängiges Medium. Wir sind ein absolut unabhängiges Zeitungshaus. Wir verstehen uns tendenziell als eine eher konservative Zeitung, das hat aber nichts mit Parteipolitik zu tun.
Das Problem wenn eine Zeitung die einzige in einer Region oder in einem Ort ist ist, dass die Redaktion bequem wird. Ich stelle fest, dass Wettbewerb ein Lebenselixier besonderer Art ist. Ein solcher herrscht in fünf unserer sechs Gebiete der Ausgaben vor. Gibt es Konkurrenz, muss die Ausgabe sich bemühen schnell, gut und aktuell zu sein. Wenn man die einzige Zeitung im Ort ist, neigt man dazu bequem zu werden und das ist schlecht.
Die Fränkische Tag GmbH hat seit kurzem einen neuen Internetauftritt (infranken.de), in dem alle Ausgaben gebündelt sind. Inwieweit ist dieser bisher erfolgreich?
Er ist durch steigende Zugriffszahlen gekennzeichnet. Im Moment haben wir 250.000 Visits pro Monat und drei Millionen Pageimpressions. Das ist ganz ordentlich, aber es könnte auch mehr sein. Das muss sich aber erst einmal einspielen.
Wir glauben eigentlich eine Plattform zu bieten, die in ihrer Vielfältigkeit sehr attraktiv ist. Es gibt aber sicher noch Gründe an der Plattform zu arbeiten. Insbesondere am Inhalt. Sie sollte weniger ein „Abklatsch“ der Zeitung sein, sondern mehr Eigenständigkeit entwickeln.
Wäre eine eigene Online-Redaktion eine Option?
Das ist ein sehr relevantes Thema. Im Moment haben wir Leute, die sich schwerpunktmäßig mit dem Online-Angebot beschäftigen, die aber noch Teil der normalen Redaktion sind. Der Newsdesk bedient die Internet-Plattform. Die Zeitung und infranken.de nutzen also eine redaktionelle Quelle. Es wird sich vielleicht zeigen, dass dort umgedacht werden muss. Die Schwäche des Auftritts ist darin zusehen, dass es ein zu nah an der Zeitung liegender „Abklatsch“ ist. Das ist auf Dauer nicht attraktiv.

Der Fränkische Tag vom Sommer 2008, Lokalteil Bamberg
Wie wäre es mit der Möglichkeit alles interaktiver zu gestalten. Vielleicht sogar den Leser selbst als Autor zu beteiligen?
In gewisser Weise ist Interaktion schon gewährleistet. Wir haben Meinungsseiten, Befragungen und eine Kommentarfunktion. Das Thema „user generated content“ ist ein Schlagwort, das mehr Beachtung verdient als wir ihm derzeit geben. Eine Internet-Plattform muss leben. Sich in die Richtung Interaktion weiterzuentwickeln liegt nahe und ist notwendig. Wir werden in diese Richtung in Zukunft mehr tun.
Sind Online-Medien die Zukunft des Journalismus?
Es ist damit zu rechnen, dass das Gewicht von Internetangeboten im Gesamtspektrum der Medien zunimmt. Das Problem besteht auf der wirtschaftlichen Seite. Wie kann man mit dem, was man im Internet bietet, Geld verdienen? Im Print-Bereich speist sich das wirtschaftliche Ergebnis aus zwei Quellen: Aus der publizistischen Leistung und aus dem Anzeigengeschäft. Also speisen der Verkauf von Content und die Erlöse aus den Anzeigen das Geschäft. Daneben gibt es auch noch Zeitungen, die sich nur aus Anzeigen finanziereDie wirtschaftliche Schwächung der Branche im Zusammenhang mit dem Online-Bereich besteht darin, dass ein neues Geschäftsfeld hinzukommt, was leider unter wirtschaftlichen Aspekten amputiert ist. Denn dort kommt nur Geld über den Verkauf von Anzeigen rein. Der Inhalt wird nicht bezahlt. Dadurch kommt es zu einer weiteren Eintrübung der wirtschaftlichen Gesamtverhältnisse in der Branche. Man kann nur hoffen, dass die klassische Tageszeitung noch ein möglichst langes Leben haben wird.
Es gibt eine Studie der FH Mainz die besagt, dass 30 Prozent der Leser bis 2018 vom Print- zum Onlinebereich wechseln werden. Damit würde der Onlinebereich die klassischen Zeitungen einholen. Ist das realistisch?
Die Frage ist, woran man misst. Gemessen an der Auflage verliert man momentan 1,5 Prozent jährlich. Das wird sich wohl noch verschärfen. Der Erosionsprozess ist ganz klar im Gange. Ich glaube aber, dass die klassische Tageszeitung weiterhin sowohl eine Funktion wie auch Leser haben wird. Jedoch wird sie teurer werden, weil sie sich weniger aus Anzeigen als aus der Bezahlung für die publizistische Leistung finanzieren muss. Wenn sie gut gemacht ist, wird sie auch weiterhin eine positive Resonanz haben. Aber tendenziell wird sie verlieren.
Sind Zeitungen, die nur online präsent sind, die Zukunft?
Das wohl nicht, aber die Gewichte werden sich verschieben. Ich erwarte, dass das Thema „Online First“ im Mittelpunkt stehen wird und man nicht mehr „Print to Online“ praktizieren wird, sondern viel mehr „Online to Print“. Das heißt, dass man die Inhalte, die man im Internet darbietet, in Print-Produkte umsetzt. Das muss keine tägliche Zeitung sein, sondern kann auch eine Wochenausgabe oder eine „Special Interest“- Zeitung sein. Der Fokus wird sich ändern. In der Zukunft könnten Medienunternehmen zunächst ein Online-Angebot anbieten und daraus dann Print-Angebote ableiten und nicht mehr umgekehrt. Noch sind wir allerdings nicht so weit.
In Amerika haben Weblogs eine viel größere Bedeutung als in Deutschland. Hat dieser Zweig auch hierzulande eine Chance zu größerer Bedeutung zu kommen?
Es gibt heutzutage schon Plattformen, die eindeutig in diese Richtung gehen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass amerikanische Trends auch in Deutschland nach zirka fünf Jahren Realität werden. Ich gehe davon aus, dass das verstärkt kommt. Sich Weblogs zunutze zu machen ist das Gebot der Stunde. Bei uns wird auch daran gearbeitet.
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Die (künftige) Entwicklung des Zeitungswesens ist wirklich ein sehr interessantes Thema. Als Ergänzung zum Interview hier mal der Hinweis auf zwei informative Blogs, die sich regelmäßig damit auseinandersetzen:
- Upload-Magazin (z.B. http://upload-magazin.de/blog/2295-die-vage-zukunft-der-zeitungen-und-des-journalismus) und
- Zeitungsperspektiven (http://www.zeitungsperspektiven.de)
[Sehr schönes Theme habt Ihr hier übrigens...
]
@Marv: Danke für die Links. Beides interessante Artikel. Auch dein eigenes Blog gefällt mir, besonders das Theme.
Sehr informativer Artikel, die Zukunft steht uns meiner meinung nach schon bald bevor!
Sehr interessanter Artikel. Ich hoffe auch dass klassische Zeitungen noch lange existieren.
[...] ob Print oder Online – wird mittlerweile seit Jahren diskutiert. Auch wir haben uns darüber einmal mit Dr. Helmuth Jungbauer, Herausgeber des “Fränkischen Tags”, unterhalten. Wirkliche Veränderung ergab das bisher jedoch kaum, keiner wollte den ersten Schritt wagen. Die [...]