Ein aufrichtiges Lächeln oder: Vom Gefühl, ein Fremder zu sein

2. Februar 2010 | Von Lea Sibbel | Kategorie: Gesellschaft

Die eigene Glücksmelodie? Hoffentlich muss ich sie nicht auch singen! Erstmal schauen, was die anderen machen. Ein Stuhl schrabbt über das helle Parkett: „Hi, ich bin Laura. Ein Lieblinsglied fällt mir gerade nicht ein.“ Ok, das war einfach, so bekomme ich das auch noch hin.

Kirche bei Sonnenuntergang

Kirche bei Sonnenuntergang; creative common licenced von flickr.com

Mir sind Vorstellungsrunden unangenehm, waren sie immer schon. Die eigene Person aufgesetzt fröhlich auf zwei Sätze herunterbrechen.  Doch Lauras strahlende Augen untermalen ihr Lächeln und ihre Worte. Eine Gruppe mit aufrichtigen Gefühlen, wie unmodern. Die SMD, die Studentenmission in Deutschland, gibt allerdings auch nicht viel auf Modernität. Das Großgruppentreffen liegt wie ein andersweltlicher Ruhepol am Wochenanfang.

Im Souterrain der Matthäusgemeinde Münster stehen Tischgruppen verteilt im Raum. Auf kleinen, roten Papierservietten verbreiten Windlichter warmen Glanz. Haribos türmen sich bunt in einem Glasschälchen neben Chips und Erdnüssen. Aus einigen Tassen steigt Dampf von heißem Kräutertee auf. Christina tritt aus dem neonlichtdurchfluteten Flur in den kerzenhellen Gemeinderaum. Sie befreit sich von ihrer Umhängetasche, deren Nähte sich vom Gewicht der Uni-Bücher straff spannen. Von allen Seiten her wird sie begrüßt, umarmt. Mir gibt man die Hand, mit diesem aufrichtigen Lächeln auf den Lippen, was mir am Abend noch so oft begegnen wird.

“Mission – das weckt negative Assoziationen”

Christina hat Dave entdeckt und lässt sich mit einem Kuss neben ihm auf den Stuhl sinken. Den Halbamerikaner hat sie über die SMD kennen und lieben gelernt. Vorne wird noch an der Technik gefeilt. Dann endlich wirft der Beamer die nüchterne Power Point Präsentation an die Wand neben das große Holzkreuz. ‚Organisation’ und ‚Lobpreis’ stehen auf der Tagesordnung. Doch zunächst stimmt ein Comedy-Streifen mit Hape Kerkeling und seinem Kampf gegen einen Automaten, der ihm seine persönliche Glücksmelodie nicht ausspucken will, auf die Vorstellungsrunde ein. Bis hierhin fühle ich mich zwar fremd, aber nicht unwohl. Gemeinsam lachen wir über Hape Kerkeling. Ich könnte dazugehören.

Doch dann tritt Rebekka vor das Podest. Zufall oder Absicht, die Lichtanlage hüllt sie in ein goldgelbes Licht, das ihr in diesem religiösen Umfeld eine Aura von Heiligkeit verleiht. Sie beginnt zu beten. An den Tischgruppen senken sich viele Köpfe, die Augen geschlossen, Andacht breitet sich aus. Und Unwohlsein bei mir. Zuviel christliche Anwandlung macht mich nervös.

Die SMD ist ein Zusammenschluss von Christen der unterschiedlichen Konfessionen, die sich in allen Lebenslagen an der Bibel orientieren. Der Glaube an Jesus als Heiland schafft ihre gemeinsame Identität. Gemeinsam wollen die Mitglieder auch ihren Kommilitonen das Evangelium nahe bringen – missionarisch. Christina gefällt dieses Wort nicht, es weckt negative Assoziationen. Statt einer Erzählung von Rebekka zu lauschen, wie ein Atheist von ihrem Glauben überzeugt werden konnte, wirft die rothaarige Jurastudentin einen Blick auf ihr Handy und flüstert Dave etwas zu. Dave musste schon erfahren, dass man es als Mitglied einer christlich-missionarischen Organisation heutzutage nicht immer leicht hat. Als er die ‚Baracke’, ein Gebäude der linken Struktur in Münster, für ein Treffen anmieten wollte, hat man ihn abgewimmelt.

Der Tagesordnungspunkt ‚Organisation’ ist mittlerweile abgehakt: Einladung zum Mittagsgebet am Montag, Frühstück mit Gebet am Donnerstag. Der Lobpreis beginnt. Neben dem Podest stimmen drei SMDler das erste Lied auf Klavier, Gitarre und Geige an. Auf die Texte, die über den Beamer an die Wand geworfen werden, werfen nur wenige einen Blick. Mit geschlossen Augen und voller Inbrunst singen sie Loblieder auf Jesus. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Ein wohliger Schauer, durch die schöne Melodie und die schönen Stimmen hervorgerufen. Ich könnte dazugehören.

Der Imagefilm zum 60jährigen Bestehen der SMD beendet die Versunkenheit des Lobpreises. Mitbegründer Bodo Volkmann, in grauem Anzug vor ein Bücherregal platziert, spricht von Gehorsam gegenüber Gott und der ‚missionarischen’ Verbreitung des Evangeliums. Christina gähnt.

Ich könnte dazugehören. Wäre da nicht die Sache mit dem Glauben.

Ähnliche Hingesehen-Artikel:

ANZEIGE

Ein Kommentar
Hinterlasse einen Kommentar »

  1. Besonders gelungener Artikel. Weiter so!

Schreibe einen Kommentar

Bloggeramt.de Blog Top Liste - by TopBlogs.de Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de