Entwickelt sich ein deutsches Vietnam?

21. April 2010 | Von Dimitrios Athanassiou | Kategorie: Politik
Hier schreibt Dimitrios Athanassiou

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Ist Deutschland, genauer gesagt: die Bundesregierung, nun endlich in der Realität angekommen? Womöglich, traut sich doch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) inzwischen sogar in der Öffentlichkeit immerhin “umgangssprachlich” von Krieg zu sprechen. Juristisch verdient das Gemetzel am Hindukusch diesen Terminus nach seinem Dafürhalten aber nicht. Wahrscheinlich verhält es sich ähnlich wie mit Mord und Totschlag vor deutschen Gerichten: Obwohl es immer ein Opfer gibt, das sein Leben ließ, wird der Tatbestand an sich unterschiedlich gehandhabt. Den Hinterbliebenen ist das einerlei, sie wissen nur eines mit Gewissheit: Ein geliebter Mensch ist gegangen, wird nie wieder mit ihnen lachen, weinen, feiern, nie mehr ihr Leben bereichern. Und es gibt jemanden, der dafür verantwortlich ist.

Nun mit aller Macht – koste es, was es wolle?

Erst vor wenigen Wochen, am Karfreitag, fand die Trauerfeier für drei im Gefecht mit Talibankämpfern gefallene Bundeswehrsoldaten des 373. Bataillons aus Niedersachsen statt. Um Trauerfloskeln waren die anwesenden Politiker wie zu Guttenberg und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nicht verlegen. Der Grundtenor aber erinnerte irgendwie an Durchhalteparolen: „Wir werden den Kampf gegen den Terror mit aller Macht fortsetzen“, äußerte sich Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) anschließend. Und kaum waren die Bundeswehr-Soldaten beigesetzt, brauste eine “Ausbildungsdebatte” auf: Die deutschen Soldaten seien nicht gut genug vorbereitet, hieß es. Der Oberbefehlshaber der amerikanischen und der NATO-Truppen in Afghanistan Stanley McChrystal forderte nachdringlich höhere Ausbildungsstandards bei deutschen Soldaten, damit diese mit ihren multinationalen Kameraden mithalten und ihren Aufgaben optimal nachkommen könnten.

Eine der ersten Reaktionen auf die Debatten ist nun, dass “aufgerüstet” wird. Sprecher der Soldatenverbände monieren ohnehin schon lange, dass die deutschen Kontingente ohne schwere Panzer und Kampfhubschrauber der Situation in Afghanistan nicht Herr werden könnten. Lange wurde sich aber seitens der Politik dagegen gesträubt, diese Mittel zur Verfügung zu stellen. Wie könnte man anschließend auch vor die Medien treten und glaubwürdig von humanitärer Mission, friedenssichernden Maßnahmen oder Polizeieinsatz fabulieren?

Bush gegen Bin Laden - wo ist Deutschland? (Bild via flickr.com von "Shawn Allen")

Würde man die deutschen Truppen tatsächlich mit Panzern vom Typ Leopard-II und Tiger-Kampfhubschrauber ausrüsten, die dem amerikanischen Apache-Helikopter ähnlich sind, würde es nahezu unmöglich, euphemistische Bezeichnungen für das Geschehen in Afghanistan zu finden. Erstaunlicherweise waren aber bereits 2009 vom Hersteller EADS 16 Maschinen dieses Typs mit verstärkten Motoren geordert worden. Die stärkere Motorisierung ist nötig, damit die Hubschrauber auch in klimatisch heißen Regionen und bis in Höhen von 6.000 Metern operieren können. Es ist aber auch einfach vorstellbar, dass dieser Umstand – entgegen der eigentlichen Intention – den Taliban, die auf Guerillataktiken und asymmetrische Kriegsführung spezialisiert sind, nur weitere, fliegende und Multimillionen teure Ziele beschert.

Doch ob nun mit oder ohne schlagkräftigere Waffensysteme: Dass sich die Radikalität der Auseinandersetzungen in Afghanistan beständig erhöht, kann nicht mehr geleugnet werden. Und kaum sind die Soldaten aus Niedersachsen unter der Erde, kommt bereits die nächste Hiobsbotschaft aus Afghanistan. Während einer neuerlichen militärischen Operation, bei der deutsche Truppen eigentlich nur “beratend” anwesend waren, wurden weitere vier Bundeswehrsoldaten getötet und fünf schwer verletzt. Verteidigungsminister zu Guttenberg, gerade aus Afghanistan zurück, machte auf der Stelle kehrt. Von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die zu dem Zeitpunkt in den USA weilte, kamen sofort Betroffenheitsbekundungen, aber auch die Aussage, am Afghanistan-Einsatz weiter festzuhalten.

Erst schießen, dann denken: Abgerechnet wird zum Schluss?

Es mag allzu makaber klingen, aber kaum ist die eine Gedenkfeier vorbei, kann bereits die nächste anberaumt werden. Und vermutlich wird das nicht die letzte bleiben. Demnächst könnte es zur traurigen Routine werden, schwarz-rot-golden bedeckte Särge täglich aufgebahrt zu sehen und Politiker ein ums andere Mal Trauerfloskeln murmeln zu hören. Solange, bis sogar das mediale Interesse am Sterben in Afghanistan abebbt und dort nur noch um des Kämpfen willen gekämpft wird. Klingt nach einem Horrorszenario, das niemand haben möchte, gab es aber schon mal beim Bündnispartner USA: Zwischen 1965 -1975 ließen knapp 60.000 amerikanische Soldaten ihr Leben bei einem Krieg, der laut zu Guttenbergs juristischer Haarspalterei keiner wäre. Schließlich kämpften die amerikanischen Streitkräfte nicht gegen einen international anerkannten Staat, sondern gegen die kommunistischen Vietcong, die Vietnam durch ihre Offensive in einen nördlichen und südlichen Teil gespalten hatten.

Das ist den Taliban in Afghanistan selbstverständlich nicht gelungen. Wird es auch vermutlich auch nicht, da ihre Vorgehensweise eine andere ist. Das Ziel, das Land generell unter ihre Kontrolle zu bekommen, existiert aber. Und diesem sind sie näher als man meinen könnte: Längst wird den in Afghanistan stationierten deutschen Truppen von den Einheimischen nicht mehr freundlich zugewunken, wenn sie ihre Unterstände verlassen. Jeder versehentlich getötete afghanische Zivilist beschert den Taliban zudem neue Sympathisanten. Und die meisten Schulen, die errichtet wurden und derer man sich so rühmte, sind inzwischen verwaist. Darunter insbesondere jene, die für den Unterricht der Mädchen und der jungen Frauen geschaffen worden waren. Zu groß ist die Angst vor Vergeltungsmaßnahmen der Taliban, als das sich noch jemand zum Unterricht wagen würde. Obendrein beginnt sich inzwischen sogar der Marionetten-Präsident Karsai gegen den Befreier, der zum Besatzer wurde, zu ereifern.

Amerikanische Soldaten im Gefecht in Afghanistan (Bild via flickr.com von "The U.S. Army")

Der Vergleich mit dem Vietnam-Krieg mag zu weit hergeholt klingen, aber das Fiasko zeichnet sich deutlich ab. Afghanistan ist militärisch nicht in den Griff zu bekommen. Daran ist schon manch Eroberer gescheitert. Ein sozialer Strukturwandel aber, der nötig wäre, um aus diesem Land einen säkularen Rechtsstaat zu machen, der sich vom Radikalislamismus abwendet, kann nur von innen heraus kommen. Dass dies in absehbarer Zeit passiert, ist wenig wahrscheinlich. Der Eindruck erhärtet sich somit, dass der Westen das “Planspiel” Afghanistan nicht aufgibt, da niemand weiß, wie man das anstellt und dabei das Gesicht wahrt. Zu voll hatte man den Mund auch im Vorhinein genommen.

Vermutlich wird es noch einige Jahre brauchen, bis das westliche Militärbündnis, das Afghanistan zu befrieden suchte, in der Lage sein wird, einzugestehen, dass diese Operation gründlich gescheitert ist. Dann wird auch in Deutschland die endgültige Bilanz dieses Engagements gezogen werden. Möglicherweise wird dann eine andere Parallele zu Vietnam augenfällig werden: Die der psychischen Kollateralschäden. In den Jahren nach dem Ende des Vietnamkriegs nahmen sich fast ebenso viele (ehemalige) Soldaten das Leben, wie im Krieg selber ums Leben gekommen waren. Alleingelassen mit alldem, was ihnen dort widerfahren war und sie nunmehr verfolgte, wussten sie sich irgendwann keinen Ausweg mehr. Dass es im Krieg immer Gefallene zu beklagen gibt, ist jedem geläufig. Dass aber auch die Überlebenden tickenden Zeitbomben gleich sind, zeigt sich leider meist viel zu spät.

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