Polit-Gaga oder einig Schlämmerland?
26. August 2009 | Von Dimitrios Athanassiou | Kategorie: PolitikDeutschland im Jahr 2020: Begriffe wie Arbeitslosigkeit, Atomenergie und Ausländerintegration finden sich nur noch in den Lexika. Die Bundesrepublik Deutschland ist zu einem Hort der Weisheit, des Wissens und des Wohlstandes geworden. Ein Land, in dem Milch und Honig in den Flüssen fließen und die Früchte einem direkt ins Mäulchen wachsen. Nichts als Utopie? Beide großen Volksparteien versprechen mitunter ähnlich Hanebüchenes: Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier spricht von vier Millionen Arbeitsplätzen, die zu schaffen sind; im Programm der CDU ist ebenfalls von „Vollbeschäftigung“ die Rede. Im Grunde ist es das selbe lahme Versprechen.

Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling (Quelle: http://www.flickr.com/photos/rene_berlin/ / CC BY-NC-ND 2.0)
Einer spricht hingegen Tacheles: „Vier Millionen Arbeitsplätze schaffen, das kann ich nicht. Ich wüsste nicht mal wie!?“ Horst Schlämmer lautet sein Name. Der ehemalige stellvertretende Chefredakteur des „Grevenbroicher Tagblattes“ tritt mit seiner selbstgegründeten Horst-Schlämmer-Partei (HSP) an Bundeskanzler zu werden, und nach aktuellen Umfragen würden ihn glatt 18 Prozent wählen. 44 Prozent der Deutschen trauen ihm gar mehr zu als Amtinhaberin Angela Merkel.
Konservativ, liberal und links
Mit dieser Philosophie muss man regelrecht zur Volkspartei avancieren: „Isch bin für alle da und auch nicht schlechter als die anderen“, sagt der stets von einem Hauch Dornkaat umwehte Kandidat. Allerdings mutet sein Wahlprogramm schon etwas abenteuerlich an: Die Verkehrsünderkartei in Flensburg wird abgeschafft, Schönheits-OPs sollen in Zukunft von den Kassen getragen werden, Sonnenbänke gibt es gratis für alle, ab Geburt ein bedingungsloses Grundeinkommen von 2.500 Euro, Grevenbroich soll Bundeshauptstadt werden und der Bundeshase löst den Bundesadler als Wappentier ab.
Ob das alles ohne weiteres zu realisieren wäre, sei dahingestellt. Horst Schlämmer wird sich ohnehin nur im Film zur Wahl stellen. Seit dem 20. August läuft „Horst Schlämmer – Isch kandidiere!“ in den deutschen Kinos. Und niemand anders als der bekannte Komiker Hape Kerkeling verbirgt sich hinter dem Mann mit der ergrauten strubbeligen Löwenmähne, widerborstigem Oberlippenbart, ordentlich Bauchansatz und einem Modeverständnis, das Kommissar Columbo zur Ehre gereichen würde. Horst Schlämmer ist eine Kunstfigur, aber eine, die in den letzten Wochen für mehr „Politrummel“ sorgte als die realen Kandidaten um das Bundeskanzleramt: Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel.
Bundeshase vs. Bundesadler
Pleitegeier heißt der Bundesadler im Volksmund. Und kaum jemals zuvor hat das so gut gepasst: Die Finanzkrise, die deutsche Banken, an denen Bund und Länder gehörig Anteile halten, leidlich mitproduziert haben, wird die Staatsverschuldung in den kommenden Jahren in ungeahnte Billionenhöhe katapultieren. Welch Wunder, wenn die Menschen – sagen wir es mal offen heraus – keinen Bock mehr haben, wählen zu gehen! Wen überhaupt? Die SPD steht längst nicht mehr für das ein, was sie früher mal auf die Fahnen geschrieben hatte. Von „sozial“ kann, beispielsweise dank Hartz-Reformen, keine Rede mehr sein. Die Grünen sind von einer ökologischen Linken ins bürgerliche Zentrum gewandert und tragen das Afghanistan-Mandat mit. Guido Westerwelle hat sich mit seinen Liberalen zwar vom Makel des opportunistischen Politbeischläfers gelöst und will es künftig samt FDP ausschließlich mit der CDU machen. Aber mal ehrlich: Wie kann man eine Partei wählen, dessen radikaler kapitalismusfreundlicher Kurs Wirtschaftkrisen, wie die aktuelle, im besonderen Maße fördert? Da klingt doch der Glaube an eine Ethik in der Wirtschaft, welche die FDP gerne propagiert, wie blanker Hohn; und die CDU tickt diesbezüglich gleich und wäre 2003 obendrein am liebsten, an der Seite der USA, in den Irak einmarschiert.
Es bliebe die Protestwahl, aber darauf hoffen die extremen und radikalen Bündnisse. Wenn Protestwahl, dann bitte gleich Politsatire. Und wenn der olle Adler dann in den Ruhestand geschickt wird und im Plenarsaal des Bundestages ein Möhrenlutscher auf die Volksvertreter runterblickt, was soll’s? Endlich kommt Spaß in die Bude. Dabei liefern die zu Wählenden derzeit ohnehin ein amüsantes Politkabarett: Kaum zu toppen, die Berliner Bundestagskandidatin Vera Lengsfeld, die im Synchronpräsentieren ihrer sekundären Geschlechtsmerkmale gemeinsam mit der Kanzlerin von den Plakaten wirbt: „Wir haben mehr zu bieten“. Mal abgesehen von der altersheimtauglichen Peepshow-Einlage, die optisch gesehen Geschmackssache ist, wer kommt den auf so ’ne Idee? Aber die Grünen und Die Linke sind sich ebenfalls keinen Deut zu schade, in ähnlich seichten Gefilden zu fischen. Blankziehen scheint beliebter zu sein als inhaltlich zu brillieren.
Bundestagswahlen? Was, wann und warum?
Ist das denn überhaupt noch ein Wahlkampf? Am 27. September wird ein neues Parlament gewählt, aber ist überhaupt zu spüren, dass auf der Politbühne etwas passiert? Steinmeier tourt durch die Republik und versucht Stimmung zu machen, doch wie soll man eine Nation aus dem Politdelirium erwecken, wenn sie die ewig gleichen Litaneien und abgedroschenen Phrasen leid ist? Obendrein hört sich Steinmeier wie eine Schröder-Light-Version an, der es aber dessen Elans und Charismas ermangelt. Wie damit Front machen gegen den politischen Gegner (mit dem sich vorher vier Jahre lang aneinandergekuschelt wurde), wenn der gar nicht in die Arena kommt? Merkel sitzt diese lästige Zwischenepisode ihrer Regentschaft – Bundestagswahl genannt – einfach aus. Wieso mit jemandem ringen, der sich in den Vormonaten regelrecht selbst besiegt hat?
Das muss man der SPD lassen: Im Sich-selbst-aus-dem-Rennen-Werfen hat sie inzwischen reichlich Übung. Und selbst wenn man meint, sie hätte nun alle Fettnäpfchen getroffen, kommt von irgendwo eine Ulla Schmidt mit ihrer (abhanden gekommenen) Staatskarosse daher. Die amtierende Bundeskanzlerin liegt somit in den Prognosen derart weit vorn, dass sie sich dem Duell mit ihrem Herausforderer überhaupt nicht zu stellen braucht. Es scheint in Deutschland so weit zu sein, dass es reicht, vier Jahre die Füße still zu halten, wenig Wellen zu machen und sich in weitläufig-schwaflerischen Floskeln zu ergehen, um wiedergewählt zu werden.
Alles deutet also auf eine Regierungskoalition zwischen CDU/CSU und der FDP nach der Wahl hin. Ein Gutes für Angela Merkel hätte Guido Westerwelle als Außenminister und Vize-Kanzler: Sie könnte sich ein paar Modetipps abholen. Da wird die SPD 2013 wohl mit Klaus Wowereit kontern müssen, falls sich Schlämmer in vier Jahren nicht wirklich mal zur Wahl stellt.
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