Glosse: Schießt die CDU zum Mond!
13. August 2009 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: PolitikDie CDU träumt wieder! Zwar nicht von einem schuldenfreien Staat, auch nicht von Privatsphäre oder Datenschutz, ganz sicher nicht von einer friedlichen Welt (wie könnte sie, wo sie doch in ihren letzten Oppositionsjahren den USA nur allzu gerne in den Irak gefolgt wäre?). Nein, die CDU träumt vom Mond. Konkret: Peter Hintze (Luft- und Raumfahrtkoordinator der Regierung) schlägt vor, unbemannte deutsche Gerätschaften im nächsten Jahrzehnt genau dorthin zu schicken. Das Ganze koste sogar weniger als zwei Milliarden Euro. Günstig, oder? “Wie das Projekt finanziert werden soll, ist unklar”, heißt es in den Meldungen.

Luft- und Raumfahrtkoordinator Peter Hintze von der CDU (Quelle: Wikipedia)
“Forschungsprojekte” sollen dann rund 350.000 Kilometer von der Erde entfernt stattfinden. Was man mit den dort gewonnenen Erkenntnissen machen will, erschließt sich mir nicht. Zumal man bereits jetzt über das All mehr weiß als über die Ozeane. “Warum in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah”, schrieb Goethe schon vor 200 Jahren. Die CDU – und mit ihr die FDP, die das Projekt nach der Wahl unterstützen will – gibt sich jedoch lieber weitläufigen Hirngespinsten hin, anstatt sich drängenderen Problemen auf diesem Planeten (mehr noch: in diesem Land, für das sie als Regierungsmitglied zuständig ist) zu widmen.
Eigentlich gefällt mir das Zitat “Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen” von SPD-Alt-Kanzler Helmut Schmidt nicht, denn hohe Ziele sollte man sich schon stecken dürfen. Sie können einem bei Unklarheiten den Weg weisen und eine gemeinsame Linie schaffen. Hier halte ich es jedoch für angebracht. Was Hintze und Konsorten mit diesen Planspielen bezwecken wollen, wird nicht klar: Sicher, man könnte seinen Ruf als führende Bildungsnation festigen. Aber ob es derzeit nicht wichtigere Angelegenheiten gibt? Fragen Sie mal einen Hauptschullehrer oder einen Hartz IV-Empfänger oder …
Wer der SPD vor wenigen Tagen nach der Vorstellung des Deutschland-Plans mit dem Ziel der Vollbeschäftigung den Realitätssinn absprach, wird nun von der CDU erneut enttäuscht. Die führt in dieser Kategorie jetzt wieder mit 2:1. Den Mond-Plänen ging ja bereits die Losung nach Steuersenkungen voraus. Davon abgesehen sitzt die momentan stärkste Fraktion des Landes den (ernsthaft geführten) Wahlkampf weiter passiv aus – sie liegt ja sowieso in Front. In Hessen hat das Anfang des Jahres schließlich auch geklappt.
Währenddessen gerät ihr ach so beliebter Wirtschaftsminister zu Guttenberg erstmals nach seiner innerhalb der Partei umstrittenen Amtseinführung im Februar in negative Schlagzeilen. Dabei waren diejenigen, die ihm Kompetenz zusprachen, doch vor allem die Meinungsinstitute. Und es ist auch nicht schwierig zu erraten, dass unter deren Teilnehmern (die sich pro Guttenberg aussprachen) viele Gala-Leser sein werden, denen hauptsächlich sein gepflegtes Äußeres und der adlige Familienhintergrund gefällt. Weil er und Bundesjustizministerin Brigitte Zypries von der SPD sich jetzt nicht auf ein gemeinsames Gesetz zur Zwangsverwaltung maroder Banken – einem zentralen Thema in der Wirtschaftskrise – einigen konnte, holte er “externen Sachverstand” ein. Durch diese Beratung war er schneller fertig als seine “Konkurrentin” (obwohl sie doch eigentlich gemeinsam im Sinne der Bundesrepublik handeln sollten) – er bezahlte jedoch auch oben drauf, und es war eben nicht sein Sachverstand, der den Gesetzentwurf gestaltete.
Mit der Mondlandung vor 40 Jahren erfüllten die Amerikaner der Menschheit einen langgehegten Traum. So wird es zumindest in den meisten Fällen dargestellt. Ich selbst für meinen Teil hatte nie den Wunsch, den Mond zu betreten. Selbst wenn: Nur weil einige Astronauten dies erreicht haben, wird dadurch nicht die komplette Weltbevölkerung in ihrem Streben zufrieden gestellt. Dass die bemannten Mondprojekte ohnehin hauptsächlich als Prestigekampf im hochsymbolisch geführten Kalten Krieg zustande kamen, kommt noch hinzu. Verändert haben die Missionen unseren Alltag jedenfalls nicht. Dasselbe befürchte ich bei Hintzes Vorschlag, sollte er tatsächlich umgesetzt werden.
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Im 21. Jahrhundert sollte Raumfahrt nicht mehr als Traumtänzerei fern der Realität abgetan werden. Natürlich ist es schwer, bei Weltraummissionen wie konkret den Mondlandungen einen konkreten Nutzen herauszufiltern; doch den Umgang mit für damalige Zeit hochkomplexer Technik und das wissenschaftliche Überwinden technischer Probleme; das Überschreiten von Grenzen, halte ich für sinnvoll.
Spätestens wenn Deutschland und Europa in einigen Jahren den asiatischen Staaten auch in der Raumfahrt hinterherhinken werden, wird man sich dessen bewusst sein.
@hofnarr.christopher: Volle Zustimmung!!! Inbesondere für die Aussagen:
Wer der SPD vor wenigen Tagen nach der Vorstellung des Deutschland-Plans mit dem Ziel der Vollbeschäftigung den Realitätssinn absprach, wird nun von der CDU erneut enttäuscht. Die führt in dieser Kategorie jetzt wieder mit 2:1
und
Davon abgesehen sitzt die momentan stärkste Fraktion des Landes den (ernsthaft geführten) Wahlkampf weiter passiv aus – sie liegt ja sowieso in Front. In Hessen hat das Anfang des Jahres schließlich auch geklappt.
@Carsten: Ich tue Raumfahrt nicht als Traumtänzerei ab. Doch was bringt uns diese, wenn sie in der nächsten Leglislaturperiode in Angriff genommen wird? Gar nichts! Wenn unsere Politiker über Jahrzehnte gesund gewirtschaftet hätten und wir schuldenfrei wären, dann könnten sie sich dieses Prestigeprojekt jetzt leisten. Es geht ja eh nur darum, das der Hintze irgendwann sagen kann: “Hey, wir waren auf dem Mond. Und ich habe die Idee gehabt!” Es gibt dringendere Probleme als eine Reise zum Mond – zum Beispiel die Arbeitslosigkeit. Und da finde ich Vollbeschäftigung als ZIEL (nicht als Versprechen) schon wesentlich angebrachter!
wie viele windraeder koennte man fuer ca. 2,000,000,000 euro in der nordsee aufstellen und 20 jahre lang betrieben, die dann energie fuer wieviele tausend haushalte erzeugen? und wieviele wieviele milliarden euro an zahlungen an russische gasfirmen wuerde das einsparen?
Fein! Erstmal sehr schöner satirischer Beitrag…
Allerdings liegt die CDU in Punkto verbaler Fehlschüsse sogar weiter vorn: die 4 Millionen neuer Arbeitsplätze (bis 2020) hat auch die CDU in petto. Sie nennt es “Vollbeschäftigung”. Wenn man die aktuellen Arbeitslosenzahlen sieht, die allmählich auf diese Höhe klettern, ist es im Prinzip die selbe Idee. Tatsächlich attackieren sogar einige aus dem CDU-Lager Herrn Steinmeier dafür, dass er diese Idee aus dem CDU-Programm “entlehnt” hat. Eigentlich also sollte man beiden Parteien vielleicht einen halben Punkt für diesen Klops geben.
Zur Weltraumfahrt:
Tatsächlich ist dies das größte Abenteuer und die größte Herausforderung, vor der die Menschheit steht. Auch wenn vieles nach SF klingt, sollte man Raumfahrt und Weltraumforschung nicht belächeln. Dafür gibt es viele Gründe.
Einige ganz simple sind: Ein Großteil der Raumfahrtforschung ist auch Grundlagenforschung: IT, Kybernetik, Antriebstechnologie, Solartechnick, neue Werkstoffe mit speziellen Eigenschaften… all das kommt der ganzen Menschheit zugute. Außerdem leben wir auf der Erde auf einem winzigen fragilen Planeten, der immer wieder in der Vergangeheit von Meteoren getroffen wurde und das Leben mehrfach fast vollständig dadurch ausgelöscht. Statistisch ist wieder einer überfällig. Da wäre es schon sinnvoll nach Abwehrstrategien zu suchen. Und zu guter letzt: Möglicherweise kann nur ein gemeinsames großes Zukunftsprojekt eines Tages helfen, die Menschheit, die sich seit Jahrtausenden wegen allem möglichen (unbedeutenden) Zeugs, die Köpfe einschlägt, zu vereinen – in einer Aufgabe, einem gigantischem Zukunftsvorhaben; warum nicht den Weltraum erobern?!
…der Artikel ist aber trotzdem Sahne!
@Dimitrios
Wir haben doch schon “ein gemeinsames großes Zukunftsprojekt”, nämlich die Beseitigung von Ungerechtigkeit und Armut auf diesem Planeten! Ein gigantischeres Zukunftsziel gibt es doch wohl nicht!Warum sollte die Eroberung des Weltalls wichtiger sein und die Menschheit mehr einen?