Günter Wallraff im Interview: “Es geht um einen Einstellungswandel”
22. Dezember 2009 | Von Dimitrios Athanassiou | Kategorie: Hingesehen-FeaturesEs ist erst ein paar Wochen her, dass der bekannte Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, der 2005 für den Grimme-Preis nominierte (”Martin Luther King – Ein Staatsverbrechen”) Filmemacher Pagonis Pagonakis und meine Wenigkeit sich zu einem Plausch trafen. Thema war der Film “Schwarz auf Weiß”, den die beiden gemeinsam realisiert haben und der kürzlich im Kino zu sehen war. Die mehrstündige, teils sehr lebendig geführte Diskussion wurde anschließend als “Dreiecks-Interview” auf Spielfilm.de veröffentlicht.
Kurz vor Weihnachten treffen wir uns wieder. Wallraff und Pagonakis, die schon mehrfach zusammenarbeiteten, waren letztes Jahr um die Jahreswende noch an einem anderen Projekt tätig: In der kältesten Zeit des Jahres war Wallraff als Obdachloser wochenlang unterwegs, hatte in verschiedenen Asylen und auch auf der Straße übernachtet. Die Kamera (oft versteckt) war ein ständiger Begleiter, der dokumentiert, wie schlecht es im Wesentlichen um die sozialen Auffangnetze in unserer Gesellschaft bestellt ist und mit welcher Verachtung hilfsbedürftigen Menschen oft entgegen getreten wird.Die Reportage wurde am 15.12. abends um 21.00 Uhr in ZDF ausgestrahlt. Mit großem Interesse hatte ich mir den Film angesehen und ehrlich gesagt: Mit sehr viel Neuem wurde ich nicht zwangsläufig konfrontiert. Vielleicht liegt das daran, dass ich in der Vergangenheit keine Scheue davor hatte, ein paar Worte mit manchem Obdachlosen zu wechseln und gelegentlich, wenn mich einer nach einem Euro für etwas zu essen fragte, kaufte ich ihm eine Kleinigkeit und nahm mir einige Zeit, um den Menschen auf mich wirken zu lassen (Geld gebe ich aber prinzipiell keines: Es mag sein, dass für diese Menschen Alkohol mitunter eine Art “Notmedikation” ist, aber dennoch sehe ich es nicht ein, deren Sucht zu finanzieren – damit ist niemandem geholfen).
Natürlich ist es eine Schande, dass mindestens 250.000 Menschen in diesem Land ohne Obdach sind und die Tatsache, dass sie in diesen Asylen menschenunwürdig behandelt werden, gereicht unserem System nicht gerade zur Ehre. Dennoch sind meine Gefühle gemischter Natur: Auch wenn mir klar ist, dass hinter jeder Ziffer Einzelschicksale stecken und man diese Menschen nicht über einen Kamm scheren darf, irritiert mich, dass dieses Abrutschen eine Art selbstinduzierte Dynamik haben soll. Job weg, Partner weg, persönliche Schicksalsschläge, Schulden, Wohnungsverlust, Straße?
Einiges davon habe ich auch schon erlebt. Jedem kann das Leben übel mitspielen, aber es gibt Auffangsysteme, die greifen bevor es zu spät ist. Man muss natürlich um seine Rechte wissen und auch die ganze notwendige Bürokratie bewältigen können (was bei vielen Menschen vermutlich ein ernstes Problem darstellt), dann die notwendigen Schritte einleiten und sich vor Ämtern und Behörden entblößen. Falscher Stolz und der Glaube, dass man es aus eigener Kraft schafft, helfen in solch einer Situation nicht unbedingt weiter. Ebenso wenig aber wie seine Probleme in der Flasche zu ertränken, doch ich will niemandes Richter sein.
Mich beschleicht einfach das Gefühl, dass die Probleme tiefer wurzeln: Die Mixtur aus einer immer leistungsorientierteren Gesellschaft, in der das Individuum nicht mehr als Humankapital darstellt und in der soziale Bande keine besondere Belastungsfestigkeit mehr aufweisen, produziert viel soziale Kälte. Schwäche wird nicht lange toleriert. Niemand möchte sich mit jemandem belasten, der psychisch oder physisch nicht in der Lage ist, sein Leben selbst zu meistern. Wer bremst, verliert und der alte Spruch, dass sich die wahren Freunde in der Not zeigen, scheint nur noch akademischen Wert zu haben. Können solche Reportagen tatsächlich zu einem Einstellungswandel beitragen oder schieben wir letzten Endes die Verantwortlichkeiten abermals den Organisationen zu und ändern wenig an den immanenten Strukturen in der Gesellschaft?
Dimitrios Athanassiou trifft Günter Wallraff zum Interview
Hingesehen: Lange war es hierzulande vergleichsweise still um Sie. Gab es in diesen 20 Jahren keine brennenden Ungerechtigkeiten, die Enthüllungsreportagen gerechtfertigt hätten?
Günter Wallraff: Das sieht nur so aus. Ich war nicht untätig. Beispielsweise war ich in Japan in der Rolle eines iranischen Gastarbeiters unterwegs. Auch dort existiert Diskriminierung und es gibt einen immer noch ausgeprägten Nationalismus. Die Reportage wurde im japanischen Fernsehen ausgestrahlt und von immerhin acht Millionen Menschen gesehen. Aus meinen Honoraren habe ich über eine Million Euro in meine Stiftung “Zusammenleben” eingebracht. Außerdem war und bin ich auch in Afghanistan tätig gewesen. Mit dem Geld aus meiner ausbezahlten Lebensversicherung habe ich dort den Aufbau einer Mädchenschule finanziert.
Hingesehen: Einer der Vorwürfe, unter anderem auch von einigen Schwarzen, lautet, dass Sie bei “Schwarz auf Weiß” so gut wie gar nicht Betroffene zu Wort kommen lassen? Bei “Unter Null” geschieht das. Obdachlose kommen zu Wort und erzählen aus ihrem Leben. Warum war es hier möglich, dies so zu realisieren?
Wallraff: Es gibt grundlegende konzeptionelle Unterschiede zwischen beiden Filmen: “Schwarz auf Weiß” war ein Kinofilm, in dem ich als Schwarzer unterwegs war, um den aktuell existierenden, alltäglichen Rassismus hierzulande aufzudecken und den Menschen den Spiegel vorzuhalten. Dabei ist es eben “der Gag”, dass es ein Weißer ist, der sich als Schwarzer maskiert, um dann die Projektionsfläche zu geben. Außerdem waren es nur sehr wenige Vertreter von Schwarzen-Verbänden, die sich daran gestört haben. Die überwiegende Mehrheit hat sich durchaus positiv geäußert. “Unter Null” ist hingegen eine klassische TV-Reportage, die einen anderen Zweck verfolgt: aufzuzeigen wie Organisationen reagieren und welche Missstände existieren; hierbei bilden die Erfahrungen Betroffener eine sinnvolle Ergänzung.
Hingesehen: Wenn man den Film sieht, bekommt man das Gefühl, dass vieles angekratzt wird, aber nur selten tief eingestiegen wird. Hätten Sie sich persönlich ein anderes Format für diesen Film gewünscht?
Wallraff: Sicherlich wären 90 Minuten, also Spielfilmformat, besser gewesen. Aber es ist halt eine TV-Reportage, die Grenzen hat. Man kann darin nicht allen Facetten gleichermaßen gerecht werden. Geht man zeitlich zu stark auf die Individualschicksale ein, verliert sich der Blick aufs Ganze. Berichtet man überwiegend aus einer globalen Sicht über die Problematik, geht hingegen die authentische Nähe zum Menschen verloren. Ich denke wir haben einen Mittelweg gewählt.
Hingesehen: Als Grundtenor des Films lässt sich resümieren: Alles Individualschicksale, aber mit einem ähnlichen Schema. Und ist man erst auf der Straße angekommen, geht es kaum mehr zurück. Ist es bloßes Vorurteil, dass viele, die schon lange raus aus der Gesellschaft sind, im Prinzip weder zurück können, noch wollen?
Wallraff: Nein, aber die Verallgemeinerung stellt mitunter das Problem dar. Viele haben sich tatsächlich in ihrer Sozialisierung soweit von der Gesellschaft entfernt und sind diesem Leben verhaftet, dass sie nicht mehr zurück können. Andere können zumindest phasenweise sesshaft werden; und es gibt diejenigen, die tatsächlich wieder einem Job nachgehen würden und gerne eine Wohnung hätten. Bei einem der Protagonisten wird das vermutlich jetzt klappen. Für den Ingenieur, der wegen Insolvenzverschleppung ein halbes Jahr in der JVA saß, interessieren sich plötzlich eine ganze Reihe von Firmen.
Hingesehen: Gegen Ende vermisst man einen eindeutigen Appell. Was möchten Sie mit dem Film letzten Endes bewirken – eine bloße Wahrnehmung der Menschen an den Gesellschaftsrändern?
Wallraff: Es geht um einen Einstellungswandel. Diese Menschen dürfen nicht länger pauschal abgeurteilt und dazu noch verachtet werden. Wer kann schon sagen, wieviel bei einem selbst nötig wäre bis er den Boden unter den Füßen verlieren würde. Ich hoffe, dass Menschen, die diesen Film sehen, sich in Zukunft mehr hinwenden und auch aktiv helfen. Bei mir hat diese Arbeit schon eine Menge bewirkt. Auch ich hatte vorher Vorurteile.
Hingesehen: Was könnte und sollte Ihrer Meinung nach bei der Betreuung von Obdachlosen anders gemacht werden, sowohl auf Bundes-, Landes-, und Kommunalebene? Im Optimalfall müsste wahrscheinlich jeweils ein Sozialbetreuer für einige wenige Fälle eingesetzt werden. Man bräuchte also 100.000 oder mehr solcher Fachkräfte – ist das realistisch?
Wallraff: Als erstes sollten die Auffangstellen und Asyle geschlossen oder abgerissen werden, in denen menschenunwürdige Verhältnisse herrschen. Diese unsägliche Containersiedlung in Frankfurt wird jetzt tatsächlich abgerissen. An ihrer Stelle entsteht jetzt ein Wohnprojekt, bei dem die Obdachlosen zum ersten Mal ein Recht auf Mitgestaltung haben und das auch auf Wiedereingliederung der Obdachlosen angelegt ist. Es könnte zu einem Pilotprojekt werden, das Schule macht. Natürlich kann man aber nicht jedem Obdachlosem einen persönlichen Betreuer stellen. Es wäre aber durchaus möglich, ehemalige Obdachlose, die den Weg in ein normales Leben zurückgefunden haben, als Ansprechpartner und Betreuer zu beschäftigen.
Der Interview-Teil mit Pagonis Pagonakis folgt in den nächsten Tagen.
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