Ich kann Kanzler: Der Castingwahn erreicht die Politik

19. Juni 2009 | Von hofnarr.florian | Kategorie: Gesellschaft

Nach Superstar, Topmodel und Musicalstar sucht nun das ZDF den Superkanzler. Durch eine Castingshow möchte das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Politikverdrossenheit unserer Jugend entgegenwirken sowie seine Zuschauerzahlen nach oben treiben. Zu gewinnen gibt es übrigens nur ein Kanzlergehalt und die Möglichkeit dank der Publicity der Sendung wirklich in die Politik einzusteigen. Am Freitag um 21.15 Uhr strahlt das Zweite Deutsche Fernsehen das Finale aus.

Bisher suchten vor allem Privatsender neue Talente für alle möglichen Bereiche der bunten Show-Welt. Der Erfolg solcher Formate war immens groß. Darum setzt nun auch das seriöse ZDF auf Talentshows, um allerdings den Ruf zu wahren, werden Talente für intellektuellere Bereiche des öffentlichen Lebens  gesucht. Als erstes suchte unter anderem der vielfache Teilnehmer des Eurovision Songcontests Ralph Siegel für das Zweite “die deutsche Stimme 2003″ und ging klanglos im Quotensumpf unter. Die Kandidaten durften nur auf Deutsch singen und talentfreie Teilnehmer mit fragwürdigem Kultpotenzial wurden im Gegensatz zum privaten Vorbild gar nicht erst zugelassen. So verlor die Show jedoch schnell an Attraktivität bei Casting-Fans und der restliche Teil der Zuschauer wechselte lieber zur ARD.

Auch ein zweiter Versuch, in dem der neue Musical-Star für “Starlight Express” von Thomas Gottschalk persönlich gesucht wurde, lockte niemanden hinter dem Ofen hervor.

Nun wagt sich das ZDF an Neuland im deutschen Fernsehen. Es soll die neue Politik-Hoffnung Deutschlands gesucht werden. Damit wird die Politik zum neuen Showprojekt. Ob das in Zeiten der Krise der richtige Weg ist? Begeisterung für die Thematik in der Bevölkerung ist sicherlich ein enorm wichtiger Aspekt, sie darf aber nicht zu Kosten der Kompetenz der Kandidaten gehen. Die gibt es auch in der Jury nur zum Teil: Neben Bremens Bürgermeister a.D. Henning Scherf, der als Ersatz für den abgesprungenen Hans-Dietrich Genscher eingesprungen war, bilden mit Günther Jauch ein Moderator und mit Anke Engelke eine Comedian die Gruppe.

Aus vielen Bewerbern wurden 40 Kandidaten ausgesucht, die sich dann im Vorfeld der Sendung der Jury präsentieren mussten. Die Interessierten im Alter von 18 bis 40 Jahren mussten ihre politischen Ideen und Konzepte vorstellen und sich Fragen der Jury-Mitglieder stellen. Für die große Finalsendung sind jetzt noch sechs Kandidaten übrig, die sich dem Votum der Zuschauer stellen mussten. Das ZDF zeigte dazu eine 45-minütige Dokumentation des Vorcastings.

Alle Kandidaten sind mit einem eigenen Profil bei MeinVZ bzw. StudiVZ vertreten und präsentieren dort in kurzen Videos ihre Ideen. Natürlich gehen diese kurzen Spots nicht über eine oberflächliche Präsentation von Konzepten heraus, dennoch lässt sich eine grobe politische Struktur der Kandidaten erkennen. Ich möchte hier kurz die einzelnen Casting-Kanzler und meine Eindrücke vorstellen:

1. Siegfried Walch: Der Wirtschaftsliberale

Der Geschäftsführer eines Autohauses vertritt im Wesentlichen die Interessen des Mittelstands. Er macht also zu großen Teilen Klienteleffekt. Er strahlt Seriösität und Führungsstärke aus. Sein Hauptziel ist die Reform des deutschen Steuerrechts. Er ist bereits Mitglied in einem Gemeinderat für die CSU. Es wird sicherlich schwer für ihn, mit seinen Ideen die Zuschauer zu erreichen und zu begeistern.

Mögliche Partei: CSU

2. Jacob Schrot: Der Pluralist

Der Abiturient wirkt trotz seiner Jugend recht kompetent und redegewandt. Er hat ein sehr optimistisches Programm ohne Angst vor der Zukunft. Er setzt sich vor allem für eine gemeinsame Zukunft aller Menschen ohne Neid ein. Jedoch fehlt es mir bei ihm an konkreten Programmpunkten – Ideale hat er aber reichlich.

Mögliche Partei: Grüne

3. Delano Osterbrauck: Der Ruhige

SPD-Mitglied in Bayern zu sein ist mutig. Der 18-Jährige kommt sehr informiert und kompetent rüber. Auf viele schwierige Fragen der Jury findet er gute Antworten. Als bayerischer Obama könnte er aber die Herzen der Zuschauer erobern. Seine Rhetorik lässt allerdings noch einiges zu wünschen übrig, da seine monotone Stimme sehr einschläfernd ist.

Mögliche Partei: SPD

4. Nuray Karaca: Die Unbekümmerte

Die Gymnasiastin fordert mehr Demokratie für Deutschland: Keine neue Idee – deshalb aber trotzdem nicht schlecht.  Sie setzt sich sehr für Rechte und Gleichberechtigung von Frauen ein. Die türkisch-stämmige Kandidatin überschlägt sich desöfteren beim Reden und macht wenig Punkte. Auch bei ihr fehlt es mir an konkreten Programmpunkten.

Mögliche Partei: SPD

5. Philip Kalisch: Der Alternative

Vom Aussehen und Auftreten dürfte der Hamburger gut beim Publikum ankommen. Er setzt sehr auf Nachhaltigkeit. Der 30-Jährige versucht ein bisschen das Bindeglied zwischen linkem Aktivismus und seriöser Politik zu sein. Ein großer Spagat. Sein Hautpthema sind Kinder und Bildung – passender und ehrlicher wäre Umweltpolitik gewesen. Bei diesem Kandidaten frage ich mich vor allem, ob er genug Kompetenz in wirtschaftlichen und politischen Fragen mitbringt, um eine größere Rolle in Deutschland zu spielen.

Mögliche Partei: Grüne

6. Antje Krug: Der Familienmensch

Die Mutter von vier Kindern hat als Vorbild Ursula von der Leyen, was ihr sicherlich keine Sympathiepunkte aus der Netz-Community bringen wird. Sie setzt sich voll und ganz für Familienpolitik ein und vergisst dabei leider die anderen Bereiche. Trotzdem kommt sie sehr überzeugt und willensstark rüber. Ihr Plan ist kein politisches Gesamtkonzept, sondern eher eine persönliche Vision, die auf kleine Bereiche der Gesellschaft begrenzt ist.

Mögliche Partei: CDU

Bei fast allen Kandidaten fehlen mir konkrete Ansätze. Die Ideen sind zwar schön und gut, doch sie bräuchten mehr reale Anhaltspunkte. Man fragt sich: Wie genau sollen die Ideen verwirklicht und vor allem finanziert werden? Ich hoffe, dass die „Kanzler der Zukunft“ auf diese Fragen noch mehr Antworten geben.

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