Interview: “Es muss auch nicht gleich Disney-Land sein” (Teil 2)

24. März 2009 | Von hofnarr.florian | Kategorie: Politik

Hingesehen hat mit Oberstleutnant Joachim Bruns gesprochen, der vier Jahre lang für die EU tätig war. Hier folgt der abschließende zweite Teil des Gesprächs (hier geht es zum ersten Teil), in dem es diesmal besonders um den Konfliktherd Afghanistan geht:

Ein Soldat in Parun, Afghanistan

Ein Soldat in Parun, Afghanistan

Seitdem Barack Obama seine neue Afghanistan-Strategie bekannt gegeben hat, rückt Afghanistan wieder als einer der größten außenpolitischen Brennpunkte in den Blickpunkt. Die extremistischen Kräfte von dort wie aus Pakistan drohen mit einer neuen Großoffensive in diesem Jahr. Wie wird sich der Konflikt 2009 entwickeln?

Es ist fast unmöglich Prognosen über Afghanistan abzugeben. Ich bin großer Geschichts-Fan. Eins steht fest: Mit Waffengewalt hat noch keine fremde Macht das Land regieren können. Die Russen sind mit viel mehr Truppen als jetzt kläglich gescheitert, auch die Briten haben mehrfach versagt. Ebenso andere, etwa die Mongolen. Afghanistan war immer ein Problem. Es steht sich mit seiner Clan-Struktur, den unterschiedlichen Stämmen, den unterschiedlichen Bestrebungen und dem Warlord-Charakter selbst im Weg. Das mit militärischen Mitteln lösen zu wollen halte ich für äußerst schwierig – Geld hinein zu pumpen ist ähnlich problematisch.

Ist also Obamas Strategie falsch?

Ich will Obama und seinen militärischen Beratern nicht in irgendeiner Weise auf die Füße treten. Sie haben sicher gute Gründe. So wie es aussieht hat diese Strategie im Irak einen gewissen Erfolg gezeigt. Hoffentlich hat er jetzt auch Erfolg. Es täte mir um jeden amerikanischen Soldaten leid, der im guten Glauben dem Land zu helfen dort hingeht, dann aber das Gegenteil bewirken würde, weil es eine politische oder militärische Fehleinschätzung war. Ich bin aus meiner persönlichen Überzeugung sehr vorsichtig mit der Einschätzung, dass man mit militärischen Mitteln grundsätzlich etwas lösen kann, vor allem aber in Afghanistan.

Solche Lösungen können immer nur Teil eines Pakets sein, dürfen aber nicht dominant sein – es sei denn, es ist ein rein militärischer Konflikt. Wir sind immer noch auf dieses Schwarz-Weiß-, Krieg-Frieden-Denken begrenzt. In der Realität bewegen wir uns auf einer unendlichen Facetten-Breite von Grautönen. Es ist sehr schwierig den richtigen Mix zu finden. In der Europäischen Sicherheitsstrategie steht drin, dass die Mischung von militärischem und zivilem Krisenmanagement entscheidend ist. Sehr viele unterschiedliche Maßnahmen aus allen Bereichen spielen eine Rolle.

Joachim Bruns beim Interview mit Hingesehen

Joachim Bruns beim Interview mit Hingesehen

Im Norden von Afghanistan überwiegen eigentlich zivile Hilfen, wie auch die Ausbildung von Polizisten durch die EU. Im Süden wollen die Amerikaner jetzt verstärkt militärisch vorgehen. Gibt es zwischen diesen verschiedenen Arbeitsweisen und Gebieten jetzt einen Konflikt?

Ich bin kein Afghanistan-Experte, ich kenne also nur das, was ich im Rahmen der Planung der Polizei-Mission gelesen habe und womit ich selbst zu tun hatte. Erstmal ist die Situation im Norden anders als im Süden. Im Süden existieren mehr von den Taliban beeinflusste Regionen und vor allem gibt es um Kandahar viele extremistische Stämme. Im Westen herrscht ein gefährlicher Warlord, der aber wenig mit den Taliban zu tun hat. Im Norden gibt es ähnliche Strukturen, aber das sind wieder andere Volksgruppen. Alle Gruppen haben unterschiedliche Zielinteressen und bilden unterschiedliche Koalitionen. Im Süden ist der Hass gegen alles was von außen kommt, wie die Amerikaner, viel größer. Der Kampf geht sowohl gegen die anderen als auch für ihre eigene Unabhängigkeit. Das müssen wir lernen zu verstehen.

Momentan gibt es in Afghanistan einer Art Demokratie, doch sie wird nicht wirklich angenommen? Muss man sich in solchen Fällen als Europäer einmal zurücknehmen und andere Herrschaftsstrukturen akzeptieren?

Das ist eine sehr schwierige ethisch-politische Frage. Um es konkret zu machen: Sollten wir mit den Taliban verhandeln? Es gibt in allen Bereichen immer gemäßigte oder eher radikalere Kräfte. Ich glaube, dass man mit den islamischen Kräften, zumindest mit Teilen, Lösungen im beiderseitigen Einvernehmen finden kann. Dort spielt vieles eine Rolle. Betrachtet man die Maslowsche Bedürfnis-Pyramide, wird einem klar was die Menschen dort brauchen. Wir sollten nicht immer mit der letzten Stufe, der Selbstverwirklichung, beginnen. Man darf keinen Stalin oder Ähnliches dulden, aber es muss auch nicht gleich Disney-Land sein.

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