Interview mit Regisseur Pagonis Pagonakis
28. Dezember 2009 | Von Dimitrios Athanassiou | Kategorie: GesellschaftEs heißt, der klassische investigative Journalismus wäre tot – manche behaupten gar, das digitale Zeitalter mit dem Internet als bevorzugtem Informationsmedium hätte ihn gemordet. Die Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen und Benachteiligungen von Minoritäten und Randgruppen in der Gesellschaft bezeugen aber, dass noch reichlich Missstände existieren, die nur darauf warten, publik gemacht zu werden. Im Oktober hatte ich bereits Gelegenheit den griechisch-stämmigen in Köln lebenden Journalisten und Filmemacher Pagonis Pagonakis zu treffen. Damals sprachen wir über den gerade im Kino angelaufenen Dokumentarfilm “Schwarz auf Weiß”. Es war nicht die erste Regiearbeit von Pagonakis, bei der er mit dem bekannten Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff zusammenarbeitete: Schon für “Bei Anruf Abzocke”, der Callcenter-Story, hatten sie gemeinsam ein Team gebildet.
Doch Pagonakis, der bereits 2005 und 2008 für den Grimme-Preis nominiert war (“Martin Luther King. Ein Staatsverbrechen” und “4 Tote in Ohio. Ein amerikanisches Trauma.”), ist auch ohne Wallraff immer den unbequemen Geschichten auf der Spur. Er berichtet von dort, wo es richtig weh tut und richtet den Fokus der Kameralinse auch auf jene, die im Staatsdienst ihrer Verantwortung nicht gerecht werden oder gar ihre Macht missbrauchen. Am 4. Januar 2006 strahlte die ARD die Reportage “Tod in der Zelle – Warum starb Oury Jalloh?” aus. Der schwarzafrikanische Asylant verbrannte unter ungeklärten Umständen vor knapp vier Jahren, an Händen und Füßen gefesselt, in einer Zelle des Polizeireviers Dessau. Pagonakis’ Film, der mehrfach prämiert wurde (2006 Deutscher Menschenrechtsfilmpreis und 2007 Marler Fernsehpreis für Menschenrechte von Amnesty International) zeichnet die Ereignisse um den Tod Oury Jallohs und die darauf folgende Verhandlung nach. Bis heute wird immer noch ermittelt und der Prozess steht kurz davor neu aufgerollt zu werden.
Für das aktuelle Interview werden wir aber über einen anderen Film sprechen: Mindestens eine Viertelmillion Menschen leben in diesem Land ohne Obdach. Um den Jahreswechsel 2008/2009, wenn die Temperaturen weit unter den Gefrierpunkt fallen, war Pagonakis gemeinsam mit Wallraff den Ungerechtigkeiten auf der Spur, die den Hab- und Wohnungslosen widerfahren. Wallraff nahm für einige Wochen die Rolle eines Obdachlosen an und setzte sich dem Leben auf der Straße und den Zuständen in den Obdachlose-Asylen hautnah aus. Pagonakis dokumentierte diese Eindrücke und Erfahrungen mit der Kamera. “Unter Null”, der Film, der aus dieser gemeinsamen Arbeit entstand, wurde am 15.12.2009 im ZDF ausgestrahlt.
Hier geht’s zum Interview mit “Enthüllungs-Journalist” Günter Wallraff: “Es geht um einen Einstellungswandel”
Hingesehen: “Unter Null” ist nicht ihre erste Zusammenarbeit mit Günter Wallraff. Wie entstand die Idee zu diesem Projekt?
Pagos Pagonakis: “Unter Null” ist mittlerweile die vierte Zusammenarbeit. Die Idee entstand Ende des Jahres 2008, als einerseits, wie jedes Jahr, der ganze kommerzielle Weihnachtsrummel begann und andererseits die Temperaturen auf “Unter Null” fielen: Günter Wallraff meldete sich bei uns und fragte uns, ob wir das auch so schwer ertragen würden. Hier der Kommerz, da Menschen, die täglich um ihr Überleben kämpfen. Dann hatte er die Idee, sich den Winter über in einen Obdachlosen zu verwandeln, was er ja schon einmal in den 60er Jahren getan hatte, und sofort kamen Fragen auf: Was hat sich seitdem verändert? Wer sind die sogenannten Wohnungslosen heute? Wie sind sie in diese Situation geraten und wie leben sie? Sozialexperten befürchten ja, dass mit der zunehmend schwierigen ökonomischen Lage und der Ausbreitung der Armut in der Gesellschaft auch mehr Menschen in die Obdachlosigkeit geraten werden.
Hingesehen: Bei “Schwarz auf Weiß” war die Kamera oft offen im Einsatz, bei “Unter Null” nicht. War es dementsprechend schwierig verwertbares Material zu bekommen?
Pagonakis: Auch hier wurde ja teilweise mit offener Kamera gearbeitet, wenn wir Menschen interviewt und porträtiert haben. Die versteckte Kamera war vor allem im Umgang mit Institutionen und offiziellen Stellen unerlässlich, sonst würde man keine authentischen Bilder und Situationen einfangen. Wir haben ziemlich schnell unhaltbare und skandalöse Erfahrungen gemacht, wohl einfach, weil sie so weit verbreitet sind.
Hingesehen: Hatten Sie sich vorher schon mal mit diesen Einzelschicksalen beschäftigt, möglicherweise mit Obdachlosen Gespräche geführt?
Pagonakis: Ja. Wir hatten unter anderem intensiven Kontakt zu einem Obdachlosen namens Richard, der unser “Türöffner” war, uns viel erzählt und teilweise begleitet hat. Er lebte seit 25 Jahren auf der Straße und in Notunterkünften, war also ein absoluter Insider. Günter Wallraff hat ihn für mehrere Monate bei sich aufgenommen und ihm auch später eine eigene Wohnung verschafft.
Hingesehen: Hat sich nach dem Film für Sie persönlich etwas in Ihrer Wahrnehmung verändert? Gehen Sie beispielsweise jetzt bewusster durch die Stadt?
Pagonakis: Absolut, ich nehme die Menschen viel deutlicher war, unterhalte mich öfter mit ihnen, kaufe ihnen Essen oder andere notwendige Dinge. Sämtliche Klischees und Vorurteile, von denen wohl keiner gänzlich frei ist, sind nun bei mir aufgelöst.
Hingesehen: Im Film wird oft von dem Teufelskreis berichtet: Kein fester Wohnsitz, kein Arbeitslosengeld/Sozialhilfe – ohne finanzielle Mittel aber auch keine Wohnung. Wäre es für Sie als Filmemacher interessant einige dieser Menschen hautnah über einen längeren Zeitraum und bei dem Versuch der Wiedereingliederung zu beobachten?
Pagonakis: Ja, das wäre sicher interessant, ist aber zum Teil auch schon von Kollegen gemacht worden, da man mit einer offenen Kamera den Personen näher kommen kann. Wir haben versucht, die ganze Kraft der verdeckten Recherche oder “Rollenreportage” zu nutzen, eben zum Beispiel unverfälscht zu erleben, wie staatliche und kirchliche Stellen mit den Menschen verfahren.
Hingesehen: Planen Sie möglicherweise andere ähnliche Projekte für die nahe Zukunft?
Pagonakis: Ja, es soll weitergehen. Wir leben in Zeiten, in denen es für einen engagierten Journalismus sehr viel zu tun gibt, die Geschichten liegen ja sozusagen “auf der Straße”, wenn Sie dieses etwas abgegriffene und nicht despektierlich gemeinte Bild erlauben.
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Suche schriftlichen Kontakt zu Pagonis Pagonakis. Habe eine hoffentlich gute Idee für eine Dokureihe. Könnte für Sie deshalb von Interesse sein, da Sie griechischer Abstammung sind. Bin sehr geschichtsinteressiert, wobei mein Schwerpunkt auf dem Antiken Griechenland und das Römische Reich liegt, und konnte mit Erstaunen feststellen, dass viele Freunde und Bekannte, u.a. auch ital. und griechische Freunde, sich mit ihrer eigenen Geschichte bzw. Mythologie überhaupt nicht auskennen. Die kurzen Dokumentarfilme im Fernsehen sind zu oberflächlich und legen ihren Schwerpunkt so, dass sie gerade das was für uns und unsere Kinder interessant sein kann, ausgeblendet, abgebrochen, unvollständig und aus dem Zusammenhang heraus, gezeigt werden. Was ich sehr schade finde. Doch mehr zu meiner Idee, wenn Sie sich melden. In der Hoffnung auf eine positive Rückantwort und liebe Grüße
Brigitte Schankula
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