Interview: “Plötzlich waren sie Menschen” (Teil 2)
27. Februar 2009 | Von hofnarr.florian | Kategorie: PolitikFortsetzung des Interviews mit Wilhelm Bruns über die Anwerbung von Gastarbeitern in den 60er und 70er Jahren. (Teil Eins)
Die Anwerbungen gingen noch bis zur Ölkrise weiter, obwohl die Arbeitslosigkeit wieder zunahm. Hat man mit dem Stopp der Anwerbungen 1973 zu lange gewartet?
Da gibt es unterschiedliche Meinungen. Es waren im Wesentlichen Türken, die nach Deutschland kamen. Vor allem der Bergbau nahm sie. Vielerorts wurden besonders türkische Gastarbeiter gefordert. Dies hatte zur Folge, dass eine nationale Dominanz türkischer Menschen entstand. Es war ein Fehler zum Großteil nur türkische Gastarbeiter zu engagieren
Deutschland wollte zuerst auf das Rotationsprinzip setzen. Was genau war damit gemeint?
Das hat Deutschland nie gemacht. Die DDR hat das gemacht. Man ging davon aus, dass die Gastarbeiter in Deutschland ihr Geld verdienen und, wenn sie genügend hatten, nach Hause zurückkehren. Es war blauäugig dies zu glauben.
Was hätte man anders machen sollen?
Das Rotationsprinzip wie in der DDR, in Schweden und der Schweiz. Zum Beispiel nach ein, zwei Jahren die Gastarbeiter zurück nach Hause schicken und neue einstellen. Aber die Arbeitgeber waren dagegen, weil sie eingearbeitete Kräfte nicht wieder ziehen lassen wollten. Die CDU hat sich vor den Karren der Arbeitgeber spannen lassen. Das war unklug. Die DDR und Schweden hat keine Probleme. Rotieren wäre besser gewesen.
Ich halte den Begriff „Gastarbeiter“ für falsch, sie waren ja keine Gäste, sondern Einwanderer.
Heute leben Menschen mit Migrationshintergrund bereits in der dritten Generation in Deutschland und ganz Europa. „Wir haben Arbeiter erwartet und es sind Menschen gekommen“, sagte Gustav Heinemann. Hat man in der Vergangenheit Fehler in der Integrationspolitik der Gastarbeiter gemacht? Gibt es in Deutschland sogar eine Parallelgesellschaft?
So weit würde ich nicht gehen, aber sie lebten zu Beginn relativ abseits in ihren Unterkünften. Annäherung zwischen Türken und Deutschen hat man erst später erlebt, in der zweiten und dritten Generation. Integration hat man am Anfang verpasst und hinterher war es zu spät. Plötzlich waren sie Menschen und vorher waren sie Arbeitskräfte.
Ist die Arbeitslosigkeit, die wir heute haben auch darauf zurückzuführen, dass man in den 60er und zu Beginn der 70er Jahre zu viele Gastarbeiter nach Deutschland geholt hat?
Das weiß ich nicht. Ich würde das nicht auf die Gastarbeiter kaprizieren und sagen Hätten wir sie nicht geholt, hätten wir keine Arbeitslosen. Dann wäre eine andere Situation. Dann wäre weniger produziert worden. Wir sind Weltmeister im Export. Das verdanken wir auch diesem großen Arbeitsplätzereservoir. Also was wäre wenn, kann man nicht sagen. Ich würde da kein Junktim herstellen.
War es rückschauend ein Fehler Gastarbeiter nach Deutschland zu holen?
Es war gar nicht schlecht, dass man sie geholt hat. Man hat sie nur falsch geholt. Man ist mit dem Phänomen Ausländerbeschäftigung nicht so recht fertig geworden. Man sieht es an den Früchten: Sie werden nicht integriert. Wir haben Schwierigkeit noch und nöcher. Die primitivsten Schwierigkeiten haben wir. Die Amerikaner verlangen, dass jemand Englisch spricht, wenn er eingebürgert werden will. Wir verlangen nicht, dass so jemand Deutsch spricht.
Hingesehen bedankt sich für das sehr interessante Interview. In Zukunft werden wir verstärkt Gesprächspartner für ähnliche Artikel suchen und hoffentlich auch finden.
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