Interview: “Sie lieben die Deutschen” (Teil 1)
25. Februar 2009 | Von hofnarr.florian | Kategorie: Hingesehen-FeaturesWilhelm Bruns war seinerzeit der jüngste Arbeitsamtsdirektor der Bundesrepublik. Von 1965 bis 1993 leitete er das Arbeitsamt in Hamm, Westfalen. In seiner Beamtenlaufbahn warb er auch in Tunesien, Marokko und Griechenland Gastarbeiter für die deutsche Wirtschaft an. Er studierte Jura in Münster und war zuvor, nach dem zweiten Weltkrieg, Übersetzer für die englischen Besatzungskräfte. Vor kurzem feierte er seinen 80. Geburtstag.
Der politische Hintergrund: 1960 herrschte das erste Mal Vollbeschäftigung in Deutschland. Bereits vorher war Italien auf die Bundesrepublik zugekommen und hatte italienische Gastarbeiter angeboten. Deutschland reagierte zuerst zögerlich Vor allem Arbeitsminister Anton Storch wollte zunächst deutsche Arbeitslose aus strukturschwachen Gebieten rekrutieren. Jedoch gewann das Außenministerium im Konflikt mit dem Arbeitsministerium die Oberhand und bestimmte, zusätzlich zum Außenhandel, auch die Ausländerbeschäftigung und läutete den Beginn der Gastarbeit in der Bundesrepublik ein.
Herr Bruns, wie haben Sie diese Zeit in Deutschland erlebt?
Ich hatte zu Beginn der Gastarbeit noch nicht meine Direktorenstelle in Hamm angetreten. Ich warb das erste Mal 1962 Arbeiter für Deutschland an. Erst war es nur eine Urlaubsvertretung in Griechenland. Meine Zeit war dort nur nach Wochen bemessen. Aber interessant war, dass wir ein Dienststellennetz hatten, was sich über ganz Griechenland erstreckte. Die Hauptstelle war in Athen und einen Nebenstelle in Saloniki. Marokko war dann zwei Jahre später. Das Projekt war gezielt für den Bergbau. Ich habe dort rund 800 Bergarbeiter angeworben, allerdings habe ich mir fast 8.000 vorstellen lassen, um diese 800 zu kriegen. Die Arbeitgeber waren sehr kritisch. Viele Krankheiten führten dazu, dass Bewerber nicht genommen werden konnten. Ein Phänomen in Marokko war, dass es gewisse Umstellung in der Anwerbung gab. Sowohl die Vermittler wie auch die Bergbauärzte, die die ärztlichen Untersuchungen vornahmen, kamen direkt vom Bergbau. Die Arbeitskräfte aus Marokko waren im Wesentlichen für das Ruhrgebiet bestimmt.
Warum bemühte sich Deutschland überhaupt um Gastarbeiter? Gab es keinerlei Arbeitskräfte mehr im eigenen Land?
Die Arbeitslosenquote war so niedrig wie eh und je. Die restlichen Arbeitslosen drängten nicht alle zur Arbeit. Die Unternehmer wollten ihre Produktion halten oder vergrößern, doch dazu fehlten aber die Arbeitskräfte. In Zeiten von Arbeitermangel ist eigentlich der menschliche Erfindergeist gefragt. Dann werden technische Vorkehrungen erfunden mit denen man die Produktion steigern kann ohne dass man mehr Arbeiter braucht. Und das werfe ich der deutschen Industrie vor: Sie hat es sich leicht gemacht und einfach das Angebot von Arbeitern der Mittelmeerländer angenommen, aber nicht den technischen Fortschritt vorangetrieben In Notzeiten muss man nachdenken, wie kann ich ohne. Aber das hat die Industrie nicht getan. Im Sinne: Und nach uns die Sintflut!
Nach Italien folgten weitere Länder, die ihre Arbeiter anboten: Spanien, Griechenland, Türkei, Portugal, Marokko und Tunesien. Was waren die Motive dieser Länder Deutschland Arbeitskräfte anzubieten?
Das war für diese Länder ein Geschenk des Himmels. Sie hatten keine eigene Industrie, bestenfalls ein wenig Tourismus. Es gab einen riesen Arbeitsmangel beispielsweise in Marokko. In beiden Teilen des Landes; ich war erst im spanischen und später im französischen Teil. Teilweise warben auch die Belgier an. Jedoch war Deutschland beliebter bei den Marokkanern und dass obwohl die Vergütung nicht besser, sondern eher schlechter war. Als einmal jemand bei mir einen Vertrag mit dem deutschen Bergbau unterschrieb, zog er einen Arbeitsvertrag mit dem belgischen Bergbau aus seiner Tasche heraus und zerriss ihn. Man war vernarrt in die Deutschen.
Warum?
„Ils aiment les Allemands“ („Sie lieben die Deutschen“) sagte mir einmal ein Gouverneur in Marokko. Sachlich gab es keine großen Unterschiede zu anderen Ländern. Sicherlich, Frankreich und Spanien waren Kolonialmächte dort, aber Belgien ja nicht. Ich kann es mir nicht wirklich erklären, wieso es so war.
Wie ging die Anwerbung vor Ort genau vonstatten?
„La représentation est une chose de la côté marocaine. “ (“Die Vorstellung ist eine Sache der marokkanischen Seite“) Mit anderen Worten: Wir waren zwar eine deutsche Anwerbekommission, aber die Anwerbung im technischen Sinne machten eigentlichen die örtlichen Autoritäten. Sie suchten die Leute aus und präsentierten sie der deutschen Kommission. Wir haben dann medizinische Untersuchungen und Fachabfragen durchgeführt. Wenn die Arbeiter angenommen wurden, bedienten wir uns privater Unternehmer, die sie mit Omnibussen in den Städten abholten und zum Hafen brachten. Dann wurden sie mit Schiffen nach Sizilien gebracht und schlossen sich in Italien an Transporte aus Griechenland und der Türkei Richtung München an. Dort wurden sie dann auf die Bergbaustandorte verteilt.
Wie konnten Unternehmen dann Gastarbeiter für ihren Betrieb bekommen?
Unternehmen haben dem Arbeitsamt so genante Vermittlungsaufträge auf der Grundlage von Anwerbeverträgen mit den Heimatländern der Gastarbeiter erteilt. Wenn dann eine deutsche Firma zu einem Arbeitsamt ging und bestimmte Gastarbeiter wünschte, prüfte das Arbeitsamt die Tarifbedingungen und ob Unterkünfte vorhanden waren für die angeworbenen Ausländer. Wenn dies alles korrekt war, wurden der jeweiligen Kommission ein Auftrag zur Anwerbung von so und so vielen Marokkanern oder Menschen anderer Nationalitäten erteilt.
In welchen Industriebereichen wurden die Arbeiter vor allem eingesetzt und was für Lohnzahlungen bekamen Sie?
Sie waren absolut gleichgestellt mit den deutschen Kollegen. Sie erhielten die gleichen Tarife. Im Gegenteil: Sie waren sogar besser gestellt, weil sie noch Unterkünfte gestellt bekamen. Sie mussten zwar teilweise dafür bezahlen, aber eine Mutter konnte sich sicher sein, dass ihr Junge, der in Deutschland arbeitet, ein Bett zum Schlafen hatte.
Teil 2 des Interviews folgt in den nächsten Tagen.
Ähnliche Hingesehen-Artikel:











Sehr schönes, interessantes und informatives Interview. Und schlechte Fotos.
Dass die Marokkaner die Deutschen so geliebt haben könnte die gleichen Gründe haben, wie die Liebe der Inder zu den Deutschen. Jene geben an, Hitler sei ein toller Mann gewesen, denn er habe gegen die Engländer gekämpft (zumindest haben sie das so meinem toten Ex erklärt, der mal in Indien war). Deutschland hat im WWII gegen die Franzosen gekämpft, vielleicht liegts daran? Es liegt bestimmt nicht daran, dass die Deutschen so supernett zu ihren Gastarbeitern sind/waren.
@stanze: Ich hatte die Kamera vergessen und musste mit der in meinem Laptop integrierten Kamera Fotos machen. Nächstes mal wird alles besser.
Hallo,
ich finde sehr Interessante thema. Ich kamm 1954 als Politische Flüchtling nach Genver Abkommen,
über Italien nach Deutschland. Ich habe das Land und die deutsche Soldaten 1941 als Junge kennengelernt.
Weil damals mein Bruder Jahrgang 1924, sich als freiwillege bei der deutsche SS gemeldet war.
Wir waren Arm einfach an allem hat es gefeht, da kam diese verdamte “Thyfus” und ich wurde ins deutsche Krankenhaus für drei Woche untergebracht, bis heute hatte ich keine gelegenheit mich dafür zu Bedanken,
diese möchte ich heute nachträglich nachholen. – “Danke Deutschland”.
vor etwa 35 Jahre wurde ich eingebürgert, habe aber die Erfahrung bis heute erlebt das die Deutsche
bevölkerung bis heute hat sich damit nicht abgefunden.
Heute habe ich dadür große Verständnis. Nach meiner Meinung es Liegt zu 90 % bei dem Ausländer
weil die es nicht möchten sich ein wenig einzuordnen in fremden land.
Die Deutsche Politiker machen sich sehr viel sorge um die Ausländer, es muß nur das Deutsche Gesetz
besser angepasst werden. Das heißt schneller abschiebug möglichkeit ermöglichen.
Amen