Jörg Asmussen: Vom Verursacher zum Reparateur der Finanzkrise?
4. März 2010 | Von hofnarr.florian | Kategorie: WirtschaftWer oder was ist schuld an der Finanzkrise? Die deutsche Politik und Öffentlichkeit fand in den Managern schnell einen Sündenbock. Das komplexe Phänomen Weltfinanzkrise war blitzschnell mit der Gier deutscher Wirtschaftseliten erklärt – alles ganz einfach.
Dass eine solche singuläre Erklärung für den größten Wirtschaftseinbruch der Nachkriegszeit ausreichend ist, darf mehr als angezweifelt werden. Zwar ist die ungezügelte Gier der Wirtschaftsbosse, und vor allem ihrer Investmentbanker, ein nicht unwesentlicher Faktor gewesen, jedoch sicherlich nicht der einzige. Eine mindestens genauso große Verantwortung am Ausbruch der Krise tragen Politiker. An den Schaltstellen deutscher Wirtschaftspolitik, in Aufsichtsräten und Verbänden gestalteten sie den Ausbruch der Finanzkrise fleißig mit.
Einer dieser Politiker ist Jörg Asmussen. Seit Juli 2008 ist er Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen und damit der mächtigste Mann deutscher Staatsfinanzen nach dem Finanzminister. Zuvor, von März 2003 bis Juni 2008, war er Leiter der Abteilung VII Finanzmarktpolitik. Diese Abteilung spielt in der nationalen Wirtschaftspolitik eine zentrale Rolle. Sie hat die Aufsicht über viele wichtige Bestandteile des deutschen Wirtschaftssystems. Deshalb bemängelte der Bundesrechnungshof bereits im Oktober 2008, dass es „nicht auszuschließen ist, dass die Organisation der Abteilung VII (Finanzmarktpolitik) des BMF, insbesondere die Konzentration aufsichtlicher und lenkender Aufgaben hinsichtlich KfW, IKB, BaFin (Anm. der Red.: Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) sowie der Kontakt zur Bundesbank, zu Interessenkollisionen führen kann.“
Interessenskonflikte
Asmussen selbst saß bis 2008 im Aufsichtsrat der IKB Deutsche Industriebank AG, gleichzeitig war er Mitglied im Verwaltungsrat der BaFin, der Bundesanstalt für Finanzaufsicht. Bei dieser Konstellation sind Interessenskonflikte vorprogrammiert. Immerhin sollte die IKB von der BaFin kontrolliert werden. Asmussen “kontrollierte” sich also quasi selbst.
Doch damit nicht genug: Asmussen war ebenfalls Mitglied im Gesellschaftsbeirat der Lobby-Organisation True Sale International GmbH (TSI), die 2004 gegründet wurde und sich als Ziel die Förderung von Verbriefungsgeschäften auf die Fahnen geschrieben hat. Neben Asmussen saßen und sitzen immer noch Vertreter diverser Banken, wie der HSH Nordbank, der Bayerischen Landesbank, der WestLB AG und natürlich der KfW im Gesellschaftsbeirat. Allesamt Bankhäuser, die im Wesentlichen staatlich sind und durch die Finanzkrise besonders stark getroffen wurden.
Doch was genau sind überhaupt Verbriefungsgeschäfte?
Mit Hilfe dieses Instruments können illiquide Aktiva, wie zum Beispiel Kredite, in handelbare Wertpapiere verwandelt werden. Der
Emittent dieses Papiers erhält so einmal neue Liquidität und mindert andererseits seine Risikoposition durch Streuung des Risikos an die Wertpapierkäufer.
Eines dieser Instrumente sind die „Asset backed securities“, kurz ABS, die die Finanzkrise mit begründeten. Ein Beispiel kann helfen, dies klar zu machen: Eine beliebige Bank emittiert Kredite im Wert von zehn Millionen Euro. Darunter befinden sich Hypotheken von amerikanischen Hauskäufern. Die Werte der Häuser galten dabei als Sicherheit. Die Rating-Agenturen versehen das Paket von Hypotheken mit einem Rating, je nach Risikobewertung. Bis hierhin ist das Spiel eigentlich noch nachvollziehbar und sogar sinnvoll. Das Problem beginnt, wenn die Banken die ABS immer wieder neu zusammen mischen. Dabei wurden schlechte mit guten Werten gemischt, um auch Hypotheken mit hohem Risiko zu einer einiger Maßen guten Bewertung los zu werden. Das Spiel kann beliebig oft wiederholt werden, bis irgendwann ein Paket aus Krediten entstanden ist, dass eigentlich niemand mehr wirklich durchschauen kann. Die Papiere werden wie ein schwarzer Peter weitergereicht. Immer von dem, der sich langsam des wahren Risikos der ABS bewusst wird zu einem Käufer, der weniger weiß.
Dieses Roulette ging so lange gut, wie die „Assets“, also Sicherheiten hinter den Verbriefungen im Preis stiegen oder wenigstens stabil blieben. Die Krise begann, als die Immobilienblase in den USA platzte und sich die Aufwärts- in eine Abwärtsspirale verwandelte.
Plötzlich verloren die ABS rasant schnell an Wert, weil auch ihre Sicherheiten – die Häuser – an Wert verloren. Die Aktiva vieler Banken mussten wertberichtigt werden. Darunter litt das Eigenkapital, die Bank geriet in Schwierigkeiten. Der Rest ist Geschichte.
Doch welche Rolle spielten dabei Politiker wie Jörg Asmussen? Im Laufe der Krise gerieten vor allem staatlich kontrollierte Banken, wie auch die IKB in große Schwierigkeiten. Viele Landesbanken und auch die IKB hatten sich von den guten Zinsen und scheinbar niedrigen Risiken verlocken lassen, im großen Stil in heikle amerikanische Verbriefungen zu investieren. Um die dafür nötigen Schulden nicht direkt in ihren Bilanzen aufzeigen zu müssen, gründeten sie so genannte „conduits“ in Steueroasen wie Jersey oder Delaware. In diesen Zweckgesellschaften war es durchaus üblich trotz weniger hundert Dollar Eigenkapital Milliarden zu jonglieren. Die IKB zum Beispiel praktizierte dies mittels der Rhinebridge Funding in Dublin und der Rhineland Funding Delaware. Dank ihrer staatlichen Beteiligungen erhielten Institute wie die IKB billiges Geld und hofften so mit den amerikanischen Papieren eine große Gewinnmarge einstreiche zu können.
AAA, Aplus und AA
Dabei vertraute man blind in die Bewertungen der Ratingagenturen. Ein „A“ in der Bewertung und alles war gut. Das Restrisiko wurde ausgeblendet, eigene Risikobewertung erschien wohl überflüssig. In den Aufsichtsräten dieser halben staatlichen Banken saßen reichlich Politiker. Ihnen müssten die diversen Zweckgesellschaften in Milliardenhöhe bekannt gewesen sein, ansonsten wären sie ganz miserable Aufsichtsräte gewesen. Unter ihnen auch SPD-Mann Asmussen. Dieser war sogar ein ganz besonders begeisterter Verfechter des Wundermittels „ABS“.
Neben seiner Mitgliedschaft im „Verbriefungs-Fanclub“ True Sale International GmbH, äußerte er seine Begeisterung auch offen in der Zeitschrift „Kreditwesen” : „Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung hat das Bundesfinanzministerium (BMF) in der Vergangenheit viele Initiativen ergriffen und an vielen Stellen den Kapitalmarkt modernisiert. Dabei war uns stets wichtig, dass sich auch der Markt für Asset Backed Securities (ABS) in Deutschland stärker als bislang entwickelt“, tat der Staatssekretär kund.
Auch zur KfW, Haupteigner der IKB, äußert er sich in diesem Zusammenhang: „Die staatseigene KfW, über die das BMF (Anm. d. Autors: Bundesfinanzministerium) die Aufsicht führt, hat mit den Promise- und Provide-Programmen zur synthetischen Verbriefung seit 2000 in Zusammenarbeit mit den Banken das wohl größte Verbriefungsprogramm (58 Transaktionen) in Europa geschaffen.“
Man kann aus diesen Aussagen durchaus schließen, dass das Aufsichtsratsmitglied Asmussen diesen Papieren eher offen als kritisch gegenüber stand. Von staatlicher Raison spürt man wenig. Das Vertrauen in die Ratings war blind.
Auch am Untergang der Hypo Real Estate war Asmussen scheinbar nicht unbeteiligt. Ihm wird vorgeworfen, dass er viel früher als bislang öffentlich bekannt war, von der dramatischen Schieflage des Münchner Bankhauses unterrichtet wurde. (Mehr zu dem Thema von Jens Berger)
Als dann die Blase platzte und die Banken in die Krise gerieten, begann Peer Steinbrück, dessen rechte Hand Asmussen war, gegen die gesamte Finanzbranche zu schießen. Dabei vergaß er und eigentlich die gesamte Politik, dass sie selbst die ganze Krise mit verursacht haben.
Jörg Asmussen ist heute immer noch Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG, der Deutschen Telekom und der Deutschen Postbank AG. Desweiteren ist Asmussen Mitglied der Expertengruppe zur neuen Finanzmarktarchitektur. Auch sitzt er im Verwaltungsrat der BaFin und ist Mitglied der Börsensachverständigenkommission. Ist es nicht beruhigend, dass solcher Wirtschaftsexperte die Zukunft des Finanzwesens mitgestaltet?
Weiterführende Quellen zum Thema:
- Nachdenkseiten
- Spiegelfechter
- Hans-Olaf Henkel: “Die Abwracker”. Heyne Verlag, 2009.
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