Lost in Europeanization?

1. Dezember 2010 | Von | Kategorie: Gesellschaft

Von Alexandra Weckwerth

Kennen Sie Herman van Rompuy? Schon mal was vom Programm für „Lebenslanges Lernen“ gehört? Wo genau liegt überhaupt Bulgarien? Und was ist eigentlich das „Subsidiaritäts-Prinzip“?

Die Europäische Union zu durchschauen, ist nicht so leicht. 27 Mitgliedsstaaten, 23 Amtssprachen, eine Fläche von 4,2 Millionen km², ein Jahreshaushalt von 141,5 Milliarden € (2010) und dazu zahlreiche Verordnungen, Gesetze und Kommissare. Manch einer verliert da schon mal den Überblick. Vor allem gehören zur EU jedoch 501 Millionen Europäer – eine Gemeinschaft, die sich gerade erst richtig kennenlernt und nur langsam zusammenwächst.

Das EU-Parlament in Brüssel (Foto via flickr.com von "Mädchen aus Ostberlin" mit creative commons licence)

Doch wie gut kennen die Europäer eigentlich die EU? Was wissen sie übereinander? Und was tut die EU, um ihre komplexe Struktur, aber auch ihre stetig wachsende Gemeinschaft jedem Europäer auf verständliche Weise zugänglich zu  machen?

„In Vielfalt geeint“ – so lautet das Motto der EU. Ein Leitgedanke, der auf das wertvolle Gut der kulturellen Unterschiede innerhalb der europäischen Gemeinschaft verweist. Genau diese Vielfalt, die insbesondere mit den Erweiterungsrunden 2004 und 2007 noch einmal sprunghaft angestiegen ist, ist heute jedoch zugleich eine der größten Herausforderungen an die EU-27. Nicht nur, dass 27 nationale Bedürfnisse und Interessen an einem runden Tisch vereint werden müssen. Die Vielfalt innerhalb der Mitgliedsstaaten macht es insbesondere schwierig, sich mit einem allgemein gültigen Konzept von Europa zu identifizieren.

Die EU muss ein besseres und deutlicheres Bild von sich nach außen tragen – so, dass niemand mehr fragen kann ’Wen rufe ich an, wenn ich Europa sprechen will?’, wie es einst der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger formulierte. Doch mindestens genauso wichtig wie die direkte Durchwahl nach draußen muss es sein, die EU ihren eigenen Mitgliedern nahezubringen. Nicht jeder Europäer muss erklären können, was das Subsidiaritätsprinzip bedeutet – auch wenn es viele EU-Skeptiker mit Sicherheit interessieren dürfte, dass das „abstrakte und fern ab vom eigenen Staat agierende EU-Gebilde“ erst dann zum Einsatz kommt, wenn die Mitgliedsstaaten Entscheidungen auf nationaler Ebene nicht besser und bürgernäher umsetzen können. Und auch die Vielzahl von Programmen und Fördermöglichkeiten, Strukturen und Zuständigkeitsbereichen benötigt schon ein wahres Interesse an der Thematik, um sich einen fundierten Überblick verschaffen zu können.

Verhindert die Krise ein geeintes Europa?

Worauf es für eine Identifikation mit der EU ankommt ist aber vielmehr, dass den Europäern die Vorzüge der EU und ihre Nutzen im Alltag bewusst werden. Gerade jetzt, in Zeiten der wirtschaftlichen Krise sind viele mit ihren eigenen Problemen mehr als ausreichend beschäftigt. Nationale Interessen scheinen da viel näher zu liegen als die Finanzprobleme Irlands oder Griechenlands. Es ist nicht immer einfach sich mit einer Gemeinschaft zu identifizieren, von der man nur vage weiß, wie sie funktioniert. Insbesondere dann, wenn man den persönlichen Nutzen darin nur schwer erkennen kann. Aktuelle Themen wie Rettungsfonds und Finanzschirme zeichnen häufig das Bild einer EU, in der die Gemeinschaft mehr als eine Last, denn als eine Errungenschaft erscheint. Gerade deshalb sollte jedoch die Vermittlung europäischer Werte und Vorzüge eine wichtige Rolle bei der Europäisierung spielen.

Europäer zu sein, das bedeutet zum einen in einer demokratischen Gesellschaft zu leben, einen gemeinsamen Binnenmarkt und eine Währung zu teilen. Europäer zu sein heißt aber auch, jederzeit die Entscheidung treffen zu können, in einem anderen Mitgliedstaat arbeiten, einkaufen oder Urlaub machen zu können. Der Konsum nach europäischen Qualitätsnormen geprüfter Produkte und die Teilhabe an einer wachsenden Einheit voller kultureller Besonderheiten sind nur eine Auswahl weiterer Anreize.

Mit dem Programm für „Lebenslanges Lernen“ fördert die EU den gezielten Austausch zwischen Schülern, Studenten, Auszubildenden und Lehrkräften über die Grenzen hinweg. Eine Chance, die viele Europäer erst noch für sich entdecken müssen. Vielleicht liegt das daran, dass das „Grenzen überschreiten“ erst dann spannend wird, wenn das Fremde schon Interesse geweckt hat und man weiß, wohin man geht. Genau da sollte die soziale europäische Integration ansetzen: Die EU-27 ist bis heute für viele noch ein abstraktes Gebilde, das nicht nur auf politischer Ebene vielen wie ein von Nebel umgebener Elfenbeinturm erscheint. Bis heute, auch drei bzw. sechs Jahre nach der letzten Erweiterungsrunde, sind die Kenntnisse über die Mitgliedsstaaten und unsere europäischen Nachbarn meist recht vage.

Schon heute versucht die EU sich durch Öffentlichkeitsarbeit in Europazentren und EU-Infopoints ihren Bürgern besser bekannt zu machen. Auch die Ernennung eines EU-Ratspräsidenten für die Dauer von zweieinhalb Jahren, seit 2009 ist das der Belgier Herman van Rompuy, zeigt den Willen der EU, der Gemeinschaft endlich ein Gesicht zu geben. Doch EU-Politiker und Mitgliedsstaaten müssen sich gleichermaßen darüber im Klaren sein, dass das Vertrauen der 501 Millionen Europäer nur mit echtem Willen zur Kooperation zu gewinnen ist. Diese Perspektive darf nicht immer wieder hinter nationalen Interessen zurückgestellt werden.

Groß werden im “großen Europa”

Ein gesteigertes Interesse der Europäer für die EU und die anderen Mitgliedsstaaten muss ebenso wie die wirtschaftliche und politische Integration langsam wachsen. Im nunmehr 60 Jahre langen Integrationsprozess der europäischen Gemeinschaft ist die Osterweiterung noch eine recht frische Veränderung, die sich in den Köpfen der Europäer erst verankern muss. Kinder, die heute drei, vier Jahre alt sind, sind jedoch in eine EU der 27 geboren worden. Diese junge Generation bietet die Chance, ein neues Europabild zu vermitteln, sodass selbst die Kleinsten auf spielerische Art und Weise – etwa mit Europa-Puzzles, Rallyes und kleinen Geschichten – erleben, wie wertvoll die Vielfalt der EU sein kann. Natürlich reichen Informationen und Bildung über Europa nicht aus, um aus europäischen Bürgern Europäer zu machen, die sich mit der EU identifizieren. Konkrete Erfolge der EU und ein Bekenntnis zur erfolgreichen europäischen Zusammenarbeit sollten auch auf nationaler Ebene noch deutlicher an die Bürger herangebracht werden.

Ein „Europa der Europäer“ zu gründen, so lautet schon lange das Ziel einer europäischen sozialen Integration. Wichtig hierfür scheint vor allem ein gegenseitiges Interesse füreinander zu sein, das sowohl die politischen und strukturellen Herausforderungen der EU als auch die sozialen und kulturellen Interessen der Bürger gebührend anerkennt.

Europa und seine Strukturen verständlicher zu machen und den europäischen Austausch zu stärken sind daher auch für die Zukunft der EU wichtige Herausforderungen. Sie zu erfüllen ist notwendig, um nach der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte der europäischen Integration auch die Identifikation der Bürger mit der EU zu einem Erfolg zu machen.

Was denkt ihr über die EU-27?

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