Massive Studentenproteste an der Uni Paderborn

30. Oktober 2009 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: Uni-Leben
Live dabei: Christopher

Live dabei: Christopher

“Risch erklärt die Uni” – in großen Lettern prangten diese Worte auf der Tafel des aus allen Nähten platzenden Audimax in Paderborn, gemeint war der Präsident der Universität Prof. Dr. Nikolaus Risch (60). Daneben standen viele Fragen: Wofür wurden die 24% der Ausgaben aus Studiengebühren (die Zahlen dazu schwanken zwischen einer und zweieinhalb Millionen Euro), die von der ehrenamtlichen Prüfungskommission nicht gänzlich abgesegnet worden waren, verwendet? Haben die Willkommensgeschenke an neue Erstsemester – jeder der 2.875 Ankömmlinge erhielt ein Netbook – damit zu tun? Wie sind wegen Überfüllung für einige Studierende geschlossene Pflichtveranstaltungen zu rechtfertigen? Wie kann die Mensa wieder für jeden zugänglich gemacht werden? Was ändert sich an der Informationspolitik seitens der Universität?

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Rund 500 Studenten mussten die Öffentlichkeit erzwingen

Die Fragen stapelten sich geradezu, als die deutlich mehr als 1.000 Teilnehmer der öffentlichen Pressekonferenz den 800 Sitzplätze bietenden größten Hörsaal der Hochschule betraten. Unter den Besuchern waren auch einige Lehrende – ein Umstand, der verdeutlicht, dass nicht nur die Studierenden von der derzeit hoffnungslos überlaufenen Universität betroffen sind. Selbst auf den Treppen, auf dem Boden rings um Hochschul- und Pressevertreter sowie in den Vorräumen nahmen die Interessierten Platz. Manch einer unkte, diese Situation sei der in vielen Seminaren gar nicht unähnlich. Beginnen muss die Geschichte des 29.10.2009 in Paderborn aber schon früher.

Für 13 Uhr wurde von der UPB eine Pressekonferenz angekündigt, in der Hochschulvertreter wie Präsident Prof. Dr. Nikolaus Risch und Kanzler Jürgen Plato zu den zuletzt kursierenden Vorwürfen Stellung nehmen wollten. Schnell ging im Zuge dessen die Falschmeldung um, die Konferenz sei öffentlich. Das stieß auf großen Zulauf bei den Studenten, die endlich auch Informationen erhalten wollten. Als die Richtigstellung kam, war es schon zu spät, um die Lage zu retten: Rund 500 Studenten blockierten dem Präsidenten den Weg (WDR TV-Beitrag) und forderten ihr Recht auf Beteiligung vehement ein. Es dauerte jedoch fast eine volle Stunde, bis Risch den Forderungen nachkam und die PK – dann öffentlich – auf 20 Uhr im Audimax verlegte. Ein Armutszeugnis für die Außendarstellung der Uni, wenn ihr Präsident nicht fähig ist eine derartige Situation zu kontrollieren.

Dort fanden sich neben den Massen an Zuhörern acht Hochschulvertreter sowie Print- und Radiojournalisten ein. Natürlich waren die lokalen Zeitungen vertreten, ebenso die Uni-Medien Universal und L’Unico. Dazu kam das WDR sowie die dpa. Der kurzfristig anberaumten Diskussionsrunde ging wegen bisher schlechter Dialogmöglichkeiten mit den Entscheidern der Uni auch eine Unterschriftenliste voraus, mit der einige der Fachschaften auf die Missstände aufmerksam machen wollen. Bereits am ersten Tag unterzeichneten diese mehr als 1.500 Studenten. Neue Zahlen stehen noch nicht fest (die “Neue Westfälische” schreibt am Freitag von 2.500 Unterschriften/nach einer Woche sind es nach ihren Informationen schon 4.000 der insgesamt 14.500 Paderborner Studenten). Den Live-Stream, der die öffentliche Runde ins Internet sendete, schauten gleichfalls bis zu 1.000 User.

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Piraten enterten die Veranstaltung nur vorübergehend

Auch Anhänger der Piratenpartei sahen in den Vorkommnissen eine Gelegenheit sich zu positionieren und schwenkten zu Beginn eine Fahne der Ein-Themen-Partei. Auf den Hinweis von einem Studenten hin, dass es heute nicht um politische Meinungsäußerungen gehen solle, wurde diese Aktion freundlicherweise beendet.

Beispielhaft für die schlechte Kommunikation zwischen Studierendenschaft und Vorstand – die eher letzterem zuzuschreiben ist – zwei Ereignisse: So begann Risch seine Stellungnahme zur Eröffnung der Versammlung mit den Worten “Ich finde es super, dass Sie alle so zahlreich erschienen sind”. Pure Heuchelei für viele, denn schließlich hätte ein solcher Meinungsaustausch ohne den massiven Protest der Studierenden nie stattgefunden. Der zweite Punkt ist ein offenes Schreiben der Fachschaftsvertretung der Fakultät für Kulturwissenschaften (FSV) an den Präsidenten, das trotz mehrmaliger (und dem Anschein nach erfolgreicher) Versuche nicht zu Herrn Risch persönlich gelangt sein soll. Eine Reaktion gab es jedenfalls keine. Risch wirkte an diesem Abend bisweilen überheblich, oft auch sehr mitgenommen, in jedem Fall aber: unbeholfen.

Ein landesweit einmaliger Vorgang ist, dass der Prüfungsbericht über die Verwendung von Studienbeitragsmitteln nicht offen gelegt werden. Das geschah zwar gegenüber dem Senat, dem auch Studierende angehören, die den Bericht nach Aussage des AStA-Vorsitzenden Sebastian Rose jedoch nicht billigten. Angeblich ist die Offenlegung wegen der Wahrung des Datenschutzes von Seiten des Gesetzgebers nicht möglich. Ein anonymisiertes Raster solle bis Ende des Wintersemesters zur Verfügung stehen.

Im Falle der Netbooks konnte Risch aber, unterstützt von Kanzler Plato, ein klares Dementi äußern. Nein, Studiengebühren seien dafür definitiv nicht eingesetzt worden. Plato führte in Verteidigung zum akuten Platzmangel einige laufende und geplante Bauprojekte an. Die Uni wächst und bekommt in den nächsten Jahren deutlich mehr Fläche hinzu – diese wird aber erst 2013 komplett frei und die vielen Studierenden sind bereits jetzt da. Derzeit ist die Uni nach Angaben des Kanzlers mit 14.500 Studenten “zu 110%” ausgelastet.

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Die Uni-Vertreter bei der PK

Nach dem mehr oder weniger ordnungsgemäßen Ablauf der Pressekonferenz ging das Treffen in eine Podiumsdiskussion über. Bis nach 23 Uhr hielt das Zwiegespräch an und selbst dann waren noch nicht alle Fragen beantwortet, nicht jeder konnte seine Last vom Herzen loswerden. Darum sollen regelmäßige Meinungsaustausche eingeführt werden und schon in der nächsten Woche eine Wiederholung der Diskussion stattfinden.

Das Angebot zum regelmäßigen Dialog, das ist das wichtigste Ergebnis des Abends. Längere Öffnungszeiten und zusätzliche Container für die Mensa sowie Anmietungen im anliegenden Technologiepark für mehr Vorlesungsräume sind weitere angepeilte Resultate. Am schnellsten greifen könnten davon die Änderungen für die Mensa, obwohl dort mit einem dritten – dem ebenfalls stark kritisierten Studentenwerk – verhandelt werden muss. In die Negativ-Schlagzeilen ist die Uni schon geraten – ob sie den Weg in eine bessere Zukunft findet, bleibt abzuwarten.

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12 Kommentare
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  1. 1000 Leute? Sehr niedrig gegriffen…alleine vor der Tür am Beamer saßen und standen schon gut 400. Zusätzlich zu den im Audimax auf der Treppe oder zu zweit auf einem Sitz sitzenden sowie die oben und unten Stehenden werden es wohl eher 1500 Interessierte gewesen sein.

  2. Der offene Brief kam von der FSV (Fachschaftsvertretung der Fakultät für Kulturwissenschaften). Dies ist wichtig, denn es bedeutet, dass ALLE Fachschaften der Fakultät KuWi dahinter standen. Schade, dass solch ein Brief verloren geht!

  3. Uni brennt?

  4. Danke für die Hinweise betreffend der Anzahl Anwesender und vor allem zum offenen Brief. Ist korrigiert!

    Ich freue mich übrigens auch über jede Form der sachlichen Kritik über die Zustände der UPB sowie die Veranstaltung gestern.

  5. 700-100 Leute waren übrigens auch noch im Livestream “anwesend”

  6. 700-1000 Leute natürlich ;-)

  7. Naja wieviel Studenten gestern Abend da waren ist jetzt schwierig zu schätzen. Das Audimax war propevoll und der Vorraum auch.
    Wichtig ist erstmal, dass die Unileitung durch die Blockade mittags gezwungen wurde, uns endlich ein offenes Forum des Meinungsaustausch anzubieten.
    Der Verlauf des Abends mag für viele enttäuschend gewesen sein, aber wer dachte an einem Abend bekommt man auf alle Frage eine Antwort, der war auch etwas blauäugig.
    Wichtig ist, dass wir unseren Unmut in großer Zahl kund getan haben. Aber jetzt liegt es an uns, an den kommenden Diskussionforen, die die Unileitung uns in Aussicht gestellt haben weiterhin in deutlicher Zahl teilzunehmen.
    Vielleicht können wir so gemeinsam dafür sorgen, dass demnächst tatsächlich Transparenz an der Universität Paderborn herrscht, die Studienbedingungen sich verbessern (Die Unileitung und wir stehen seit der Einführung der Studiengebühren in einem Dienstleistungsverhältnis) und die ein oder andere offene Frage (Offenlegung der Studiengebührenverwendungsbericht …) beantwortet wird.
    Das hört sich jetzt alles sehr idealistisch an, aber wenn wir nicht die kleinste Chance nutzen dürfen wir uns nicht beschweren. In diesem Sinne sollten alle die können zur nächsten “Diskussionsrunde” wieder erscheinen und weiter hartnäckig an den entscheidenden Stellen weiterfragen oder eigene Vorschläge vorstellen.
    MfG,
    Flo

  8. Florian, da kann ich nur zustimmen. Es ist eine Frechheit, dass wir uns eine solche Diskussion erst durch lautstarken Protest erkämpfen mussten. Die Informationspolitik an der UPB ist für mich das schlimmste Übel. Ich gebe dir auch Recht, dass zu den nächsten Veranstaltungen wieder viele Leute kommen müssen, um wirklich was zu ändern. Aber die Chance ist jetzt mal da.

  9. Guten Abend,

    ich kann nur jeden Studenten auffordern, zu ihrem / seinem Fachschaftsrat zu gehen und diesen zu bitten, von offizieller Stelle ein Gesuch an den ASTA und den Senat zu senden, indem diese gebeten werden, Stellung zu den gestern getroffenen Aussagen seitens der Hochschulverwaltung zu nehmen und diese Stellungnahmen an öffentlich zugänglicher Stelle (WWW wäre ein Beispiel) zu veröffentlichen.

    Haben wir diese Stellungnahmen, haben wir immerhin ein klein wenig mehr Transparenz und können über weitere Vorgehen nachdenken.

    Ich stimme Florian auch zu, dass wir jetzt nicht aufgeben dürfen. Wir haben zwar bisher nur Zusagen erhalten, allerdings sollten wir jetzt auch zusehen, dass wir etwas erreichen in Form von Taten. Es muss gehandelt werden, denn so wie es momentan läuft, kann und darf es nicht weitergehen! Auch wir sind für den Ruf unserer Universität mitverantwortlich.

    Und damit verbleibe ich und wünsche allen Lesern einen schönen Abend,
    Ramona

  10. [...] Bericht bei Hingesehen.de [...]

  11. Seit dem 16.11. ist der Audimax der Uni Paderborn besetzt. Einige Studierende schließen sich damit dem bundesweiten (eigentlich sogar europaweiten) Protest und Bildungsstreik an. Lehrveranstaltungen werden ausdrücklich nicht behindert.

  12. [...] Pressemitteilung der Universität Paderborn? Pressemitteilung der DENIC eG vom 14. April 2008? Vor-Ort-Bericht von hingesehen.net Weblinks zu zu Universität Paderbornhttp://asta.upb.de/ – AStA Universität PaderbornZeitung [...]

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