Mit der Blechtrommel
8. Oktober 2011 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: GesellschaftLiteraturnobelpreisträger trifft Parteivorsitzenden – so lässt sich die von Tissy Bruns vom Tagesspiegel moderierte Gesprächsrunde mit Schriftsteller Günter Grass und SPD-Chef Sigmar Gabriel kurz zusammenfassen. Anlässlich der Vorstellung eines Buchs über Grass’ Engagement im Wahlkampf 1969 wurde die Debatte im Willy-Brandt-Haus in Berlin organisiert.
Mit dem mittlerweile berühmten Slogan „Mehr Demokratie wagen“ war Grass damals ausgezogen, neue Wähler „für die SPD zu öffnen“. In die „schattigsten Winkel der Republik“ habe er sich begeben, schrieb Grass seinerzeit nach einer Veranstaltung in Paderborn. Gemeint waren damit CDU-Hochburgen, in denen er teilweise unter Polizeischutz gestellt werden musste und mit Eiern beworfen wurde.
Brückenschlag von 1969 zu heute
Nach einer Einleitung des Herausgebers Kai Schlüter ging es auf den roten Sesseln allerdings bald schon nicht mehr um Brandts Zeiten. Neben der großen Statue des Altbundeskanzlers wurde die damalige Forderung zu mehr politischer Einbindung der Wählerschaft auf die Tagespolitik übertragen. Die über 400 Zuhörer erlebten daraufhin eine spannende Debatte über die Schnittstelle zwischen Wählern und politischen Entscheidungsträgern.
Das war vor allem Grass zu verdanken. Der 83-jährige Grass präsentierte sich bei einem Glas Rotwein keineswegs als „graue Eminenz“, für die Buchpräsentationen und politische Debatten auf der Tagesordnung stehen. Lebhaft, vehement argumentierend und kompromisslos fordernd – so zeigte sich der Literat gegenüber dem SPD-Parteivorsitzenden. Sigmar Gabriel, von Grass geduzt, geriet so zum Verteidiger der Parteipolitik in der seit 2009 währenden Opposition.
Grass fordert, Gabriel pariert
Als das „Salz in der Suppe“ der SPD ohne sie zu versalzen verstand sich die Wahlkampfinitiative um Grass schon in den 1960ern. Mit dem selbstironischen Namen „Saline“ bildete sie das linke Gewissen der Partei. In diesem Geiste nimmt Grass nach wie vor kein Blatt vor den Mund. So sei es unverantwortlich, dass die SPD aus der Opposition mittrage, dass keine strengere Bankenaufsicht eingeführt werde: „Das muss man einfordern, sonst gibt es halt Neuwahlen!“
Sein politisches Engagement führt Günter Grass auf die „Lehren aus der Weimarer Republik“ zurück. Die sei daran gescheitert, dass sich Bürger und Intellektuelle nicht genug „schützend vor die Republik“ gestellt hätten. Da schrillen die Alarmglocken, wenn Gabriel im Gegenzug konstatiert, dass in der heutigen Gesellschaft eine höhere Desillusionierung der Wähler besteht als in den 1960ern. Verliere die Politik noch stärker den Kontakt zum Volk, nütze dies nur den extremen Parteien.
Die SPD hat derzeit damit zu kämpfen, dass sie sich das Wählervertrauen zurückerkämpfen muss, nachdem sie den Neoliberalismus über zwei Jahrzehnte mitgetragen hat. Während Gabriel diesen Zwiespalt noch verdeutlichen will, holt Grass schon erneut aus. Die „Söldnerarmee“, die mit der Abschaffung der Wehrpflicht entstehen werde, bezeichnet er, der sich bei ihrer Einführung für den „Bürger in Uniform“ einsetzte, als „tickende Zeitbombe“.
Doch für die „wahre Einsicht der gemachten Fehler“ findet er auch lobende Worte für die Parteispitze. Anders als das opportunistische Verhalten der Merkel-Regierung in der Kernkraftfrage hole dieser Prozess die Politik von ihrem Ross und brächte sie dem Volk näher.
Gesellschaft verstehen wie die Piraten
Über die gemeinsame Forderung nach einem „Marshall-Plan für Südeuropa“ ging es zurück zum sozialen Verständnis der Partei. „Mit einem Durchschnittsalter von mittlerweile 60 Jahren ist das nicht gegeben“, räumte Gabriel auch mit Blick auf die Piratenpartei ein. Grass machte deutlich: „Die Demokratie ist, wie die Geschichte zeigt, kein fester Besitz, sie ist nur mit steter bürgerlicher Partizipation möglich. Und Politiker dürfen den Kontakt nicht immer nur zum Wahltermin suchen.“
Ob die SPD allerdings schon die richtigen Lehren aus dem Achtungserfolg der Piraten in Berlin gezogen hat, darf jedoch bezweifelt werden. Gabriel führte diesen auf „die Klarheit, die Rigorosität“ der Partei zurück, „doch Politik ist nicht binär 0/1, schwarz-weiß, ja/nein“. Dabei sind es gerade die Piraten die zugeben, dass sie nicht auf jede Frage eine Antwort haben.
Das Salz in der Suppe
Spiegel Online fragte angesichts der klaren Vorstellungen des Literaten anschließend, ob Grass vielleicht glaube, ihm gehöre die SPD. Diese Frage allerdings ist unverständlich. Denn in Grass’ Verständnis ist die Partei ja gerade kein autonomes Konstrukt in einer vom Volk abgekapselten Sphäre der Politik. Vielmehr ist sie der Ausdruck gebündelter Bürgerinteressen. Für dieses Plädoyer für direkteres Mitspracherecht auch für Nichtmitglieder gab es aus dem Saal viel Zuspruch.
Letztlich waren es gerade bei Günter Grass nicht die leisen Töne, die angeschlagen wurden. Im Sinne einer kontroversen, aber zielgerichteten Debatte wurde vielmehr auch mal die Trommel bedient. Klare Worte, ohne den Gesprächspartner unterzubuttern – man wünschte es sich öfter im heutigen politischen Diskurs. In der SPD wird Grass weiter dafür sorgen, schließlich will er die Partei unterstützen, „solange ich noch rauchen kann“.
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Da wäre man doch gern dabei gewesen!
Nur noch selten begegnet man einer ernsthaft geführten Debatte, die die echten politischen Fragen nicht hinter Parolen und Phrasen versteckt. Diskussionen wie diese können Mut machen, wieder stärker querzudenken und dabei helfen, eine echte Streitkultur wiederzubeleben! Nur, indem der Einzelne – jung oder alt -sich argumentierend einbringt, kann Demokratie lebendig bleiben.
In der SPD ist wohl die Ziehvateritis ausgebrochen. Sigmar Gabriel holt sich Günter Grass ins Wahlkampfboot, Peer Steinbrück legt nach und holt sich mit Helmut Schmidt ein echtes Pfunde. Bloß der arme Frank-Walter findet einfach keinen. Aber vielleicht wird er gerade davon profitieren, dass er der einzige ist, der keine solch alberne Show abzieht? Jedenfalls kann ich mir gut vorstellen, dass Steinbrück sich innerhalb der Partei nicht gerade Freunde gemacht hat mit seinem Auftritt.
Dass Schmidt ein Verfechter Steinbrücks ist, war ja schon lange ein offenes Geheimnis. Die mediale Präsentation jetzt gibt dem aber in der Tat noch einmal eine andere Note, zudem ja das gemeinsame Buch erscheint. Anders sehe ich es bei Gabriel und Grass – die Veranstaltung hatte keineswegs “Ziehvater”-Charakter.