“Mit mehr Frauen wäre die Politik sozialer”
4. Mai 2011 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: Uni-LebenAngela Merkel, Margaret Thatcher, Hillary Clinton – es gibt sie, die starken Frauen in der Politik. Trotzdem sind sie international in fast allen Parlamenten nach wie vor in der Minderheit. Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Wirtschaft. Dort sind Frauen in den Führungsriegen auch 2011 eine Ausnahme. Dem Thema Gleichstellung widmet sich an der Universität Paderborn seit 1984 der “Frauenprojektbereich MIA”. Am 3. Mai organisierte die Hochschulgruppe daher eine Podiumsdiskussion zum Thema Frauen in der Politik.
Eingeladen waren mit Wibke Brems und Matthi Bolte zwei Landtagsabgeordnete der Grünen sowie mit Ulrike Heinemann (SPD) und Ilse Erhardt zwei Vertreter des Paderborner Stadtrats. Erhardt, die dort eine freie Wählergemeinschaft vertritt, ist zudem Gründungsmitglied des Frauenprojektbereichs. Das Teilnehmerfeld komplettierten Prof. Dr. Dorothee Meister, Vize-Präsidenten der Paderborner Uni, und Florian Rittmeier als Vertreter des Studierendenparlaments. Die Moderation übernahm Prof. Dr. Birgit Riegraf vom Fachbereich Soziologie. Etwa 40 Zuhörer verfolgten den Austausch und brachten sich aktiv in die Diskussion ein.
Ja oder Nein zur Quote?
Schon in den Eingangsstatements der Teilnehmer wurden Probleme thematisiert und Lösungsansätze diskutiert. So berichtete Rittmeier, dass der Frauenanteil in den studentischen Vertretungen mit Ausnahme der Fachschaften sehr niedrig sei. Auf den höheren Ebenen der Universität zeige sich ein ähnliches Bild. So würden die Studierendenvertreter oftmals gebeten, Frauen zu gemeinsamen Sitzungen beider Organe zu schicken, da die dortige Quote sonst nicht zu erfüllen sei. Er machte jedoch auch deutlich, dass nicht das Geschlecht, sondern die Eignung zählen müsse. Aus seiner Erfahrung stellte er die These in den Raum, dass Frauen womöglich weniger an diesen Ämtern interessiert seien und diese Entscheidung zögerlicher träfen.
Prof. Dr. Meister nahm diesen Gedanken auf. Das Engagement von Frauen sei ohne Frage da, nur würden die meisten es weniger öffentlich ausüben. Als Beispiel dafür nannte sie das Ehrenamt. Die Arbeit dort fände im kleineren Kreis statt und somit auch direktere Anerkennung. Der Gegenentwurf dazu, etwa in der Politik, beinhalte dagegen, dass man sich öffentlich angreifbar mache. Wibke Brems bestätigte letzteren Eindruck, da es selbstverständlich immer jemanden gäbe, der anderer Meinung sei. Das Problem der Unterrepräsentation liege ihrer Ansicht nach jedoch nicht im mangelnden Interesse oder mangelnder Qualifikation der Frauen. “Gerade die informellen Netzwerke sind meist nicht durchlässig”, formulierte Prof. Dr. Riegraf, in Bezug auf Entscheidungsfindungen außerhalb offizieller Gremien. Der einzige Weg, diesen Missstand auszuräumen, ist für Wibke Brems eine Quotenregelung: “Wer wählt, sollte auch angemessen im Parlament vertreten werden.”
Machen Frauen sozialere Politik?
Einen interessanten innerparteilichen Einblick lieferte Brems Parteikollege Bolte. Er berichtete, dass es auch bei den Grünen bei der Besetzung interner Posten manchmal Murren der Männer ob der eigenen Quote gibt. Diese sei aber natürlich trotzdem richtig und zeige, dass man auch mit ihr erfolgreich sein kann. Bolte brachte zudem eine neue Perspektive in die Diskussion ein, indem er vom “Grünen Männermanifest” erzählte, das er mitgestaltet hat. Unter dem Titel “Nicht länger Machos sein müssen” wird darin gefordert, dass Schluss sein muss mit dem “tief sitzenden Geist der geschlechtlichen Polarität”. Feste soziale Rollenerwartungen an beide Geschlechter sollen aufgeweicht werden. Diesem Gedanken ist im Übrigen auch der Frauenprojektbereich gefolgt. In den 1980er-Jahren als “autonomer” Bereich ausschließlich für Frauen gegründet, steht er nun schon seit längerem auch männlichen Studierenden offen.
Trotzdem war die Quote ein beliebtes Thema an diesem Abend. So forderte auch Ulrike Heinemann von der SPD diese Regelung: “Das ist ein Muss, damit Politik nicht weiter eine Männerdomäne bleibt.” Der Tenor der Forderung war, dass Frauen anders Politik machen würden. Als Beispiele dafür wurde zuallererst eine andere Diskussionskultur genannt, die mehr auf Zuhören, denn Draufhauen basiere. In den Männerkreisen der Politik würde oft “geredet, um zu reden”, sagte Erhardt. Auf meine Nachfrage, ob dies generell ein Problem der Politik oder speziell eines der Männer sei, war die Reaktion aus der Runde einhellig: “Der Männer!” Als weitere Merkmale “weiblicher Politik” wurde eine andere inhaltliche Schwerpunktsetzung aufgeführt, die mehr auf die Menschen abgestimmt und somit sozialer sei.
Jedoch wurde auch festgestellt, dass die “top girls” wie Merkel oder Thatcher, also diejenigen, die es in Führungspositionen geschafft haben, sich oft von emanzipatorischen Gedanken abgrenzen. Das erste Mal, das die eher weiblichen politischen Führungsmerkmale wie Konsens schaffen oder nicht von oben herab zu regieren positiv beurteilt würden, war nach Ansicht Boltes beim NRW-Führungsduo aus Hannelore Kraft (SPD) und Silvia Löhrmann (Grüne) zu beobachten gewesen.
Welches Bild transportieren die Medien?
Als Alternative zur Quote wies Prof. Dr. Meister auf Anreizsysteme hin. Das Problem einer Quote sei, dass sie den Frauen, die darüber eine Stelle bekommen, nicht unbedingt auch die entsprechende interne Anerkennung einbringt. Stelle man aber etwa Unternehmen auch andere Anreize in Aussicht, wolle auf einmal jeder mehr Frauen im Team haben. Kritik zu dieser Idee gab es aus dem Publikum. Ein solches Verfahren würde einfach viel zu lange dauern, bis es Früchte trage.
Auch die Rolle der Medien wurde kurz thematisiert. So wurde darauf hingewiesen, dass Verweise auf das Aussehen eines Politikers bei weiblichen Volksvertretern deutlich häufiger seien als bei männlichen. Dass Frauen sich ohnehin meist farbenfroher kleiden als Männer im unauffälligen Anzug, führe da immer wieder zu merkwürdigen Nachfragen, erzählte die Grünen-Abgeordnete Brems: “Warum trägst du denn heute Rot? Du bist doch gar nicht in der SPD!”
In den zwei Stunden der Veranstaltung wurde intensiv diskutiert und der Wille, etwas zu veränden, zum Ausdruck gebracht. Ein Kritikpunkt wäre jedoch die vergleichsweise hohe inhaltliche Übereinstimmung der Teilnehmer zu nennen. So wurden die Grünen, sicher zur Freude der beiden vertretenen Landtagsabgeordneten, für ihre Quotenpolitik gelobt, allerdings ohne dass dies zu Wahlkampfzwecken ausgeschlachtet wurde. Ebenso wäre mit mehr Männern unter den Teilnehmern (statt zwei von sieben) vielleicht eine breitere Palette von Ansichten und somit noch mehr Diskussionsstoff gegeben gewesen. Angeregt wurde die Diskussion angesichts wenig weiblicher Studierendenvertreter von der Universitätsleitung. Immerhin: Der gute Wille ist also da.










Mit mehr Frauen wären in der Politik mehr Frauen. Mehr nicht.
Das Problem gibt es überall wo zu wenig Frauen vertreten sind. Ob sich auf Anhieb etwas ändern würde, glaube ich nicht. Bisher haben sich viele Frauen in der Politik ihren männlichen Kollegen angepasst. Ich glaube in Zukunft wird das keine Rolle mehr spielen. Irgendwann wird es ausgeglichen sein und auch sowas wie diese bescheuerten Lohnunterschiede zur Geschichte gehören. Der Weg dorthin ist nicht immer einfach, aber ich weiß nicht ob Quoten helfen würden. Ich glaube eher sowas wie Anreize. Die helfen meistens am besten.
Mit mehr Frauen in der Politik wären Frauen weniger sozial.