N24: “Die ersten Judenerschießungen – nach der Werbung”

6. August 2009 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: Gesellschaft
portrait

Es schreibt: Christopher

Ich habe ferngesehen. Wie üblich tat ich es am späten Abend, andere würden sagen in der Nacht. Bei dem, was die Sender uns heutzutage bieten, sollte es bloß keiner mitbekommen… nein, so zynisch bin ich nicht. Ich bin der Meinung, dass die für mich interessanten Sendungen tatsächlich erst spät laufen und nicht wie man vermuten sollte zur “prime time”. Die weit verbreitete Assoziation mit TV um Mitternacht ist da freilich eine ganz andere: Erotikfilme und -werbung auf der Hälfte der Sender. Leider stimmt auch das.

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Seinerzeit als Bundeskanzler voll in die Spendenaffäre verwickelt: Helmut Kohl (Bild von "yullen"/flickr.com)

Die Anstalten, die auf nackte Haut verzichten, zeigen parallel aber oft deutlich Anspruchsvolleres als um 20 Uhr. Warum? Wird dem Zuschauer so wenig zugetraut? Kann nicht auch ein guter Festival-Film genauso viel Quote bringen wie ein mittelmäßiger Blockbuster? Der WDR zum Beispiel bietet hin und wieder zu später Stunde wirklich sehenswerte Streifen, Sendebeginn ist aber meistens erst gegen 23 Uhr. Dasselbe gilt für politische, historische oder sonstige Dokumentationen.

Wolfgang Schäuble – Unschuldslamm der Spendenaffäre?

Der NDR zeigte am Mittwoch passend zur Auslieferung von Karl-Heinz Schreiber Anfang dieser Woche eine Dokumentation zur CDU-Spendenaffäre. Die bestand zum Teil aus mit Schauspielern nachgestellten Szenen, Originalaufnahmen der “Protagonisten” (i.e. Helmut Kohl und Parteikollegen) sowie Interviews mit den Politikern von 2002. Schreiber war der Grund dafür, eine Neuauflage dieser Sendung zu machen, so viel ist klar. Das wirft jedoch im Rückblick die Frage auf, wie es sein konnte, dass dieser Skandal – knapp zehn Jahre nach dem Aufkommen – letztendlich ohne Lösung oder größere Folgen aus dem Blickfeld verschwand. Die meisten der Ermittlungsverfahren (immerhin gab es einen Untersuchungsausschuss) wurden eingestellt. Einigen wurde eine Strafe in fünfstelliger Euro-Höhe aufgebrummt.

Sicher, Kohl und die schwarz-gelbe Regierung wurden 1998 abgewählt. Aber ob das nach 16 Regierungsjahren nicht ohnehin passiert wäre? Wolfgang Schäuble, der in den nachgespielten Szenen als vom großen Kohl enttäuschter Freund und Gutmensch dargestellt wird, legte den Parteivorsitz als Konsequenz ab. Das Innenministerium kann er heute trotzdem leiten. Die etwas einseitige Darstellung Schäubles wirkt gerade vor dem Hintergrund absurder Datenschutzforderung in dieser Legislaturperiode fast schon ironisch. Sie ist aber auch der einzige größere Kritikpunkt der ansonsten sehr gelungenen Aufarbeitung.

Kronzuckers skandalöse Ansage

Als ich nach dieser Sendung noch einmal das Programm durchging, blieb ich zunächst bei N24 hängen. Es lief eine Reportage mit dem Überthema “Zweiter Weltkrieg”, unter anderem mit Original-(Farb-)Aufnahmen eines deutschen Kampfpiloten wie es hieß. Zwischendurch wurden zur Vervollständigung auch andere Filmaufnahmen verwendet, wodurch ein ein durchaus vollständiges Bild zum Thema entstand. Die Kommentare vom Sprecher waren angemessen – nämlich neutral und nicht wertend oder anheizend. Die Hintergründe wurden erklärt, auch Experten kamen zu Wort – man konnte also noch etwas lernen. Doch dann kam Dieter Kronzucker.

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Das Senderlogo von N24 aus der ProSieben/Sat.1-Gruppe

Der Gründer des ZDF heute-journals moderierte die Sendung vor den Werbepausen. Die Wortwahl ist allerdings die falsche: Laut Wikipedia hat eine Moderation das Ziel, “mit allen Gruppenmitgliedern einen gemeinsamen Lernprozess zu gestalten”. Was Kronzucker tat, war davon weit entfernt. Leider ist auf der Homepage von N24 kein Mediathek-Beitrag zur gestrigen Sendung zu finden, sodass ich den Wortlaut nicht exakt, aber doch sehr treffend wiedergeben kann. Nach den Amateuraufnahmen aus dem für uns heute unvorstellbaren Soldaten-Alltag blickte der 73-jährige Journalist uns freundlich an und tönte: “Nach der Werbung geht es weiter. Sehen Sie dann die ersten Judenerschießungen, Landser in Aktion und das Leid deutscher Soldaten im harten Winter von Stalingrad. Also, bleiben Sie dran.”

Bei Radio Wolfsschanze wäre man stolz auf eine derartige Ankündigung, sie hätten es nicht schärfer formulieren können. Das ist schon nicht mehr nur boulevardesk, wie man es vom Umgang mit dem Dritten Reich ja schon kennt (etwa durch unzählige Spiegel-Titelblätter): Das war taktlos und das war menschenverachtend. Ich habe als Reaktion darauf einen Leserbrief an N24 gemailt. Ändern wird es vermutlich nichts, doch für mich wurde hier eine Grenze klar überschritten und der Sensationslust in unfassbarem Maße gehuldigt, während der Respekt mit Füßen getreten wurde. Sollte es eine Reaktion seitens des Senders geben, werde ich sie hier einfügen.

Putins Demonstration der Macht

Ich habe die Sendung nach dieser Abmoderation zur Werbung nicht mehr weitersehen können. Stattdessen bin ich bei heute nacht, den etwas lockereren öffentlich-rechtlichen Nachrichten im ZDF, gelandet. Der folgende Beitrag beschäftigte sich mit Wladimir Putin, dem russischen… ja, was ist er eigentlich gerade? Präsident, Ministerpräsident? Einigen wir uns auf egomane Machtfigur. Vor zwei Jahren, damals noch als Präsident, ließ er Urlaubsbilder von sich veröffentlichen, auf denen er in der Natur als cooler Muskelprotz mit Sonnenbrille und freiem Oberkörper zu sehen ist. Doch das war anscheinend gar nichts gegen die Kampagne, die er jetzt gestartet hat.

Den Anfang machte ein Foto des 56-Jährigen auf einem Pferd, wieder mit freiem Torso. Zwar zeichnen sich mittlerweile erste Rettungsringe an Putins Bauch ab (anscheinend wirkt das bodenständiger, jetzt als Ministerpräsident), doch die Botschaft bleibt dieselbe: Ich, eure Führungsfigur, bewege mich gerne in der Wildnis unseres großen russischen Reichs. Ich bin ein Einzelkämpfer, mir könnt ihr vertrauen.

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Karikatur von toonpool.com

Die Tour geht aber noch weiter. Ein Beispiel: Einem armen Provinzjungen überreicht Putin werbewirksam vor den Kameras seine Armbanduhr. “Pass gut darauf auf”, gibt er dem Knirps noch mit auf den Weg. Der alte Klassenfeind hätte das in Hollywood nicht besser inszenieren können. Fragt sich tatsächlich noch jemand, wer in der Konstellation Medwedew-Putin die Fäden in der Hand hält?

Nach diesem Fernsehabend ging ich enttäuscht schlafen: Enttäuscht vom TV (Kronzucker) und enttäuscht von unserer Politik (CDU, Putin). Was es dennoch Gutes hat? Dass wir unsere eigenen Gedanken dazu machen können. Es zeigt aber auch, dass es auch im Jahr 2009 noch wichtig ist, kritisch mitzudenken.

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Ein Kommentar
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  1. »Leider ist auf der Homepage von N24 kein Mediathek-Beitrag zur gestrigen Sendung zu finden […]«
    Das macht doch nix. Bei Rüstungs-TV laufen die Sendungen doch eh in Endlosschleife. Einfach in unregelmäßigen Abständen wieder reinschalten.

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