Nach Glos kommt Guttenberg

9. Februar 2009 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: Politik

Etwas überraschend kam das Rücktrittsgesuch von Michael Glos (64) am Samstag zwar schon. Doch abgesehen von den zaghaften öffentlichen Versuchen von allen Seiten (CSU-Chef Seehofer, Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier) am Folgetag, gab es kaum Anzeichen, das Glos’ Rückzug als Verlust gewertet würde. So kommt es, dass schon am Montag Karl-Theodor Guttenberg (37) offiziell als neuer Bundesminister für Wirtschaft und Technologie vorgeschlagen wurde. Dieser Vorschlag kam von Seehofer und nicht etwa, so wie es eigentlich im Grundgsetz steht, von der Bundeskanzlerin. Das hat mit den Gepflogenheiten in Koalitionsregierungen zu tun: Die daran beteiligen Parteien bestimmen ihr Personal selbst. Nach dem geltenden Koalitionsvertrag hat die CSU das Vorschlagsrecht für die Besetzung des Wirtschaftsministeriums.

CSU-Chef Seehofer wollte zunächst keinen Ministerwechsel

Michael Glos begründete seine Amtsniederlegung damit, dass er sich für eine eventuelle Verlängerung seines Mandats nach der Bundestagswahl im Herbst zu alt fühle: “Da ich in diesem Jahr mein 65. Lebensjahr vollende, entspricht es meiner Lebensplanung, nach dem 28. September keinem Kabinett mehr anzugehören” (Spiegel). Doch schon in den Wochen zuvor stand Glos im Mittelpunkt. In den Unruhen der Finanzkrise war auffallend wenig vom gelernten Müller zu hören. Diese Zurückhaltung wurde ihm als Zeichen der Schwäche ausgelegt und könnte Einfluss auf seine jetzige Entscheidung gehabt haben.

Guttenberg gehört mit seinen 37 Jahren zu einer neuen Generation von Politikern. Für ihn zeigte die Formkurve seit Ende 2008 steil nach oben. Nach dem Wahldebakel der CSU stieg der gebürtige Münchener nach dem Rücktritt von Christine Haderthauer zum Generalsekretär der bayerischen Union auf. Nun, gerade einmal vier Monate später, ist ihm selbst der Freistaat zu klein geworden – die Bundespolitik in Berlin ruft.

Mit seinem Erfolg folgt Karl-Theodor Guttenberg übrigens der Familientradition: Sein Großvater, nachdem er benannt wurde, war von 1967 bis 1969 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeskanzleramt und seinem Vater Enoch wurde für seine Arbeit als Dirigent das Bundesverdienstkreuz I. Klasse verliehen. Der berühmter Fast-Namensvetter Gutenberg wurde vom A&E Network 1999 zum “Mann des Jahrtausends” gewählt – Guttenberg jr. wäre wohl schon zufrieden, wenn er die anhaltende Wirtschaftskrise abfangen und in seiner Zeit als Minister einen Konjunkturaufschwung in Deutschland erleben könnte. Immerhin beinhaltet sein ellenlanger kompletter Vorname (zu bewundern auf Wikipedia) auch die Namen Franz Joseph, die innerhalb seiner Partei an Zeiten erinnern, zu denen auf Landesebene keine Koalitionen nötig waren, um zu regieren.

Das "CSU-Talent" Guttenberg

Praktische wirtschaftliche Erfahrungen sammelte Guttenberg bereits seit 1994 in der Geschäftsleitung des Familienbetriebs Von Guttenberg GmbH, einem Unternehmen für Baumaterialien. Seine Maxime ist die soziale Marktwirtschaft des Ludwig Erhard. Experimente wie die „Neue Soziale Marktwirtschaft“, die Angela Merkel einst als Alternative ausrief, lehnt er ab. Man kann gespannt sein, wie der junge Mann mit der aktuellen Wirtschaftskrise umgehen wird und ob er lautstarker als sein Vorgänger agieren wird. Das Ressort Wirtschaft war bisher nicht sein Hauptressort, viel mehr galt er als außenpolitischer Experte der CSU. Für Guttenberg ist der schnelle Umstieg kein Problem: Gerade auf seinem bisherigen Feld habe er viel über weltwirtschaftliche Zusammenhänge lernen „dürfen“.

Das Ministeramt mit langer FDP-Tradition hat in den letzten Jahren an Bedeutung verloren. Viele Kompetenzen wurden unter anderem an das Finanzministerium abgetreten. Michael Glos gelang es nicht das Ressort zu alter Bedeutung zurück zu führen. Auch für den Adeligen dürfte das schwierig werden. Allerdings könnten ihm hier seine außenpolitischen Erfahrung und seine guten Sprachkenntnisse helfen. Anders als Glos könnte er weltweit in Erscheinung treten.

Sein unternehmerischer Hintergrund wird seine Arbeit sicherlich beeinflussen, er kennt die Situation und Interessen aus der Sicht des Unternehmers besser als die des einfachen Angestellten. Etwas mehr Einflussnahme in das wirtschaftliche Tagesgeschehen würde ihm bei vielen Kritikern im Vergleich zu Glos schon zum Gewinner machen.

Hofnarr Florian: Während meines Praktikums bei einer fränkischen Lokalzeitung im vergangenen Sommer sah ich das Gesicht des neuen Ministers fast täglich in den Lokalteilen der Umgebung. Als Bundestagsabgeordneter für Kulmbach war er in vielen Dörfern unterwegs, schüttelte Hände von Bürgermeistern und besuchte kleine Unternehmen. Nun, nur sechs Monate später, ist er nicht mehr im Lokalteil Kulmbach zu sehen, sondern auf dem Titelblatt. Statt Franken Deutschland und die ganze Welt: Ein rasanter Aufstieg.

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Spiegel

FAZ

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7 Kommentare
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  1. Wasn das A&E Network?

  2. Das A&E Network ist ein TV-Unternehmen aus USA. Letztendlich erhielt Gutenberg diesen Titel in einem Ranking der 1.000 wichtigsten Menschen des vergangenen Jahrtausends von “prominenten Journalisten” verliehen. Man beachte bei dieser Auszeichnung, dass hier die Schwierigkeiten jeder Ehrung besonders groß geschrieben sind:
    1. Sie bringen dem Träger nichts – posthum erst recht nicht.
    2. Wer entscheidet die Wichtigkeit der Leistungen – insbesondere Jahrhunderte später? (Bei Gutenberg hieß es in der Begründung übrigens unter anderem sinngemäß: “Ohne hin wäre Columbus nicht nach Amerika aufgebrochen [Anm.: das ist Unsinn] und ohne ihn wäre Luthers Reformation nicht so weit verbreitet” etc.)

    Aus diesen Gründen habe ich den ansonsten nicht unbedingt notwendigen Vergleich gezogen.

  3. Oh man, merkwürdige Begründungen. Die prominenten Journalisten gehören wahrscheinlich zum Sender? Ist mir sowieso schon aufgefallen, dass die amerikanischen Journalisten mit mehr Preisen um sich werfen und beworfen werden, als feierlich ist. :)
    Ihr könntet auch mal Preise verleihen. :P

  4. Okay, davon mal ab, sieht Herr Guttenberg auf dem Foto unglaublich schleimig aus. Auch der Name und die Namensgleichheit mit seinem Grossvater sind gruselig. Wie ich sehen konnte stritt man sich auch auf Wikipedia darum, wie man korrekt über den Mann reden soll. Nennt man ihn ganz respektlos einfach “Guttenberg”? Mal gucken ob er ausser Hände schütteln noch was kann.

  5. Ich verstehe, was du meinst. Er strahlt etwas ziemlich elitäres aus, bei seinem Hintergrund würde es nicht überraschen, wenn er einen schönen BMW fährt (reicher Bayer… tschuldigung, Franke etc.). Mir bedeuten Adelstitel nichts, daher habe ich auf das “von und zu” verzichtet – die Medien, die ihn nur “zu Guttenberg” nennen, haben ja sogar auch schon gekürzt.

  6. Kleine Anmerkung zu seinem bisherigem Erfahrungsschätzen, die angegebene Firma bei München “gleichen Namens” streitet wehemend ab, jemals von unserem neuen WM von innen besehen worden zu sein. Es war jedoch mal ein Registereintrag zu einer Firma in München – bestehen aus drei Personen – Gegenstand der Firma — Verwaltung des eigenen Vermögens. Wie immer man das auch bewerten kann. Siehe auch: – http://www3.ndr.de/sendungen/zapp/media/zapp3162.html

  7. Korr– seinen bisherigen — Danke

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