Netzpolitik gegen Deutsche Bahn – David gegen Goliath

5. Februar 2009 | Von hofnarr.florian | Kategorie: Gesellschaft, Hingesehen-Features

Update: David hat den Kampf gewonnen. Die Deutsche Bahn AG gibt auf und verzichtet auf weitere Konsequenzen gegen Markus und Netzpolitik. Glückwunsch!

Die Popularität und Reichweite von Weblogs in Deutschland ist im Vergleich zum Ausland sehr gering. Die Menschen lesen zwar online Spiegel, FAZ und TAZ, scheuen aber meist noch davor zurück, sich auf Privat-Blogs über das Weltgeschehen zu informieren. Die Scheu ist vor allem bei den älteren Teilen der Bevölkerung groß. Dabei gibt es im großen Dschungel des Web 2.0 durchaus Angebote, die den Vergleich mit der professionellen Journaille nicht fürchten müssen. Spiegelfechter, Netzpolitik und Bildblog sind nur einige Beispiele.

Screenshot des Dokuments auf Netzpolitik

Screenshot des Dokuments auf Netzpolitik

Doch in letzter Zeit wurden die Blogger verstärkt auch außerhalb der Online-Community wahrgenommen. Zuerst war die Versteigerung von Robert BasicsBasic Thinking“ in aller Munde und schaffte es sogar mit einem Sendebeitrag in das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Vielen Menschen wurde zu diesem Zeitpunkt bewusst, was für ein Potential diese Art von Journalismus hat. Dass jemand rund 47.000 Euro für eine Domain bezahlt, konnten die meisten webfremden Zeitungsleser und TV-Konsumenten nur schwer nachvollziehen. Roberts Verkauf sorgte dafür, dass Basic Thinking auch ins Blickfeld vieler Neulinge rückte.

Doch damit, was in den letzten Tagen geschah, hätte niemand gerechnet. Am heutigen Morgen titelt die taz „Blogwart Mehdorn“ und bezieht sich damit auf einen Konflikt zwischen Blogosphäre und Riesenkonzern. Markus Beckedahl von Netzpolitik ist mitten im Rampenlicht des Medien-Mainstreams gelandet. Ein Blogger als Titelaufhänger einer der größten deutschen Tageszeitungen – bisher undenkbar.

Was war passiert?

Am 31. Januar veröffentlichte Markus auf seinem Politik-Blog Netzpolitik.org ein betriebsinternes Memo der deutschen Bahn, das ihm anonym zugespielt wurde. Anders, als die Presseorgane vorher, zitierte er nicht nur, sondern stelle die komplette pdf-Datei online zur Verfügung. In dem betriebsinternen Dokument des Berliner Datenschutzbeauftragten geht es um die Mitarbeiter-Überwachung bei der Deutschen Bahn. Es enthält brisante Details zur Affäre um die private Rasterfahndung von 173.000 Mitarbeitern der Deutschen Bahn.

Am 3. Februar erhielt “Netzpolitik” eine Abmahnung der DB inklusive einer Ankündigung von Schadensersatzforderungen und Androhung von rechtlichen Schritten. Der Vorwurf lautet “Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen”. Außerdem soll er eine Unterlassungserklärung unterzeichnen.

Damit brachte die Bahn den Stein ins Rollen. Es folgte eine nie da gewesen Welle von

Markus Beckedahl

Markus Beckedahl

Solidaritätsbekundungen der Community, die Markus Hilfe anboten und den Fall publik machten. Die Bahn hatte natürlich gehofft, Netzpolitik würde das Dokument schnell entfernen und die Unterlassungserklärung unterschreiben, doch Markus weigert sich nach wie vor. Viele Internetnutzer luden das Dokument auf ihren eigenen Webspace hoch und solidarisierten sich so mit dem Betroffenem. Um einer Sperrung der Webseite im Falle einer erwirkten Unterlassungserklärung vorzubeugen, soll der Server von Netzpolitik jetzt sogar ins Ausland verlagert werden.

Doch die Wogen der Welle schlugen noch höher. Nicht nur viele Blogs berichteten über den Vorfall, sondern im laufe der Zeit auch etablierte Medienorgane. Spiegel Online veröffentlichte gleich mehrere Artikel und die taz widmete wie schon erwähnt eine die Titelgeschichte. Der Stern interviewte Markus Beckedahl ausführlich. Der Kampf „David gegen Goliath“ hat begonnen.

Welche Folgen wird der Konflikt für die Blog-Szene insgesamt haben?

Das erste Mal ist einem deutschen Netz-Schreiberling der Sprung in die großen Medien gelungen. Und dies durch eine journalistische Aufklärungsarbeit, die wohl nicht jeder vom Online-Journalismus erwartet hätte. Netzpolitik traute sich das, was Stern und Co. nicht wagten. Er veröffentlichte das Dokument und machte es allen zugänglich. Bereits in der Vergangenheit hatte er brisante Dokumente als Erster veröffentlicht, allerdings bisher ohne weitere Folgen.

Die Nachricht von der Abmahnung verbreitete sich im Web wie ein Lauffeuer. Hier zeigt sich der große Vorteil des Online-Journalismus gegenüber der Print-Konkurrenz: Die Vernetzung. Über Twitter und Weblogs wurde die Geschichte so populär, dass sie letztendlich sogar auf die etablierten Medien überschwappte.

Dank Markus und Netzpolitik könnte dies eine große Chance für alle Blogger sein, sich einer ganz neuen Zielgruppe zu öffnen. Auch Markus glaubt daran.

Für Hingesehen antwortete er auf die Frage, ob von dem Vorfall alle Blogger profitieren könnten und Blogs in Zukunft ein wenig mehr in der Öffentlichkeit wahrgenommen würden:

„Ja, durch die Kombination Veröffentlichung und Abmahnung durch die Deutsche Bahn ist ein Präzedenzfall geschaffen worden, der weit über die Blogosphäre hinaus bekannt geworden ist. Damit wird die gesellschaftliche Bedeutung von Weblogs im Allgemeinen in Deutschland steigen.”

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4 Kommentare
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  1. Ich glaube die Blogger können noch lange davon träumen, es zu einer Bekanntheit außerhalb ihres eigenen kleinen Blogosphärenhorizontes zu bringen.
    Schon vor der Netzpolitiksache mit der Bahn waren Blogs in den etablierten Medien (beispielsweise bei den StudiVZ-Skandalen).
    Frag 10 beliebige Leute auf der Straße, ob sie ein Blog nennen können, dass sie lesen oder auch nur kennen und man wird 9,9 mal nur fragende Blicke ernten.

  2. @Konrad: Natürlich sind Blogs in Deutschland noch lang nicht Mainstream, trotzdem bekommen sie immer mehr Bedeutung. Natürlich ist es trotzdem noch kein Vergleich mit Amerika.

    Bis ein paar mehr Leute Blogs lesen ist es wohl noch ein langer Weg. Netzpolitik hat die Blogosphäre aber ein Stück weiter gebracht.

  3. [...] Februar dieses Jahres erhielt Markus Beckedahl von Netzpolitik.org eine Abmahnung der Deutschen Bahn. Ihm wurde „Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen“ vorgeworfen, weil er ein [...]

  4. das problem sehe ich viel tiefer verwurzelt, und zwar im bewusstsein der bevölkerung — lieber 10 mal zu huschen als 1 mal ordentlich “stunk” zu veranstalten. und das in allen gesellschaftsschichten. ich kann nicht genau sagen ob dieses problem sich nur in deutschland so schrecklich differenziert hält oder in der ganzen ach so “zivilisierten” welt. aber ich kann es nicht mehr erwarten bis ein ruck um nicht zu sagen ein beben durch die peinlich zahme bevölkerung geht.

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