Neuseeland-Serie: Zu Besuch im Paradies (Teil 3/3)

8. April 2009 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: Gesellschaft

Mit diesem dritten Beitrag über die Erlebnisse und Erfahrungen meiner dreiwöchigen Neuseeland-Reise geht die Hingesehen-Serie zuende. Ich hoffe, ich konnte euch zumindest einen kleinen Einblick geben darin, was es bedeutet, für jeden Weg den halben Globus überqueren zu müssen und darin, was man in Neuseeland erleben kann. Wenn ich dem ein oder anderen vielleicht sogar Lust auf einen eigenen Trip dorthin gemacht habe, würde ich mich besonders freuen, denn das Land ist es in jedem Fall wert!

Zum Nachlesen… Teil 1 (11.000 Meter über Afghanistan) und Teil 2 (Haere mai ki Aotearoa)

Der Autor beim Zeittotschlagen in Melbourne

Dritter und letzter Eintrag: In vielen Punkten ist Neuseeland nach wie vor mit dem großen Partner Großbritannien verbunden. Diese Verbindung ist aufgrund der historischen Grundlage nur allzu verständlich – trotz des in Teil 2 erwähnten wachsenden Einfluss Asiens. Auf den Dollar-Münzen ist “Her Majesty Queen Elizabeth II.” abgebildet, es gibt eine ausgeprägte “Club”-Kultur und das Bezahlfernsehen ist weit verbreitet. Doch Moment, die neuseeländische Währung heißt Dollar? Wäre das Pfund nicht logischer? Tatsächlich waren Münzen und Scheine zunächst in Pfund und Shilling unterteilt. Doch mit der Währungsreform 1967 wurden nicht nur Münzen und Banknoten geändert, sondern der Name gleich mit.

Interessanterweise gibt es übrigens seit 2006 keine 1, 2 und 5-Cent-Münzen mehr im Umlauf, ähnlich wie es mit dem Euro in Finnland der Fall ist. In Geschäften und Supermärkten wird daher der Preis einfach jeweils auf- oder abgerundet. Ein gutes Verfahren, um im Kleingeldfach des Portemonnaies den Überblick zu behalten.

Kiwi Klub-Kultur nach britischem Vorbild

Fährt man durch eine neuseeländische Stadt – und das ist hier wörtlich zu verstehen, denn die Stadtzentren sind meist so klein, dass die Motorways geradewegs durch sie hindurch führen – so fallen einem oft schon am Ortseingang die Schilder eines Clubs auf. Die beiden wichtigsten sind hier wohl der “rotary club” und der “cosmopolitan club”. Während der cosmopolitan eher als bodenständig gilt und Angestellte anzieht, sind die Mitglieder des rotary so genannte “professionals”, sprich: Ärzte, Anwälte, Unternehmer. Diesem elitären Anspruch folgend kommt hier auch der Etikette nach wie vor enorme Bedeutung zu, Absingen der Nationalhymne inklusive.

Während Vereine in Deutschland meist in Verbindung mit Sport verstanden werden, sind die Clubs im englischsprachigen Raum umfassender und gesellschaftlicher. Ich habe kein Treffen des rotary club miterlebt, aber ich stelle es mir ein bisschen so vor wie im England des 19. Jahrhundert aus einem Oscar Wilde-Stück. Diese Tradition scheint in Neuseeland weiterzuleben.

Das himmlische Fernsehen gegen Geld

Neuseeland in der Nahaufnahme - der dritte Teil der Serie

Wenn man so will, lässt sich auch das TV-System der “Kiwis” als Zwei-Klassen-Gesellschaft definieren. Im freien Empfang sind derzeit elf Fernsehstationen. Wer mehr Auswahl oder speziellere Angebote wünscht, der hat bei genügend finanziellen Mitteln die Gelegenheit, sich den Bezahlsender Sky.TV zu abonnieren. Hier wird abermals ein Unterschied zu Deutschland deutlich, wo nicht nur bei den Öffentlich-Rechtlichen großen Wert auf “Free-TV” gelegt wird. Die Rundfunkgebühren werden hierbei ja oft nicht mehr als Extra-Zahlung wahrgenommen.

Sky.TV, das auch im Vereinigten Königreich mit großen Erfolg sendet, ist verbreiteter als etwa Premiere in Deutschland. Obwohl das Angebot (Live-Sport, Hollywood-Filme, ausführliche Dokumentationen und Special Interest) sich sehr ähnelt, scheint die Bereitschaft, für gutes Fernsehen mehr zu bezahlen, größer zu sein. Womöglich liegt es unter anderem an der Splittung der Pakete bei Premiere: Wer die Filme und Fußball will, muss gleich zweimal blechen. Mir persönlich gefällt das Angebot von Sky, da die Auswahl des Programms viel persönlicher ausfällt als es im deutschen System der Fall ist. Von Quizsendungen à la 9Live oder DSF hat man in Neuseeland übrigens noch nichts gehört.

Jugendliche Raser stören die Idylle

Gehört hat man dagegen von den Risiken, die das Rauchen mit sich bringt. Ähnlich wie in der EU gibt es aus diesem Grund viele Rauchverbote an öffentlichen Plätzen. Die Abschaffung alter Glühbirnen sowie ein Handy-Verbot beim Autofahren stehen kurz bevor – das Bild des verschlafenen Zwergs in der Südsee, bei dem die Zeit stillsteht, muss also revidiert werden. Handlungsbedarf besteht jedoch beim Mindestalter für den Führerschein. Mit 16 Jahren kann man sich hier schon hinter das Steuer setzen und das bleibt nicht ohne Folgen. Die Zahl der Verkehrsopfer steigt stetig an. Als erster Schritt wurde jetzt eingeführt, dass erwachsene Begleiter zu Beginn mitfahren müssen, allerdings gibt es zu wenige Polizisten, die das neue Gesetz tatsächlich kontrollieren könnten.

Der Übermut der jugendlichen Fahrer geht zum Teil sogar so weit, dass ganze Städte lahmgelegt werden. In Christchurch sind nachts kuriose Partys bei laufenden Motoren zu beobachten, das ist günstiger als in eine Bar zu gehen. Die Polizei steht den so genannten “Boyracern” beinahe hilflos gegenüber. In Neuseeland waren viele über diesen ZDF-Bericht verärgert, schlechte Außendarstellung ist nicht erwünscht – statt das Problem an der Wurzel zu packen werden so die Medien kritisiert, verstehe das wer will.

Verbesserungswürdige Infrastruktur

Der Hafen von Wellington

Als deutscher Student ist man im Nahverkehr geradezu paradiesische Zustände gewohnt, die so in Neuseeland nicht aufrecht zu erhalten sind. Wie mit dem NRW-Ticket kostenlos durch eine ganze Region fahren und dabei zwischen jedem noch so kleinen Dorf eine Zugverbindung mit Busanschluss? Undenkbar. Seit der Privatisierung der Bahn wurde das Schienennetz immer maroder, Strecken wurden massenweise geschlossen. Mittlerweile hat der Staat wieder die Führung übernommen und versucht zumindest die wichtigsten Linien auf den neuesten Stand zu bringen.

Die Bahn war freilich nur ein Teil einer großen Privatisierungs-Welle im Pazifikstaat. Neben dem Schienenverkehr wurde auch die Fluggesellschaft Air New Zealand dem freien Markt überlassen. Mit demselben Ergebnis: Mittlerweile ist die Airline wieder in staatlicher Hand. Auch vor der Post wurde kein Halt gemacht. Neben New Zealand Post gibt es etwa UniversalMail, DXMail und weitere Anbieter. Von dieser ungewohnten Vielfalt war ich erstmal überwältigt und habe prompt meine Urlaubsgrüße mit Briefmarken des einen Unternehmens in den Briefkasten eines anderen geworfen. Nach tagelangem Zittern kann ich nun beruhigt sagen: Es dauert etwas länger, aber es funktioniert.

Zurück zum Bahnfahren in Neuseeland, denn das ist durchaus attraktiv. Vorausgesetzt man findet erstmal einen Zug im doch sehr lückenhaften Fahrplan. Immerhin entsprechen die Züge europäischen Standards und die Fahrtkosten sind niedrig. Weiter entschädigt wird man, wie so oft in diesem Land, von der wunderschönen Umgebung. Einen Ausblick auf Berge auf der einen und den Pazifik auf der anderen Seite wie zwischen Paraparaumu und Wellington hat man zwischen Welver und Scharmede nun wirklich nicht.

Mit dem Schiff zur Südinsel

Noch faszinierender und ein Muss für jede ausführliche Reise ist die Schifffahrt von der Nord- zur Südinsel. Noch bevor man in Picton anlegt, passiert man die Marlborough Sounds, die bei Sonnenschein schon für sich ein Erlebnis sind. Durch kleine Meeresarme wird man an hügeligen Inseln mit verloren wirkenden Häusern vorbei manövriert. Eine ruhige See ist bisweilen allerdings Voraussetzung, um dieses Schauspiel genießen zu können…

Die Bucht von Picton - paradiesisch schön

Ich hatte auf der Hinfahrt das Glück kurz mit einem ehemaligen Mitglied der Navy zu sprechen, der mir erklärte, warum es auch bei wenig Wind zu stärkeren Wellen kommen kann. Man muss sich vorstellen, dass der Pazifik in Richtung Osten strömt und dabei längs der beiden neuseeländischen Inseln aufgehalten wird. Die kleine Meeresenge dazwischen bietet also den perfekten Durchfluss. Durch die geringe Breite dieses Verbindung zur Ostseite wird die Bewegung des Wassers beschleunigt. Mein Gesprächspartner augenzwinkernd: “Das nennt man den “rip” (Riss) – schreibt sich wie R.I.P., hat damit aber nichts zu tun…”

Die Bucht in Picton wirkt bei Sonnenstrahlen wie das Paradies selbst. Bunte Pflanzen, Sand, Wasser und die sich im Hintergrund abzeichnenden Landzungen hätten in keiner Reisebroschüre schöner gepriesen werden können.

Wahlsystem nach deutschem Modell

Wer abschließend bei seiner Rückkehr nach Wellington noch etwas über die politische Landschaft erfahren will, der geht am besten in den “beehive” (Bienenstock). Das Gebäude, das seinen Namen wegen der außergewöhnlichen Architektur trägt, ist die Heimat des hiesigen Parlaments. Ständig werden kostenlose Führungen durch dieses und die beiden angrenzenden Parlaments- und Bibliotheks-Bauten angeboten. Dabei erhält man nicht nur einen Einblick in den tatsächlichen Ort der Diskussionen, sondern auch die Information, dass vor einigen Jahren das Wahlsystem umgestellt wurde. Vorbild dabei: Deutschland. So wird seit einiger Zeit also auch hier mit zwei Stimmen für den lokalen Kandidaten bzw. die Partei gewählt.

Was den Aufbau der Nationalversammlung und die Oppositionspolitik anbelangt, ist hingegen wieder der britische Einfluss dominant. Wie in London gibt es ein House of Lords und ein House of Commons, das von der Königin – um den Verdacht der Einflussnahme im Keim zu ersticken – nicht betreten darf. In den Anfangszeiten dieser Aufteilung in Großbritannien war diese Regelung freilich nur ein trügerischer Schein. Traditionellerweise besteht die Politik der jeweiligen Opposition aber auch heute noch fast ausschließlich daraus, die Pläne der Regierung abzulehnen. Eine große Koalition wäre nicht vorstellbar.

Von internationaler Bedeutung war in der Politik Neuseelands vor allem die Einführung des Frauenwahlrechts im Jahr 1893 – als weltweit erste Demokratie. Premierminister war damals Richard Seddon, dessen Denkmal heute vor dem Parlamentsgebäude steht.

Damit sind wir am Ende unserer Reise angelangt – zögert nicht, eure Meinung zu den Beiträgen und Neuseeland über die Kommentarfunktion kund zu tun!

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Ein Kommentar
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  1. Richtig klasse Dein Bericht. Wenn ich nicht schon in “down under” leben wuerde, wuerde ich nach der Lektuere Deines Berichtes glatt Lust haben, mich nach Aotearoa abzusetzen oder zumindest dort umzuschauen. Hoffe, Dich bald wieder hier begruessen zu koennen, Mike

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