Obama, die Zweite?

31. Oktober 2012 | Von | Kategorie: Politik
Es schreibt: Christopher

Es schreibt: Christopher

Als Barack Obama 2008 zum 44. US-Präsidenten gewählt wurde, war das in den Augen vieler Beobachter eine Sensation. Sollte er am 6. November im Amt bestätigt werden, wäre das allerdings eine noch viel größere Leistung des mittlerweile 51-jährigen Politikers.

Viele europäische Regierungen hat die globale Wirtschaftskrise, die genau in Obamas Amtszeit fiel, bereits aus der Verantwortung getrieben, doch nicht nur darum wäre eine Wiederwahl bemerkenswert. Noch vor vier Jahren hielten viele es für unmöglich, dass ein Schwarzer in das höchste Amt der Vereinigten Staaten gewählt werden könnte. Die Amerikaner haben die Skeptiker damals eines Besseren belehrt, und heute ist Obamas Hautfarbe kaum noch ein Thema in der Wahlkampfberichterstattung. Jedoch berichtet der Guardian, dass rassistische Vorurteile in den Staaten während Obamas Amtszeit zugenommen haben.

Dass Barack Obama überhaupt realistische Chancen auf eine Wiederwahl hat, war nach der Hälfte seiner ersten Präsidentschaft nicht unbedingt abzusehen. Im eigenen Land wurde er stark kritisiert, gilt er dort doch als das, was man einen politischen Europäer nennen könnte. Einer, der gemäßigte Positionen vertritt, dem Saloon-Auftritte fremd sind und der sich Gedanken darüber macht, wie die Politik soziale Missstände aufheben kann. Indes hat auch er, der oberste Befehlshaber der wohl schlagkräftigsten Armee der Welt,  eine harte Seite. Die Weltöffentlichkeit lernte diese nach der Tötung von Osama bin Laden kennen. Von der Cowboy-Attitüde eines George W. Bush ist Obama dennoch weit entfernt.

Kein Idealist, sondern ein Pragmatiker

Natürlich, der Heilsbringer, den manche vor vier Jahren in Obama sehen wollten, ist er nicht geworden. Wie auch? Seine praktischen Reformen hingegen sind nicht kleinzureden. Er zeigte sich gerade gegenüber den arabischen Ländern diplomatischer als Bush jun. das je gewollt hätte, auch dafür bekam er verfrüht den Friedensnobelpreis. Im Arabischen Frühling stellte er sich auf die Seite der Demonstranten. Im militärischen Ressort leitete er wie angekündigt den Abzug aus Afghanistan ein. Und er revolutionierte das längst überholte Gesundheitssystem. Damit, sowie mit stärkeren Regulationen des Finanzmarkts, machte Obama sich nicht nur Freunde – reines Machtkalkül lässt sich ihm nur schwerlich nachsagen. Mit seinen Reformen machte er sich angreifbar.

Obama wirbt wieder um Stimmen (Quelle: guygharvey/flickr.com)

In fast allen europäischen Staaten würde Obama Umfragen zufolge deshalb auch 2012 klare Siege einfahren. Aus der Perspektive dieser Seite des Atlantiks steht seine Außenpolitik im Zentrum, für die Amerikaner zählt dagegen vor allem die Innenpolitik. Konkret sind damit zuallererst die Ergebnisse auf dem Arbeitsmarkt gemeint. Da ist es um die USA tatsächlich nicht rosig bestellt: Die Neuverschuldung schnellte unter “POTUS 44″ auf Rekordhöhe, die Wirtschaftslage ist schlecht, sein umfangreiches Konjunkturpaket bleibt umstritten. Die Bilder von Zeltstädten arbeitsloser Amerikaner waren ein Schock, der sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat.

Hinzu kommt in den USA der unvergleichlich große Stolz auf die Freiheit, und gemeint ist damit die individuelle Freiheit vom Staat. Diese Unabhängigkeit steht für viele US-Bürger über einem kollektiven Solidaritätsgefühl. Im Land, wo jeder angeblich alles werden kann, ist bitte schön auch jeder selbst für sein Glück zuständig. Jedwede Einflussnahme des Staats wird daher von vielen Konservativen als Sozialismus abgekanzelt, wie Hingesehen 2009 selbst erfuhr – selbst wenn es um Unterstützungen geht. Trotz alledem erfuhr der Präsident kürzlich eine weitere gewichtige Befürwortung in Form eines ausführlichen Leitartikels der New York Times.

In diese Stimmung hinein platzt jetzt auch noch “Sandy”, der Hurrikan. Es ist ungewiss, wie die Reaktion auf diese Entwicklung in den Wahlkampfteams der Präsidentschaftskandidaten war. Denn die Naturkatastrophe bedeutet für Obama: Alle Wahlkampftermine werden abgesagt, bislang drei Tage in Folge. Doch leiden seine Chancen darunter? Wohl eher nicht. Vielmehr erhält er eine weitere Gelegenheit, sich als fürsorgliches und organisiertes Staatsoberhaupt zu zeigen. Die mediale Präsenz ist ihm sicher, Kritik von Romney verstieße gegen die Formen respektvollen Umgangs.

Die Amerikaner, wie jedes Volk, sehnen sich bei solchen Katastrophen nach einem Staatsmann, der Halt gibt – siehe Gerhard Schröder und die Oder-Flut 2002, die ihm letztendlich nach Meinung vieler Beobachter den entscheidenden Anschub zum Wahlsieg brachte.

Romney: Ein Zeichen gegen den Irrsinn der “Tea Party”

Im Vergleich zur republikanischen Konkurrenz ist Obama daher wenige Tage vor der Wahl gut aufgestellt. Noch klarer war die Konstellation allerdings bis vor wenigen Wochen, bis Herausforderer Mitt Romney seinen Kurs wechselte: War er zuvor der typisch-konservative Kapitalist, um in den eigenen Reihen Anklang zu finden, gab er in den drei TV-Duellen plötzlich den Verständnisvollen, der in vielen Punkten mit Obama übereinstimmt. Gerade bei den womöglich entscheidenden Stimmen weiblicher Wähler soll er auf diese Weise aufgeholt haben. Die Umfragen sind mittlerweile so knapp, dass beide Lager bereits Klagen gegen das Ergebnis der Wahlauszählung vorbereiten sollen.

Die Kandidatur des im Vergleich zu seinen republikanischen Konkurrenten gemäßigten Romney war zu Beginn des Wahlkampfs ein Zeichen seiner Partei gegen die radikalen Positionen der “Tea Party” genannten parteiinternen Absplitterung. Die war zeitweise so groß geworden, dass man sich fragen musste, wer in der Grand Old Party die Oberhand hatte. Nun wäre es den USA zu wünschen, dass sie mit einer Wiederwahl Obamas ein weiteres, diesmal gesamtpolitisches Zeichen folgen ließen.

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