Piratenpartei: “Geistiges Eigentum gibt es nicht” (Interview)
25. Mai 2009 | Von hofnarr.florian | Kategorie: Hingesehen-FeaturesErst im Jahr 2006 wurde die Piratenpartei gegründet. Sie hat sich insbesondere der Informationsgesellschaft gewidmet. In diesem Jahr treten die Piraten erstmalig bei der Europawahl an. Andreas Popp, Vorsitzender der Piraten in Bayern, erklärte Hingesehen einige Standpunkte seiner Partei.
Update: Zur Kommunalwahl in Münster, bei der die Piraten erstmals in Gemeindepolitik antraten, sprach Hingesehen auch mit den dort Verantwortlichen der Partei.
Hingesehen: Die Piraten sind eine Ein-Themen-Partei. Ihr Fokus liegt auf informationeller Selbstbestimmung, vor allem im Hinblick auf digitale Kommunikationstechniken wie das Internet. Glauben Sie nicht, dass eine Partei auch in anderen Bereichen klar Stellung nehmen sollte?

Die Piratenpartei tritt zur Europawahl an
Piratenpartei: Es kommt drauf an. Zum einen ermöglicht ein schmales Programm ein klares Profil. Jeder weiß, für was wir stehen. Gleichzeitig hat der Wähler in Deutschland aber üblicherweise nur eine Stimme. Das heißt, er kann nur fertig geschnürte Parteipakete wählen. Das führt dann aber auch dazu, dass die großen Parteien viel versprechen, aber dann von allem Abstriche machen müssen. Man weiß also auch bei den Großen nicht genau, woran man ist. Meist dreht sich deren Meinung ständig um, je nachdem wer gerade an der Spitze ist.
Wir denken in der jetzigen Position ist es sinnvoller, den Leuten ein Thema als Wahlalternative zu stellen, nicht nur eine Partei allein. Wie das zukünftig aussieht, kann aber noch keiner sagen.
Hingesehen: Sie fordern die Lockerung des Urheberrechts, um digitale Werke aller Art (Filme, Musik etc.) frei zugänglich zu machen. Nicht-kommerzielle Vervielfältigung wäre dann keine Straftat mehr. Wird Künstlern damit nicht das Recht auf sein selbst fabriziertes Gedankengut zu Unrecht entzogen? Wer gibt ihnen moralisch das Recht das geistige Eigentum anderer frei publizierbar zu machen?
Piratenpartei: Moralisch ist es genau anders herum, es gibt so etwas wie “geistiges Eigentum” nicht. Das ist ein Kampfbegriff der Verwertungsindustrie. Auch Künstler erschaffen ein Werk nicht einfach aus dem Nichts. Sie greifen auf den Wissens- und Kulturschatz der Allgemeinheit zu und konstruieren durch Kombination und Modifikation etwas neues.
Natürlich ist das mit Aufwand verbunden und es ist grundsätzlich im Interesse aller, wenn diese Arbeit vergütet wird. Das hat aber nichts mit Eigentum zu tun. Moralisch gesehen ist Eigentum ein Prinzip für knappe Güter (”Du sollst nicht stehlen”). Informationen sind aber gerade heute nicht mehr knapp.
Das führt natürlich zu einem Dilemma. Die Arbeit des Schaffenden ist knapp, aber das Produkt nicht. Die Lösung, das Produkt per Gesetz künstlich zu verknappen, wurde aber von der Technischen Entwicklung
überholt. Sie lässt sich nur noch durch Kriminalisierung und Überwachung weiter Teile der Bevölkerung durchsetzen und das prangern wir an. Es gibt neue Modelle für eine Vermarktung, man muss sich nur trauen, das alte abzulegen.
Hingesehen: Was versprechen Sie sich von einer Liberaliserung des Patentwesens, bei der die Patentierung etwa von Genen, Geschäftsideen und Software nicht mehr möglich wäre?
Piratenpartei: Eine Erleichterung des technischen Fortschritts. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung haben Patente durchaus eine fortschrittshemmende Wirkung, die eigentlich nur zum Sichern der Marktmacht genutzt wird. Dies wird zum Beispiel von den bekannten US-Ökonomen Boldrin und Levine sehr gut erläutert. Gerade in den genannten Bereichen ist die Wirkung von Patenten sehr negativ. Gene sind Werke der Natur. Niemand kann daran Anspruch erheben.
Patente auf Geschäftsideen sind nur dazu da, Leute abzuzocken, die später eine technische Umsetzung der Geschäftsidee entwickeln, obwohl gerade diese gefördert werden müssten. Und Software ist von sich aus nicht patentierbar. Ein Programm besteht aus tausenden von Ideen. Niemand kann da den Überblick behalten, ob nicht jemand anders schon einmal die selbe Idee hatte. Damit schwebt über jedem Programmierer das Damoklesschwert der Patentverletzung. Deswegen kämpfen gerade diese, die eigentlich dadurch geschützt werden sollten, mit aller Kraft gegen Softwarepatente.
Hingesehen: Wie denkt Ihre Partei über die geplante Internetzensur von Ministerin Ursula von der Leyen im Zusammenhang mit der Bekämpfung von Kinderpornografie?
Piratenpartei: Das ist reiner Wahlkampfaktionismus. Frau von der Leyen packt hier ein emotionales Thema an, bei dem sie es leicht hat, Widersacher zu diffamieren. Wir stellen das Ziel, Kinderpornographie zu bekämpfen natürlich nicht in Frage. Aber dieser Kampf muss mit rechtsstaatlichen Mitteln geführt werden. Zensur und Kontrolle von Informationskanälen sind Mittel von totalitären Regimen.
Dabei zeigte sogar der Verein CareChild, der sonst nicht gerade zimperlich bei Bürgerrechten ist, dass es gar nicht so schwer ist, die Server vom Netz zu nehmen. Mit der richtigen Ausstattung und Ausbildung könnte eine Behörde mit Hoheitsrechten das noch viel besser. Diese Maßnahme ist deutlich wirkungsvoller als Zensur, durch derzeitiges Recht gedeckt und bedarf keinerlei Grundrechtseingriffe.
Hingesehen: Sie sind, anders als viele Regierungspolitiker, gegen ein Verbot von Killerspielen. Welche alternative Strategie schlagen sie in der Prävention von Gewalttaten wie Amokläufen vor?
Piratenpartei: Die Frage allein impliziert schon, dass es einen Zusammenhang zwischen Computerspielen und Gewalttaten gibt. Aber dieser wurde nie belegt, ganz im Gegenteil. Computerspiele sind nur der Sündenbock. Gewalttaten wie Amokläufe sind ein gesellschaftliches Problem. Da kommen viele Faktoren zusammen, wie z.B. Mobbing, psychische Belastungen, Leistungsdruck und schlechte Zukunftsaussichten. Jede Tat ist dabei ein Einzelfall. Da sind die Möglichkeiten von Politikern begrenzt. Man kann weder alle Faktoren erschöpfend auflisten, noch sie alle per Gesetz verbieten. Es wird aber lieber eine einfache Lösung präsentiert. Sei es aus Ohnmacht oder aus reinem Populismus.
Hingesehen: Glauben Sie, dass Ihre Partei in fünf Jahren, die Fünf-Prozent-Hürde überspringen kann?
Piratenpartei: Wenn es so weiter geht mit Zensur- und Überwachungsplänen, dann würde mich das nicht wundern. Ich glaube auf jedem Fall, dass die Partei und und ihre Themengebiete Potential haben. Wie sich dieses verkörpert kann ich nicht voraus sagen. Ob die ARD am Wahlabend einen orangefarbenen Balken zeigt, die großen Parteien auf unsere Linie einschwenken oder vielleicht etwas ganz anderes passiert kann niemand wissen, genauso wenig, ob es fünf, zehn oder zwanzig Jahre dauert. Aber ich glaube fest daran, dass wir hier noch etwas bewegen können.
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Ein sehr interessantes Interview!
Ich glaube, das die Partei erst spürbar an Einfluß gewinnen kann (ein Überspringen der 5%-Hürde wäre ein deutlicher Beleg dafür!), wenn sie sich zu allen gesellschaftlichen Themen positioniert. Zum Beispiel wird es doch die Mehrzahl der Rentner (die einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung ausmachen), das im Internet eine Kinderporno-Seite gesperrt wird? Die Zusammenhänge ergeben sich doch der “noch nicht internetaffinen” Generation der Älteren Mitmenschen überhaupt nicht! Außerdem wäre ein anderer Name für eine gesellschaftlich höhere Aktzeptanz nicht von Nachteil.
[...] Auch ein schönes Interview geworden: Piratenpartei: Geistiges Eigentum gibt es nicht [...]
Schönes Interview. Die Piraten-Partei ist wirklich ein interessantes Thema, allerdings darf man nicht vergessen, dass sie im Internet themenbedingt eine ungleich größere Rolle spielt, als in der Gesamtheit. Meinem Vorredner muss ich zustimmen, der Name ist vermutlich eher abschreckend, dafür prägt er sich ein, wenn man einmal gemerkt hat, dass es eine ernste Partei ist.
Im Interview hätte ich mir gewünscht, dass auf folgende Aussage:
“Es gibt neue Modelle für eine Vermarktung, man muss sich nur trauen, das alte abzulegen.”
noch einmal nachgeharkt worden wäre. Welche Modelle meint die Partei?
knappes interview, aber informativ.
@ Andreas: Es gibt zum Beispiel das Lizenzmodell des “Common Creative”, kurz CC, bitte mal nach gaaageln oder im wikipedia nachlesen.
Du als “Urheber” hast dort eine Menge Möglichkeiten. Wenn du z.B. nach “Netlabels” gaaahelst, wirst du feststellen, dass es mittlerweile eine ganze Menge an Musik jeder Stilrichtung gibt, die unter diesem Lizenzmodell angeboten wird. Du kannst sie downloaden und an deine Freunde, Nachbarn, etc. weitergeben, ohne dich strafbar zu machen…
Du darfst natürlich keinen Sampler der Musik erstellen und vermarkten/verkaufen, is klaar.
Aber ein faires Lizenzmodell, wie ich denke.
Wer 13jährige Kinder für einen Download von z.B. einem Bushissdo-Track kriminalisiert und abmahnt gehört zusammen mit der Contentindustrie vor Gericht. Wir sollten die Lobbyisten solangsam mal an die Leine nehmen.
@ romanmoeller: Der Name ist zugegeben auf den ersten Blick provokant, bisher habe ich aber erst ein paar “dumme” Sprüche zum Namen gehört. Ich habe an mehreren Tagen Unterschriften in diversen Fussgängerzonen für die Partei gesammelt.
An alle, danke fürs Lesen des Interviews und der Kommentare.
Es geht voran, klar machen zum ändern!
Pirat
[...] @HofnarrFlorian: Interview mit der Piratenpartei zur Europwahl und #Zensursula: http://www.hingesehen.net/?p=1585 [...]
Ich finde gerade das schmale Profil gut. Mit dem Inhalt kann ich mich voll identifizieren und ich glaube es ist wirklich gut und wichtig dieses Thema in die Gesellschaft zu bringen . Danach sollte sich die Partei aber wieder auflösen. Man kennt ja zu genüge dieses Gerangel um Positionen, wenn sich etwas etabliert hat und man hat das Forum genutzt und kann es wieder locker verlassen.
Ich würde diesen Kompromiss machen, wie gesagt , wenn sich die Partei wieder auflöse. Ja, werden sie sagen, was ist aber mit der Kontrolle? Tja, darüber sollten ich und viele andere sich mal einghende Gedanken machen.
mfg Gisela Schulz
[...] Piratenpartei: “Geisteiges Eigentum gibt es nicht” (Interview) [...]
[...]Ähnliche Artikel: Piratenpartei: “Geisteiges Eigentum gibt es nicht” (Interview)[...]
Sehr schönes Interview – ich hätte aber auch gern mehr gelesen über alternative Vermarktungsrechte. Ich spiele selbst in einer Band, “produziere” also mit drei Freunden Kunst, die wir sowohl gern weit verbreitet sehen wollen als auch gleichzeitig sinnvoll geschützt. Musik ist wie jede gute Kunst an sich eine stark emotionale Sache, aber geistiges Eigentum herzustellen bedarf ganz klarer materieller Voraussetzungen – völlig frei vom Markt kann damit leider weder Herstellung noch Verbreitung oder Konsum von Kunst sein -
und es schadet auch der alternativsten Musik, wenn sie ohne materielles Feedback auskommen muss.
Es liegt auf der Hand, dass das viel zu breit kriminalisierende alte Urheberrecht nicht mehr praktikabel und zeitgemäß ist. An diesem Punkt anzusetzen ist die größte Change der Piratenpartei. Um aber einen gesellschaftlich relevanten Platz in der Informationsgesellschaft etablieren zu können, wird es auf lange Sicht unerlässlich sein, sich zu mehr Themen zu positionieren. Die Notwendigkeit einer Auflösung nach “getaner” Arbeit sehe ich nicht (@ Gisela Schulz) – viele aktuelle und von den etablierten Parteien noch gar nicht voll verstandene Probleme könnten im Licht einer solchen progressiven Grundhaltung sinnvoll gestaltet werden.
Ich bin Fotograf der eine Bezahlseite betreibt und sehe dieses Treiben mit Entsetzen. Aus gesundheitlichen Grunden bin ich momentan nicht voll erwerbsfähig und bin heilfroh diese Seite als Existenz zu haben. So kann ich arbeiten wie ich gesundheitlich in der Lage bin und kann so langsam wieder Stück für Stück genesen.
Die “Gedanken” dieser Leute sind die Gedanken eines unklugen Kindes.
Warum sollte ich Fotos mit Modellen machen, wenn diese jeder kostenlos weiterverteilen kann ? Die Modelle, der PC, die Bildprogramme und die Fotoausrüstung kosten Geld was durch den Verkauf wieder reinkommen muß Plus einen Betrag zum Leben. Oder sehe ich das falsch ?
Die “Argumente” dieser Leute sind Blödsinn, weil jeder Mensch, der etwas erschafft, dabei natürlich IMMER auf Vorhandenes zurückgreifen muß. Er kann sich ja nicht sein eigenes Universum erschaffen !
Ein Bauer muß auch auf schon vorhandenen Boden, Saatgut und Maschinen zugreifen, sonst könnte der keinen Mais, Getreide der Kartoffeln anbieten.
Auf vorhandeses muß auch ein Programmierer oder ein Filmemacher zugreifen. Unsere Gedanken sind zum Teil Spiegelbilder der vorhandenen Realität und unserer eigenen Fantasie. Zusammen ergeben sie die individuellen Gedanken welche dann die Grundlangen für ein konkretes Produkt sind. Wenn Autos auf der Straße geklaut oder Radios aus dem Kaufhaus geklaut werden ist die Hemmschwelle Software zu klauen noch geringer. Irgendwie muß man diesen Dieben aber das Handwerk legen und dazu ist nun mal eine Kontrolle des Internets nötig.
Die vielfaltigen Möglichkeiten des Internets verlangen eben auch nach Verantwortung. Wer Macht hat, muß auch verantwortungsvoll handeln. Je mehr Macht man hat, um so mehr muß man Verantwortung zeigen.
Das Internt gibt JEDEM von uns sehr viel Macht ! Es gibt auch genug Hacker die sich aus Spaß an der Freude Methoden ausdenken die FIBU einer Firma zu ruinieren oder einen Virus zu programmieren der die Festplatten unserer PCs löscht. Warum ? Na nur so aus Spaß !
Es gibt Leute die anderen Menschen nur so aus Spaß die Fresse polieren – und so gibt es auch Menschen die Spaß daran haben die PC anderen Menschen zu zerstören. Warum sollen diese Leute straffrei ausgehen nur weil es sich um Software handelt ???
Das “Gedankengut” dieser Piraten ist nichts weiter als der Versuch Dummheit und Verantwortungslosigkeit zu Legalisieren. Leider.
Ich kann die Bedenken von Torsten gut verstehen. Ich symphatisiere zwar auch mit der Piratenpartei, weil ich es nicht gutheiße für mein Verhalten im Netz kriminalisiert zu werden, aber da ich als Studentin nicht über Unmassen von Geld verfüge, kann ich mir nicht CDs für 20 Euro kaufen. Die Preise werden immer höher statt niedriger, obwohl die Produktionskosten gesunken sind. Aber ich möchte auch nicht “klauen”.
Ich finde daher die diskutierte Kulturflatrate ganz gut . Frage mich nur, ob sowas durchzusetzen ist.
http://wiki.piratenpartei.de/index.php?title=Kulturflatrate
Das hätte den Vorteil, dass das Geld direkt an den Künstler ginge. Gerade unbekanntere Künstler würden davon profitieren, nicht immer nur die Großen.
Wahrscheinlich sollte ich meine eigene Partei gründen…die Robin-Hood-Partei!
Die Argumentation hinkt aber gewaltig. Die geistige Arbeit zur Erschaffung eines Werkes sei knapp, das Produkt aber nicht? Gerade die immanente Einzigartikeit einer knappen geistigen Arbeit führt durch die allgemeine Logik zu einem einzigartigen Gut, ein einzigartiges Gut ist automatisch knapp, wenn es beliebt ist und somit ist es auch ein knappes Produkt. Was denken Sie, wie ein Musikkomponist dasteht, wenn jemand anders mit seinem einzigartigen und beliebten Werk Geld verdient? Wie ein Beraubter, und da kommen wir über Raub zum Begriff Eigentum. Die Frage ist: Wie häufig tritt das benannte Beispiel in der Realität auf, und wie häufig tritt es im Verhältnis zu anderen Fällen auf, in denen es sich tatsächöich nicht um Raub handelt?