Printmedien in der Kritik: Die Zeit, der freitag und View (1)

9. Juni 2009 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: Gesellschaft

Nachdem wir uns mit einem großen Special zur Europa-Wahl zuletzt lange auf die Sparte Politik konzentriert haben, hat sich Hingesehen jetzt durch den deutschen Zeitungsmarkt gelesen. Das Hauptaugenmerk lag dabei wieder in diesem Ressort: Wie ist es um die politische Information und Meinungsbildung bei den “traditionellen Medien” bestellt? Im ersten Teil stehen unsere Eindrücke zu den Wochenzeitungen Zeit und der freitag sowie dem Monatsmagazin VIEW. Zudem gibt es einen kurzen Ausflug ins Musikgeschäft, der aber ohne Wertung bleibt. Im zweiten Part folgen Kritiken des Spiegel, der (sonn)taz und von Cicero – es lohnt sich also am Ball zu bleiben!

Die Zeit

printmedien

"Die Zeit" ist eine der traditionsreichsten und hochwertigsten Wochenzeitungen der Republik

Sicher eine der qualitativ hochwertigsten Wochenzeitungen des Landes, sowohl in der Gestaltung als auch im Schreibstil. Die Artikel sind praktisch ausnahmslos umfassende Reportagen, Analysen und Kritiken. Neben interessanten Fotos werden häufig Illustrationen eingesetzt, etwa in der einjährigen Serie “Zeit Wissen” von 2008. Hin und wieder wird sogar – ein Albtraum für den (digitalen) Setzer – der Schriftsatz an die Thematik angepasst. Die Spalten erscheinen dann etwa in Form eines Hauses, wenn es um die Immobilienkrise geht.

Statistiken zeigen, dass der durschnittliche Zeit-Satz etwa dreimal so lang ist wie einer aus der Bild. Das zeugt natürlich von Qualität, allerdings wird der hohe Anspruch stellenweise übertrieben und artet fast schon in die stilistische Arroganz eines wissenschaftlichen Aufsatzes aus. Die Zielgruppe ist damit von vornherein abgesteckt. Der Nachteil dabei für den von der Hektik des modernen Lebens gestressten Leser: Der Umfang ist oft nicht innerhalb einer Woche zu bewältigen. Für die Zeit entsteht zudem das Problem, dass die Texte sich in der schnelllebigen Zweitverwertung im Internet schlechter entfalten können.

Dafür bekommt der Käufer der Print-Ausgabe für sein Geld aber auch einiges geboten. Wertvolle Beilage ist zusätzlich seit jeher das Zeit-Magazin, auch wenn die abschließende Zigarette mit Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt jetzt fehlt. Die Gespräche mit Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hatten sich zum Kult entwickelt, Roger Willemsens Interview-Reihe reicht da nicht heran. Wolfram Siebecks Restaurant-Kritiken wirken darüber hinaus mittlerweile deplatziert und veraltet – zumindest in der traditionellen Zielgruppe der Studenten.

Fazit: 4,5/5 Hofnarren

der freitag

Mit dem Einstieg von Jakob Augstein, Sohn des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein, als Herausgeber (und Eigner) im Juni 2008 rückte das Wochenmagazin plötzlich in den Fokus anderer Medien. Der Grund ist eine radikale Neuerung, die Augstein im Zuge einer kompletten Umgestaltung sowohl der Print-Ausgabe als auch des Online-Auftritts einführte: Durch die Aufwertung des Community-Bereichs soll die Verknüpfung der beiden Formate wegweisend für die Zukunft sein. Bisher wurden die Bereiche meist als Konkurrenten dargestellt.

Die angesprochene Aufwertung soll dadurch erfolgen, dass Leser auf der Homepage des freitag ihren eigenen Blog hosten können. Im Gegenzug werden besonders interessante Beiträge auf der Startseite präsentiert und entweder als Ausschnitt oder sogar komplett auch in die gedruckte Version übernommen. Verdienen kann man daran allerdings nicht, sodass der Anreiz zu schreiben alleine aus einem Mitteilungsbedürfnis wurzeln dürfte. Wie Tessa vom Freitag unten per Kommentar berichtigte, erhalten die Blogger, deren Texte in die Print-Ausgabe übernommen werden, ein Zeilenhonorar. Online-Schreiber bleiben unbezahlt. Große Wirkung hat das Projekt bisher nicht gezeigt.

freitagonline

Screenshot der neuen Startseite des freitag

Mit der “Web 2.0-Revolution” ging auch eine optische Neugestaltung der Zeitung einher. Mit drei Büchern ist die ehemalige “Ost-West-Zeitung” (bis Jahresanfang trug sie diesen Zusatz, der dann durch “das Meinungsmedium” ersetzt wurde) vergleichsweise dünn. Die Artikel sind zwar gut geschrieben, jedoch sorgt die Aufbereitung nicht unbedingt dafür, die Neugier anzuregen. Den Bildern fehlen griffige Unterschriften, die Text-Einschübe sind häufig nichtssagend.

Über die Beiträge aus der Leserschaft hinaus gibt es noch eine zweite externe Quelle, aus der die Artikel im freitag stammen. Mit der mehrfach ausgezeichneten Tageszeitung the guardian aus Großbritannien besteht eine Kooperation. Keine schlechte Idee, nur kann man – sofern man des Englischen mächtig ist – viele der Artikel ohnehin im Original im Web-Auftritt des guardian kostenlos lesen.

Interessant ist in diesem Fall auch die Geschichte der Zeitung. Sie wurde 1990 nach der Wende als Nachfolger des ostdeutschen Sonntag und der westdeutschen Volkszeitung hervor. Letztere stand der Partei “Bund der Deutschen” nahe, die sich in der BRD in den 50er-Jahren gegen die Westbindung aussprach. Somit ist auch heute eine manchmal mehr, manchmal weniger eindeutige linke Tendenz zu erkennen.

Fazit: 2,5/5 Hofnarren

Musikexpress

In einem ganz anderen inhaltlichen Kontext zeigt seit Anfang des Jahres der Musikexpress aus dem Springer-Verlag wie man eine Layout-Reform so richtig in den Sand setzen kann. Die etwas überladene Titelseite ist hier noch das Ansprechendste. Um Aufmerksamkeit im Kiosk oder Zeitschriften-Geschäft zu erlangen, ist es verständlich, dass möglichst viele Bandnamen untergebracht werden. Im Innenteil aber fehlt den Texten die Struktur, die Schrift ist winzig und oft gehen wegen der schmalen Spalten durch die Bindung in der Mitte große Teile der Texte aus dem Blickfeld verloren. Dagegen ist der freitag fast eine Augenweide.

Fazit: Außerhalb der Wertung.

VIEW

Die monatlich erscheinende Zeitschrift aus dem Stern-Verlag konzentriert sich weitgehend auf Fotos. Sie ist somit im Wortsinn eine Illustrierte, auch wenn darunter mittlerweile vornehmlichKlatsch-Titel à la Bunte gemeint werden. Der Textanteil ist gering und geht selten über die wirklich wichtigsten Infos hinaus. Politische Information findet also wenn überhaupt dadurch statt, dass man einen visuellen Einblick in das Weltgeschehen bekommt. Das Sprachniveau dürfte knapp unterhalb des Spiegel einzuordnen sein.

Dafür kommen die Fotos umso mehr zur Geltung. Neben Bildern zum Staunen (z.B. von der Afrikanischen Riesenschnecke, die bis zu 30cm lang wird) enthält das Magazin auch hintergründigere Schnappschüsse, etwa von einer Lebensmittel-Auktion für von der Wirtschaftskrise gebeutelte Amerikaner. Sogar traditionell-experimentelle Elemente der Fotografie wie das “freezing motion”-Prinzip finden ihren Weg an die Öffentlichkeit – in der Juni-Ausgabe durch die faszinierenden Aufnahmen eines Hobbyfotografen, der Gegenstände zerschießt und im Moment des Durchschlags ablichtet.

Aber selbstverständlich gilt für VIEW ebenso: Sex sells. So findet sich im Userteil, für den Leser ihre eigenen Fotos zur Verfügung stellen können, eine Sparte namens “My Nude” mit Aktfotografien. Darüber hinaus gehört die Titelseite fast komplett den “Stars” – Barack Obama (mit Familie), Daniel Craig (mit muskelbepacktem Oberkörper) und Amy Winehouse (am Strand) verkaufen sich eben.

Natürlich ist VIEW daher kein Fotofachmagazin, jedoch ist das auch nicht der Anspruch. In kaum einer anderen Zeitschrift gibt es noch großformatige Foto-Serien; VIEW brachte das dankbarerweise zurück und belebt damit den deutschen Markt. Zum entspannten Durchblättern eine gute Wahl – allerdings ohne viel Hintergründiges.

Fazit: 3/5 Hofnarren

Jetzt seid ihr gefragt!

Wie findet ihr die angesprochenen Zeitungen? Was sind eure Erfahrungen? Uns interessiert eure Meinung! Darüber hinaus sind Vorschläge willkommen, welches Printmedium wir demnächst zusätzlich unter die Lupe nehmen sollen.

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10 Kommentare
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  1. Dass man an den Freitagblogs nichts verdienen kann ist übrigens nicht korrekt. Bei Abdruck in der Zeitung bekommt der Blogger das gleiche Zeilenhonorar wie auch andere Autoren.

    Beste Grüße

    Tessa

  2. Hallo Tessa,
    dann habe ich aus den Infos auf der Freitag-Seite die falschen Schlüsse gezogen. Dort wird nämlich nur die Möglichkeit der Veröffentlichung in der Print erwähnt, aber keine Vergütung dafür. Finde ich natürlich besser so ;-) Ich korrigiere das im Text.

  3. An der ZEIT stört mich einzig das Format … sowas ausladendes ist nicht mehr zeitgemäß und im Alltag mehr als unpracktisch.

  4. Das ist ein interessanter Punkt. Um sie im Zug oder so zu lesen, ist sie auf jeden Fall sehr unpraktisch – das stimmt. Wenn man sie “zerteilt”, also nur ein Buch mitnimmt, geht es so gerade. Aber ich kann mir ehrlich gesagt, die Zeit auch nicht in der Größe der FR im Taschenformat vorstellen. Das beinhaltet wahrscheinlich irgendwie ihr Anspruch, sowohl zeitlich wie auch räumlich Platz in Anspruch zu nehmen.

  5. Ich habe sowohl die Zeit als auch den Freitag im Abo. Den Freitag allerdings mehr aufgrund der Treue zu einem lange vergangenen Wochenblatt, welches regelmäßig mit gradiosen, intelligenten und zum weiterdenken anregenden Artikel und Essays daherkam. Zum Ende des “alten Freitags” wurden diese jedoch immer seltener, das Blatt schwenkte in Richtung linker Mainstream der dann oft sogar ziemlich indeologisch daherkam. Zum Beispiel wenn es um Israel/Palästina ging, wurde anscheinend in Abwehrhaltung auf den postantideutschen Kindergarten ziemlich schwarz/weiß für die Gegenseite getommelt. Da fehlte dann leider die Objektivität und auch die Intellektualität.
    Der neue Freitag schafft es bisher leider noch lange nicht an altes Niveau anzuknüpfen. Was als wunderbar neues angekündigt war (Mitmachmedium, Web 2.0 Innovation,….) ist leider längst nichts neues und auch nichts innovatives. Selbes gibts auf massenhaft anderen Onlineplattformen seit Jahren. Trotzdem will ich den Freitag noch nicht aufgeben. Ich lasse ihm noch Entwicklungs- und Orientierungszeit, wenn sich an den Inhalten aber nicht bald etwas ändert werde ich mein Abo wieder kündigen.

    Die Zeit ist momentan meine Lieblingszeitung. Die bietet verglichen mit dem Freitag einfach wesentlich mehr für ihr Geld! Auch wenn es immer wieder sehr schwache Ausgaben gibt, es finden sich wirklich viele super Artikel darin. Hin und wieder bin ich von der Arroganz und der Moralheligkeit einiger Autoren der Zeit ziemlich angewidert, was mich auch schonmal zur temoprären Abokündigung veranlasst hatte. Andererseits will ich eine Zeitung an der ich mich auch reiben kann, nur meine eigene Meinung zu lesen, bringt mich nicht weiter. Zum Reiben empfehle ich übrigens das Magazin Novo! Obwohl auch hier oft der Eindruck entsteht es wird nur des kritisierens wegen kritisiert. Also auch eine Empfehlung mit einem ganz dicken “Ja, aber…”

  6. @Konrad: Man gewühnt sich dran. Und große Seiten haben eben auch was für sich. Sicher ein Spiegel ist praktischer, aber wenn man ein wenig übt, kann man die Zeit mit ein paar Origami-Tricks handeln. ;)

    Nur beim Frühstück, in der Bahn oder draußen wenns windet ist das Format echt nervig. Für die Bahn gibts aber eine wunderbare Alternative: dradio.de Podcasts! Und noch einige andere. ;)

  7. Novo ist anscheinend komplett an mir vorbeigegangen bisher, aber was sich über das Netz darüber erfahren lässt, klingt ansprechend und auch hochwertig. Ich werde demnächst mal einen Blick darauf werfen. Podcasts als Ersatz auf der Bahnfahrt sind nicht so mein Ding – und vom DLR doch bestimmt auch eher trocken oder?

  8. Also mich stört das Format überhaupt nicht =)

  9. @Christopher: Novo gibt oft gute Denkanregungen, doch inhaltlich sind manche Artikel auch oft etwas fraglich. Zum Beispiel werden Artikel von Atom-Lobbyisten als objektive und wissenschaftliche Artikel verkauft ohne einen Hinweis auf die Verstickungen des Autors. Sowieso wirkt das Hurra-Geschreie auf Atomkraft und manch anderes eher als kindliches Trotzverhalten (Gegen den Mainstream als Prinzip) als wirklich fundiert. Aber trotzdem, ein gutes Heft mit Denkanstößen. Man muss sich aber bei jedem Artikel auch erstmal den oder die AutorIn ansehen und sich erstmal überlegen ob da wirklich ernstzunehmende Gedanken dahinterstecken oder mehr eine Trommel aus Prinzip gerührt wird.

    Was die DLR-Podcasts angeht: Kann ich nicht sagen, dass die zu trocken sind! Früher war dradrio vielleicht etwas bieder, aber das hat sich schon geändert. Es gibt einige “junge Sendungen”, Breitband zum Beispiel. Je nach Interesse sind da schon interessante Beiträge dabei. Literatur ist super, Wissenschaft sicherlich eher Mainstream aber teilweise doch auch interessant. Politische Hintergründe werden oft vielseitig beleutet und vermittelt. Also lieber einmal ausprobieren und dann urteilen. Ich finds einfach praktisch beim Bahn- und Radfahren.

  10. Zu Novo: Richtig, das schwingt auch im Internet-Auftritt schon mit, dass dort Protest an sich (auch) als Qualifikation an sich gilt. Letztendlich sind Denkanstöße ja das beste, was eine Zeitung hervorbringen kann. Wenn sie zu Diskussionen und Nachdenken beiträgt, hat sie in meinen Augen einen ganz wichtigen Aspekt erfüllt. Denn jeder aufmerksame Leser muss selbst wissen, dass man Medien kritisch hinterfragen muss. Was dann aber nicht fehlen darf, sind Hinweise auf die Vita der Autoren, so sie die Darstellung beeinflussen. Das scheint ja leider nicht immer der Fall zu sein.

    In DRadio werde ich mal reinhören, auch wenn ich wie gesagt wohl kein Podcast-Fan mehr werde (unabhängig von DLR). ;)

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