Printmedien in der Kritik: Spiegel, taz und Cicero (2)

23. Juni 2009 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: Gesellschaft

Nachdem wir im ersten Teil bereits die Zeitungen Zeit, freitag und View unter die Lupe genommen haben, stellen wir jetzt Cicero, taz und Spiegel näher vor. Wir bleiben also weiter vornehmlich im Politik-Bereich und gehen dabei sowohl auf Gestaltung als auch Inhalt der Printprodukte ein.

Spiegel

spon

So präsentiert sich der Spiegel im Internet (Screenshot)

Online hat sich das Traditionsmagazin mittlerweile zum Marktführer der deutschsprachigen Nachrichten-Angebote etabliert. Dabei fällt auf, dass dieser Weg ohne wirklich bahnbrechende Innovationen genommen wurde. Videos und Podcasts sind praktisch das Maximum an Interaktivität, das bekommt man anderswo auch. Das große Plus ist eine enorme Fülle an Inhalten, die Bandbreite der Themen reicht über nationale und internationale Politik über Kurioses aus aller Welt bis zu Boulevard. Dabei ist man sich auch nicht zu schade, stellenweise absolut durchsichtig auf das Motto “Sex sells” zu setzen. Ebenso werden viele Bildergalerien genutzt, um die Anzahl der Page Impressions künstlich hochzutreiben. Eine interessante Frage wäre, wieviele der Online-Nutzer durch den Internet-Auftritt für das Print-Magazin geworben werden.

Mir persönlich ging es beim Kauf des Magazins folgendermaßen: Als ich das Titelblatt des Spiegel sah, wollte ich es fast schon nicht mehr mitnehmen. Der Aufmacher war (zum wievielten Mal eigentlich?) Adolf Hitler im Großporträt. Anscheinend glauben die Hamburger auch mit der Doppelspitze aus Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo, dass man damit Interesse beim Leser weckt oder gar neue Käufer gewinnen kann. Auch im Umgang mit der Thematik des islamistischen Terrorismus werden häufig die Titelseiten so gestaltet, dass sie Angst und Islamophobie schüren könnten. Als “Leitmedium” mit einer Auflage von über einer Million Ausgaben pro Woche (Zahlen der IVW im 1. Quartal 2009) hat man eine gewisse Verantwortung, wie solche Themen dargestellt werden.

Auf der zweiten Seite fiel mir direkt der nächste negative Punkt auf. Als ganzseitige Werbung wurde die “Hausmitteilung” (das Vorwort des Spiegel), die eigentlich dort zu finden ist, imitiert. Solche Anzeigen sind manipulativ und sollten von Seiten der Zeitung nicht eingesetzt werden.

Trotz dieser ärgerlichen Details überwiegen jedoch die positiven Seiten. Durch die große Themenvielfalt auch in der Print-Ausgabe findet jeder einige Berichte, die ihm gefallen. Die sind meist auch durch Verwendung von Umfragen und Statistiken anschaulich und zugänglich aufbereitet. Im Politik-Teil werden Sachverhalte detailliert dargestellt und in Relation gesetzt. Der Spiegel gehört seit jeher zu den unabhänigen Meinungsorganen der Bundesrepublik.

Den Abschluss bildet mit dem “Rückspiegel” (missverständliche Textstellen anderer Zeitungen) ein heiteres Element, das dem Großteil der Konkurrenz abhanden geht.

Fazit: 4/5 Hofnarren

die tageszeitung (taz)

Die taz gilt als das Paradebeispiel für die Zeitung des linken Mittelstandes. Ähnlich wie beim TV-Sender arte, der bei Beliebtheits-Umfragen immer vorne landet, aber nur geringe Quotenanteile aufweisen kann, sagt man über die taz, dass sie nur abonniert, aber nicht gelesen werde. Das können nicht viele journalistische Produkte von sich behaupten: Dass sie genutzt werden, weil es schick ist.

taz

Der Textanteil auf der gesamten Titelseite ist gering (Screenshot)

Von dieser Polemik abgesehen bietet die Zeitung aber natürlich trotzdem hauptsächliche politische Berichterstattung. Die ist auf der Titelseite allerdings nicht gerade im Vordergrund. Der Textanteil ist auf der gesamten Seite fast schon erschreckend niedrig. Vor einigen Wochen neu gestaltet ist immerhin die Übersichtlichkeit in allen Belangen vorbildlich gegeben.

Die linke Tendenz der Tageszeitung wird nach wie vor nicht nur in den Inhalten deutlich, sondern auch in der Finanzierung. 8.654 “GenossInnen” sind es, die mit Spenden “in die Pressefreiheit investieren” – diese Ausdrucksweise stimmt nachdenklich, wenn man neutral informiert werden möchte. Andererseits erinnert das Prinzip an das aufstrebender Online-Konzepte, die in sich selbst tragbar werden wollen.

Ein kleiner Widerspruch auf der Titelseite (vom 9./10. Mai) sorgte für Stirnrunzeln: Unter einem großformatigen Bild von Hildegard Hamm-Brücher, die als “letzte Liberale” gepriesen wird, findet sich ein Kommentar zum EU-Wahlkampf der Grünen. In dem wird scharf und mit hochgestochener Wortwahl kritisiert, dass die Partei “sich weiterhin linksliberalen Topoi” verschrieben habe. Unterschiedliche Meinungen, gerade im Kommentar, sind nicht nur legitim, sondern auch zu begrüßen. Nur: Wenn liberale Reformen nicht gelten, warum dann Hamm-Brücher zur Heldin des Tages machen?

In der Wochenendausgabe liegt noch das “Magazin” sonntaz bei, das sich optisch aber kaum vom Rest abhebt. Darin findet man in etwa ein erweitertes Feuilleton. Der Kulturteil wird in meiner Testausgabe hauptsächlich durch Musikbezüge repräsentiert. Wer die Zeitung online lesen will, kann auch die digitaz erwerben. Bei diesen Namen war das Logo (die Tatze) naheliegend. Übrigens wurde das zunächst nicht geschützt, was später zu Differenzen mit Jack Wolfskin führte. Der Textilhersteller nutzt dasselbe Emblem und hatte es registrieren lassen.

Die grundlinke Einstellung des Blattes wirkt stellenweise schon klischeehaft und vorhersehbar. Teils wird sie sicher bewusst eingesetzt, um eine entsprechende Klientel anzusprechen, teils schwingt sie auch unterschwellig mit.

Themenwahl und Gestaltung wissen zu gefallen, doch die politische Tendenz liegt wie eine Folie über allem. Der Hofnarr meint: Ein Medium sollte neutral berichten oder zumindest beide Standpunkte angemessen präsentieren.

Fazit: 3/5 Hofnarren

Cicero

Der erste Schlag in die Magengrube erfolgt beim Kauf des Cicero schon an der Kasse. Ganze sieben Euro kostet das Monatsmagazin, ein stolzer Preis. Im Untertitel nennt man sich “Magazin für politische Kultur”, damit wird etwas umgesetzt, was wir mit naturgemäß deutlich kleinerer Reichweite auch bei Hingesehen bieten wollen. Das Titelbild ist seit Ersterscheinung 2004 immer eine eigens von einem Künstler gestaltete Illustration. Das hebt Cicero über die Gefahr, allzu reißerische Aufmacher zu kreieren. Aus der Reihe fallen da höchstens drei Obama-Bilder sowie ein eigenes Obama-Sonderheft.

Ein Detail, das mir als Teil der ersten Generation derjenigen, die nur noch die neue Rechtschreibung gelernt haben, ins Auge fiel, machte mich stutzig. So wechselt mit einem Artikel die Grammatik komplett in die alte Schreibweise. Statt “müsse” auf Seite 26 heißt es dann “müßte” auf Seite 30. Vermutlich geht Cicero damit bewusst nicht konsequent um, eventuell weil es sich um einen der Gastbeiträge handelt.

Inhaltlich war ich von dem Magazin sehr angetan. Die Tiefe der Themen übersteigt die wöchentliche Konkurrenz von Spiegel oder Focus bei weitem. Die Ressorts sind offen gehalten (z. B. “Weltbühne”), was hier nicht zu fehlender Konstanz, sondern einer bunteren Auswahl führt. Ein Kurzbeitrag von Tony Blair steht neben einem Interview mit Syriens Staatspräsident Baschar Al Assad. Man versucht sich etwas von der Tagesaktualität abzuheben, angenehmerweise fehlt der “Hype” also weitgehend. Das schafft Platz für Aspekte, die sonst nur am Rande mitgenommen werden, zum Beispiel in Afghanistan getötete Bundeswehr-Soldaten.

Auch dadurch, dass zu den redaktionellen Artikeln auch viele Gastschreiber zu Wort kommen, hat das Magazin keine feste politische Tendenz. Darüber hinaus wird meist kritisch hinterfragt.

Fazit: 4,5/5 Hofnarren

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7 Kommentare
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  1. Nett geschrieben und guter Überblick, leider fehlt mir da ein wenig die Tiefe. Außerdem habe ich nicht so ganz verstanden, wieso ausgerechnet Spiegel (Wochennachrichtenmagazin), tag (überregionale Tageszeitung) und Cicero (monatliche “Politikzeitschrift”) in einem Artikel vorstellt (und damit indirekt auch miteinander vergleicht, ob beabsichtigt oder nicht). Die drei passen nämlich irgendwie ziemlich wenig zusammen, finde ich.

    Da wäre Spiegel vs. Focus (vs. Stern) oder taz vs. FR vs. BILD besser geeignet gewesen, finde ich.

    Was ich noch inhaltlich anmerken wollte: Bei SPIEGEL habt ihr ja überwiegend kritisiert und dann am Ende trotzdem 4 von 5 “Hofnarren” vergeben.Das wundert ein wenig.
    Die Kritik an sich finde ich durchaus berechtigt, ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Spiegel Online ist nur deshalb so gut, weil sie schon so früh im Internet waren und es schaffen, fast immer die ersten zu sein. Immer häufiger auf Kosten von Qualität.Ich lese SpOn daher schon lange nicht mehr – da gibt es wirklich bessere Alternativen. Auch Der SPIEGEL ist schon lang nicht mehr, was er mal war – sehr platte Artikel und immer boulevardeskere Züge, schade.

    Was ich schön finde: Euer Lob bei Cicero und die 4,5 Sterne. Cicero ist echt top, gefällt mir auch gut. Habt ihr super getroffen!

  2. Danke für die Kritik, Daniel. Stimmt schon, dass die unterschiedlichen Erscheinungsfrequenzen auch das Blatt prägen. Daher sollte man die Einzelbeurteilungen vielleicht nicht unbedingt miteinander vergleichen. Gemeinsamkeiten gibt es dennoch, auch wenn man von der gemeinsamen inhaltlichen Richtung und dem Anspruch, politisch zu informieren absieht: Von der taz etwa habe ich eine Wochenendausgabe (mit sonntaz also) gewählt, das wäre vom Rhythmus also von der Erscheinungsform in etwa mit der Zeit zu vergleichen (bleibt natürlich trotzdem eine Tageszeitung..).

    Was du zu SPON sagst, kann ich dir nur zustimmen: Sie profitieren jetzt erst richtig davon, dass sie als einer der ersten am Ball (oder im Netz) waren. Ist ja aber auch legitim, sie haben damals eben die Zeichen der Zeit erkannt.

  3. WIeder ganz nett geschrieben.

    ich muss der Kritik von JuiceDaniel aber leider zustimmen.

    Für die Vergleiche der Wochenzeitschriften sind ja 3 gute Beispiele genannt, worden, aber mich bei den Tageszeitungen würde mich fast schon der Vergleich überregional, etc. mehr reizen.
    Vor allem TAZ und FAZ fallen da ins Auge.

    Beim Spiegel wundert mich auch die hohe Bewertung. Diese mag früher durchaus gestimmt haben, ich hätte sogar teils 5/5 gegeben, jedoch ist das Niveau des Spiegel meiner Meinung nach massiv in den Keller gefallen. Im Eintrag habt ihr einige der Punkte schon genannt,. Die Titelthemen passen nicht zu einem Qualitätsblatt mit einer solchen Historie, ebenso die teils schwachen Artikel.

    Aber, um auch auf die 3. Kategorie, die Monatszeitschrift, zu verweisen empfehle ich euch folgendes Blatt zu lesen: Le Monde Diplomatique. Diese kommt immer am zweiten Freitag im Monat raus. Liegt da auch der TAZ bei (Ist da auch günstiger als einzeln …) Dies aber nur als Empfehlung.
    Cicero hingegen habe ich mir noch nicht angesehen, aber aufgrund der obigen Bewertung scheint sich das ja durchaus zu lohnen. Mal am Zeitungsladen nachsehen.

  4. @Julian: Von Le Monde Diplomatique werde ich mir bald mal eine Sonderpublikation zum Thema Afrika bestellen. Die scheint ziemlich umfassend und informativ zu sein. Ist aber natürlich was anderes als die Monatsausgabe, das ist klar.

    Bei Cicero würd ich dir empfehlen aufgrund des hohen Preises mal eine kostenlose Probeausgabe übers Internet zu bestellen. Ich werde es wohl so machen, dass ich mir den Cicero nur sehr unregelmäßig hole, wenn mich die Themen besonders ansprechen. Die Vielfalt entschädigt da aber etwas.

  5. Entschuldige, aber was du über Cicero schreibst ist ziemlicher bullshit.

    Man merkt dass du dich nur mit einer Ausgabe beschäftigt hast, trotzdem wundert es mich dass du nicht schon da bemerkt hast was für ein durchgehend rechtes, eintönig wirtschaftsliberales und in Bezug auf Themen, wo es mit seiner wirtschaftselitären Ausrichtung Eingeständnisse machen müsste, polemisches Blatt ist.
    Das ist ein pseudokritisches Magazin für die amoralische Wirtschaftselite (deshalb wohl auch der hohe Preis :-) ) die sich ihren Zynismus auf intellektueller Ebene zu untermauern sucht.
    Du hättest wahscheinlich besser daran getan den Inhalt einer genaueren Untersuchung zu unterziehen als die Vielfalt und Tiefe der Themen anzupreisen.

  6. @adrian: da ich bisher tatsächlich nur eine ausgabe komplett gelesen habe, muss ich das erstmal so stehen lassen. im oktober erhalte ich aber nochmal eine ausgabe und ich gehe dann mit obigen (hohen) erwartungen an das blatt heran. wirtschaftsliberal – da könntest du durchaus recht haben, allerdings waren trotzdem auch viele andere interessante und vor allem neue themen enthalten. ich bin gespannt ;)

  7. Manipulative Werbung, mehrseitige Artikel, die von “Botschaftern” der INSM geschrieben wurden und deren Meinung überdeutlich transportieren, dabei aber als “kritischer Journalismus” verkauft werden sollen, Fehler in der eigenen Recherche, Unterstützung für Atomkraft, Sozialabbau und den Krieg der Bundeswehr in Afghanistan. Letzteres sogar mit einem ungeheuer populistischen Essay, der mit zahlreichen historischen Fehlern aufwartete. Man kann sagen : Der Spiegel hat jeden neoliberalen Trend auf eine ungeheuer unkritische Art und Weise mitgetragen, während er sich gleichzeitig immer mehr dem Boulevard zuwandte. Dass fast jede zweite Seite aus Werbung besteht, fällt da fast schon nicht mehr ins Gewicht.
    Nun kommt der Spiegel unter seinen neuen Chefs Müller von Blumencron und Mascolo doch tatsächlich mit einem Angriff auf die Bildzeitung daher – Der groß angepriesene Artikel ist leider keine “journalistische Aufarbeitung” des Phänomens “Bild”, sondern lediglich ein lauwarmer Aufguss längst bekannter Tatsachen, die Lesern des BildBlogs schon lange bekannt waren. Angeblich haben sogar gleich sieben Redakteure an dem müden Text gearbeitet – kein gutes Zeugnis für den Spiegeljournalismus.
    Kritik an der Bild vom Spiegel. Genauer gesagt: Von dem Spiegel, der Guttenberg fast ebenso euphorisch feierte, wie das Springerblatt. Der Thilo Sarrazins Thesen reichlich unkritisch widergab. Der die Rechtspopulisten von “Die Freiheit” erstaunlich gut wegkommen ließ. Diese neue Kampagne ist doch nichts anderes, als der Versuch, den Spiegel wieder als “linke Zeitschrift” erscheinen zu lassen – womöglich, um wieder vermehrt Leser aus dem linksliberalen Bereich zu rekrutieren, die vermehrt ins Internet abgewandert waren. Im Endeffekt – weniger begeisterter Journalismus, als vielmehr eine Marketingstrategie der Vermarktungsprofis Müller von Blumencron und Mascolo. Armer Spiegel.

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