“Scheibenwischer” – Zerfall einer Qualitätssendung

28. Februar 2009 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: Gesellschaft

Es gab einmal Zeiten, da waren selbst Sendungen der Öffentlich-Rechtlichen so kritisch und ehrlich, dass es zum Boykott kam. 1986 war das etwa, als sich der Bayerische Rundfunk aus einer Folge vom Berliner “Scheibenwischer” einfach ausklinkte. Der lief damals im ARD-Gemeinschaftsprogramm, passte den Bayern jedoch im wahrsten Wortsinne nicht ins Programm. Schon im Vorhinein scheiterte ein Versuch des BR, eine bundesweite Absetzung der Folge zu erreichen. Ganz offiziell wandte sich die bayerische Regierung an den Produzenten Sender Freies Berlin und polterte gegen das “bayernfeindliche Programm”.

Über zwanzig Jahre liegt dieser Vorfall mittlerweile zurück und obwohl Hildebrandt & Co. den “Scheibenwischer” noch lange Zeit weiter führten, erinnert heute, 2009, nur noch wenig an die alten Tage. Insbesondere der Rückzug des Grandseigneurs selbst, der zwischen 1980 und 2003 144 Folgen gestaltet hatte, veränderte das Gesicht der Sendung. Sein langjähriger Partner und Nachfolger Bruno Jonas trat zum Jahreswechsel ebenso ab wie vor ihm schon Georg Schramm und dessen Ersatz Richard Rogler. Bleiben also nur noch Imitator Mathias Richling und Frank Lüdecke, der in jeder zweiten Ausstrahlung auftrat.

Richling übernimmt nun, nachdem eine Fortführung der Kultsendung gar komplett infrage stand, die Leitung des – nun ja: Ensembles. Feste Nachfolger für die amtsmüden Witzemacher wird es dem Anschein nach nicht geben. Dafür sorgt Richling für einen wahren Paukenschlag: Zum ersten Mal sollen Comedians eingeladen werden. Zudem soll das Bühnenbild zu einem Nachrichtenstudio umgestaltet werden. Massive Veränderungen: Lediglich Anpassungen eines aus der Mode gekommenen Formats oder der Zerfall einer Tradition?

Immerhin ist Richling selbst, der seit 2003 fester Bestandteil des “Scheibenwischer” ist, bei seinen Auftritten meist treffend und unterhaltsam gewesen, in den meisten davon karikierte er verkleidet deutsche Spitzenpolitiker (siehe Video). Dabei hat er seine Wandlungsfähigkeit zigfach zur Schau gestellt. In den Nummern, wo er als er selbst dabei war, wirkte Richling andererseits oft wie ein Statist. Die Fokussierung auf Imitationen ist zuletzt – wenn auch auf anderem Niveau – Oliver Pocher zum Verhängnis geworden, eine Entwicklung, die Richling vermeiden sollte.

Der Hofnarr meint: Mit den Umbauten der Bühne in Berlin mag ein neuer Stil in den “Scheibenwischer” eingeführt werden. Neuer Schwung kann der Sendung, die seit Hildebrandts Rückzug in einem steigen Wandel und damit einer Identitätskrise begriffen war, nur gut tun. Die künftige Teilnahme von Comedians kommt hingegen einem Eingeständnis an das Privatfernsehen gleich. Ob es an Nachwuchs im ernstzunehmenden Kabarett fehlt? Das ist zu bezweifeln, Mathias Tretter (ein Klick lohnt!) ist hier nur einer von vielen hoffnungsvollen Namen. Zwar sollen die “Neuen” kabarettistische Stücke vortragen – nur warum nochmal sind sie dann in erster Linie Comedians?

Macht der “Scheibenwischer” so weiter, fällt er bald endgültig hinter die Konkurrenz (das ebenfalls leicht klamaukbehaftete “Neues aus der Anstalt” im ZDF oder das bayernzentrierte “Ottis Schlachthof” im BR) zurück. Es wäre schade um eine Sendung, die einst einen herrlichen Wochenabschluss im Gegensatz zum “Wort zum Sonntag” darstellte.

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3 Kommentare
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  1. Dieter Hildebrandt selbst gefällt’s wohl auch nicht: http://www.netzeitung.de/medien/1292937.html

  2. Richtig so. Damit ist die neue Sendung eigentlich schon zum Scheitern verurteilt.

  3. Der Scheibenwischer ist natürlich Kult. Aber ich fand ihn teilweise schon etwas altbacken…mal sehen wie seine Überarbeitung wird. Gut ist aber, dass der beste der drei ursprünglichen Mitglieder dabeigeblieben ist!

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