Selbstversuch Weihnachtsgottesdienst in der katholischen Kirche
12. Dezember 2009 | Von hofnarr.florian | Kategorie: GesellschaftPassend zur Weihnachtszeit ein Erfahrungsbericht von mir zum letztjährigen Weihnachtsfest und dem vorher gegangenen Gottesdienst:
Wie jedes Jahr an Weihnachten quälte ich mich, meiner Mutter zur Liebe, in die überfüllte Kirche. Da ich keine Lust hatte schon eine Nacht vor Heiligabend vor dem Gotteshaus im Schlafsack zu campen, bekam ich natürlich keinen Sitzplatz mehr. Dafür musste ich mich mit einem ungemütlichen Säulen-Stehplatz begnügen, der aber immerhin nah am Ausgang war. Nicht wirklich gewappnet für 90 Minuten voll von praktiziertem Glauben, beobachtete ich aus Langeweile die vielen Besucher der Messe.
Es gibt viele verschiedene Typen Gläubige – eben besonders gut an Weihnachten erkennbar. Einmal diese, die an Heiligabend das einzige Mal in der Kirche sind und trotzdem so tun, als würden sie zu den Frommsten der Gesellschaft gehören. Sie sind immer die Ersten, die sich beim Gebet auf die Knie werfen und im musikalischen Teil versuchen mit ihrer Stimmen alle anderen zu übertrumpfen. Meist leisten sie sich peinliche Patzer im „Vater Unser“ oder bei anderen Gebeten. Das bringt ihnen verächtliche Blicke von den „Heiligen“ aus der ersten Reihen ein. Peinlich berührt und rot anlaufend versuchen sie ihren Fehler anschließend mit einem innbrünstigen Amen wieder gut zu machen – vergeblich, denn sie wurden enttarnt.
Von dieser Gruppe unterscheiden sie diejenigen Besucher, die von der Familie dazu gedrängt wurden „doch wenigstens an Weihnachten in die Kirche zu gehen“. Sie sind meist ganz hinten in der Kirche zu finden und durch ein häufiges Blicken auf die die Uhr zu erkennen. Genervt von Weihrauch und Orgel hält sie nur die Aussicht auf die baldige Bescherung in der Kirche. Bei Kommunion und Gesang bleiben sie apathisch still.
Die Streber
Mein persönliches Highlight sind aber die kirchlichen Dauergäste. Sie machen jedes Weihnachten durch ihr Auftreten erträglicher. Zumeist sind dies Frauen. Für sie ist die Weihnachtsmesse das Highlight des Jahres. Endlich können sie zeigen, wie fromm, engagiert und gläubig sie doch sind. Früher hatten sie stets eine Eins in Religion, wollten eigentlich Pfarrerin werden, waren aber zu konservativ, um evangelisch zu werden. Sie sind die heimlichen Stars der Christmesse. Sie haben natürlich im Voraus den Gottesdienst zusammen mit dem Pfarrer vorbereitet, werden vom ihm dankend am Ende erwähnt und haben einen Platz in der ersten Reihe reserviert. Wenn kurz vor Beginn die Kirche prall gefüllt ist, erheben sie sich, um ihre große Show zu beginnen: Erst ein kurzes Husten, damit auch jeder merkt, dass man was zu melden hat, dann den Kopf tief nach unten neigen, um die Frömmigkeit zu unterstreichen. Nun sich eine Aufgabe direkt vor dem Altar suchen und so tun, als wäre sie unglaublich wichtig, obwohl sie sogar ein Atheist ausführen könnte. Zum Beispiel Kerzen anzünden. Erst kurz bevor der Pfarrer den Innenraum betritt, wieder hinsetzen, noch schnell die einsetzende Orgel-Musik für einen dramatischen Abgang nutzen und dann ist der Hollywood-reife Auftritt perfekt. Jetzt sollte, aber auch jeder wissen, dass die Person was zu sagen hat. Ich hatte Mitleid mit der Frau, die diese Rolle in meinem Weihnachtsgottesdienst ausführte.
Ganz besonders, als sie sich mitten im Gottesdienst erneut aufstand, um einige Fürbitten vorzutragen. Ich hatte den Eindruck, dass sie extra für diesen Anlass einen Rhetorik-Kurs belegt hatte. Das Geld hätte sie aber mal besser in einen Friseurbesuch investiert.
Nachdem sie wieder mit gesenktem Kopf die große Bühne betreten hatte, begab sie sich an das Mikrofon, um die Fürbitten vorzutragen. Andächtig legte sie nach jedem Wort eine Pause von, gefühlten, 20 Sekunden ein, um deren Bedeutung zu untermauern. Allerdings hatte dies nicht den erwünschten Erfolg. Die Pausen wirkten äußerst lächerlich und die stehenden Teilzeit-Gläubigen mussten sich bemühen nicht in lautes Gelächter auszubrechen.
Besonders ärgerlich wäre es natürlich, wenn man vor so einem Publikum den Text vergäße und seinen großen Auftritt vergeigte. Man könnte sich nie mehr im Kirchenchor zeigen.
Zu meinem Bedauern war unsere Kirchen-Streberin aber optimal vorbereitet und betete alles auswendig herunter. So gab es nicht mehr viel zu Lachen für die Rabauken aus der letzten Reihe.
Vor allem nicht, als während der Kommunionsvorbereitung der Messdiener bis in die letzte Reihe marschierte, um die Unaufmerksamen mit Weihrauch einzuräuchern. Vermutlich die Rache für meine magere Klingelbeutel-Spende.
Ähnliche Hingesehen-Artikel:










Ein sehr treffender Beitrag, gut geschrieben.
Ich habe mich in vielem wiederkannt.
Auch mich nerven vor allem diejenigen, die innerhalb der Kirche auf “Vorzeigechristen” machen und nach dem Verlassen ihr wahres Gesicht zeigen, was so gar nicht zum Christentum passen will.
Grüße
Toni
Eine ziehmlich einseitige Betrachtung. Immerhin bedeutet diese alberne Zeremonie für viele Spießer Geborgenheit, Wärme und nach Hause kommen.
Ich zitiere Artikel 18 der allgemeinen Menschenrechte:
Jetzt zitiere ich dich aus dieser Blog Publizierung:
Du tust mir echt Leid, dass du vor deiner Mutter nicht zu deiner eigenen individuellen religiösen Einstellung stehen kannst und dich lieber in die Kirche geqäult hast. Der Satz ist in der Vergangenheit geschrieben – von daher bin ich hoch erfreut, dass du inzwischen zu deiner Meinung stehst und dieses Jahr der Kirche fern bleiben wirst.
Ich habe echt kein Verständnis, wenn Menschen anderen ihren Glauben aufzwingen und daher erwarten, dass Familien Mitglieder mit in die Kirche kommen müssen, da man andernfalls verletzt ist. Das übt eine psychische Gewalt aus und dieser bist du Opfer geworden. Ich bin ebenfalls ein Christ und mir tut das Verhalten Leid!
Auf der anderen Seite spüre ich auch deinen Hass im Bezug auf religiöse Menschen. So verurteilst du hier Menschen als Streber oder gar als Teilzeit-Gläubige. Des weiteren machst du dich über peinliche Patzer im „Vater Unser“ oder lächerliche Pausen einer Rede lustig. Auch finde ich es sehr merkwürdig, dass du Dich über den offenbar gut vorbereiteten Vortrag einer Gläubigen, derart aufregst:
Diese und die oben genannten Entgleisungen, finde ich im Bezug auf die oben zitierten Menschenrechte gelinde gesagt grob Menschenfeindlich.
Es ist mir an dieser Stelle ehrlich gesagt egal, ob Du nun Atheist bist oder nicht. Ich erwarte jedoch von Dir, dass du den anderen Menschen in diesem Land ihre eigene individuelle Religionsfreiheit lässt. Nur weil du offenbar von deiner Mutter psychisch unter Druck gesetzt wurdest in die Kirche zu gehen und du nicht den Mut hattest, zu deinem eigenen Glauben zu stehen, hast du nicht das Recht, deinen Hass auf andere gläubige Menschen zu projizieren.
In diesem Sinne wünsche ich Dir einen schönen dritten Advent und frage mich ganz ehrlich, weshalb du Weihnachten überhaupt gefeiert hast bzw. vielleicht sogar noch feierst.
@ Dunkelangst: Zu deiner Kritik habe ich ja bereits in meinem privaten Blog Stellung genommen. Meine Mutter hat mich sicherlich nicht gezwungen. Deine Ausführungen dazu sind stark übertrieben. Aus meinem Anfangssatz zu schließen, dass ich “psychisch unter Druck gesetzt wurde” ist schon sehr weit hergeholt. Ich weiß nur, dass sie enttäuscht ist, wenn ich nicht gehe und so bin ich zu Weihnachten eben in der Kirche, beteilige mich aber nicht am aktiven Gottesdienst. Ich habe es also einfach nur meiner Mutter zur Liebe gemacht. Sie hat mich aber nicht unter Druck gesetzt. Ich kann auch nicht in die Kirche gehen.
Du solltest bitte den ganzen Text mit einem Augenzwinkern lesen. Dies ist ein äußerst subjektiver Text, der an einigen Stellen stark forciert, um auf Dinge aufmerksam zu machen.
Ich spreche doch niemandem seine Religionsfreiheit ab. Ich kritisiere doch nur ihren Glauben, zumal mit einem Augenzwinkern, und das als menschenfeindlich zu bezeichnen ist krass. Ich finde Religion sollte kein Tabu-Thema sein und genau wie jeder andere Bereich des Lebens hinterfragt werden.
Ich habe auch sicherlich keinen “Hass” auf andere Gläubige. Ich akzeptiere natürlich Menschen, die an einen Gott glauben. Von einer augenzwinkernden, subjektiven Betrachtung eines Gottesdienstes, der meiner Meinung zumindest ein paar Fünkchen Wahrheit enthält, auf eine Menschenfeindlichkeit meinerseits zu schließen ist sehr weit hergeholt. Ich finde es auch interessant, dass du aus einem solchen Text so viele sehr persönliche Probleme von mir heraus deuten willst – wir kennen uns immerhin nicht einmal persönlich.
Na, dann bin ich ja beruhigt, dass du das alles mit einem Augenzwinkern meinst…
@ Dunkelangst: Dann ist ja alles ok.
Was will uns der Autor sagen?
Weihnachtsgottesdienste sind überfüllt. Fromme -hier wäre zu klären, was fromm eigentlich meint- plustern sich auf. Der Autor war zu spät in der Kirche, langweilte sich und beobachtete die Umstehenden, wobei sein Blick sich dann auf eine Person fokussierte. Ich könnte das noch weiter fortsetzen, erspare es mir.
Anscheinend ist diese Form von Weihnachten nichts für den Autor. Gut, dann soll er halt wegbleiben.
Für andere Menschen ist Weihnachten ohne Gottesdienst (so auch für mich, ich oute mich hier also gleich als Katholik) undenkbar und die Botschaft der Krippe nicht ein Schmu, sondern die Zusage Gottes (Jetzt trägt er aber richtig auf: Der Kommentator ist halt Theologe). In diesem Sinne: Ein erfolgreiches und segensreiches Jahr 2010
@duelmenblog: Schön hier auch einen Beitrag aus einer ganz anderen Perspektive zu lesen!
Na ja, so geht mir das mit deinem Beitrag auch, nur umgekehrt. Es ist ein ganz anderer Beitrag und schön oder sogar lesenswert finde ich ihn immer noch nicht.
Ich respektiere diesen Beitrag hingegen als freie Meinungsäußerung.
Es ist Florians Beitrag, nicht meiner
Sorry!