Sündenbock Medien – Ist das TV Schuld an der Politikverdrossenheit?

20. September 2009 | Von Lea Sibbel | Kategorie: Gesellschaft

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Quelle: flickr.com/andrew harrer

Missstände in der Politik werden seit jeher dafür verantwortlich gemacht, dass der Ottonormal-Bürger das Vertrauen in die Politik verliert und unter Umständen sogar zu dem Schluss kommt, Wählen sei ein sinnloses Unterfangen: Hat die Dienstwagenaffäre um Ulla Schmidt im Sommer nicht gezeigt, dass Politiker die Steuerzahler zum Narren halten? Oder wurde bei der Berichterstattung über den Fehltritt aus einer Mücke ein Elefant gemacht? Wird die Berichterstattung in die Erklärung für schwindendes Vertrauen in die Politik miteinbezogen, wird bald ein Dilemma erkennbar. Kontrolle und Kritik an den Obrigkeiten ist Aufgabe der Medien. Letztendliches Ziel dieser Berichterstattung muss jedoch sein, dem Bürger alle Informationen zur Seite zu stellen, damit er eine überlegte Wahl treffen kann und nicht, den Bürger politikmüde zu machen, sodass er sich schlussendlich sogar von seinen demokratischen Pflichten abwendet. Die entscheidende Frage lautet demnach: Tragen die Medien die Schuld an der Politikverdrossenheit vieler Bürger?

In den 1970er Jahren unterstellte ein amerikanischer Wissenschaftler dem Fernsehen genau das – nämlich, dass es die Bürger politikverdrossen machen würde. Die große Authentizität, Reichweite und Glaubwürdigkeit waren für Michael J. Robinson die ausschlaggebenden Faktoren, warum ausgerechnet das Fernsehen eine derartige Wirkungsmacht entfalten könne. Und tatsächlich, in der anschließenden Studie, mit der Robinson seine Hypothese überprüfen wollte, bestätigte sich sein Verdacht: Je mehr das Publikum dem Fernsehen vertraute und je mehr Zeit es dessen Informationsfluss ausgesetzt war, desto höher waren die Anzeichen für Politikverdrossenheit. Die Begründung lag für Robinson auf der Hand. Skandale und Konflikte besaßen einen solch hohen Nachrichtenwert, dass Journalisten anhand dieser Kriterien ihre Meldungen und Berichte auswählten. Negative Informationen hatten gegenüber positiven so die deutliche Überhand. Dieser Umstand wurde mit dem Schlagwort „Negativismus“ bezeichnet.

Doch Robinsons Studie wies in vielerlei Hinsicht Schwachstellen auf, vor allem in der zu simplen methodischen Umsetzung. Ohne jegliche Überprüfung weitete er seine These der „Videomalaise“ außerdem später aus: Nicht nur das Fernsehen trage Schuld an der Politikverdrossenheit, nein, alle Medien würden die Bevölkerung „politikkrank“ machen, denn „everything became so much like television“.

Obwohl die Videomalaise-These somit in ihrem Ursprung nicht gerade auf gesichertem Boden stand, provozierte sie eine Vielzahl weiterer Studien. Verwunderlich ist das allerdings nicht: Sollte sich ein Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Politikempfinden bewahrheiten, wäre das von fundamentaler Bedeutung für die moderne demokratische Gesellschaft, deren Bürger die wichtigen politischen Informationen, anhand derer sie ihre Wahlentscheidung treffen, fast ausschließlich medienvermittelt erfahren.

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Quelle: flickr.com/Lady Wulfrun

In Deutschland überprüfte Christina Holtz-Bacha Anfang der 90er-Jahre die Videomalaise. In ihrer wissenschaftlichen Anlage differenzierte sie stärker als Robinson: Sie untersuchte Fernseh- und Printangebote getrennt voneinander, ebenso wie Unterhaltungs- und Informationsformate. Holtz-Bacha konnte keine Ergebnisse präsentieren, die die Annahme der Videomalaise in der Bundesrepublik rechtfertigen würden. Stattdessen stellte sie fest, dass der Konsum unterhaltender Formate mit politischem Zynismus und Politikverdrossenheit in Verbindung stand. Sollte in Deutschland demnach anstelle von einer Videomalaise von einer Unterhaltungsmalaise ausgegangen werden? Die Annahme einer Unterhaltungsmalaise ist aber, wie die der Videomalaise, mit Vorsicht zu genießen. Denn auch Holtz-Bachas Studie bot lediglich Belege für Zusammenhänge, jedoch nicht über die Richtung des Zusammenhangs. Werden Menschen politikverdrossen, weil sie mehr Unterhaltung in den Medien konsumieren, oder konsumieren sie entsprechend viel Unterhaltung, weil sie schon politikverdrossen sind und dem Politikalltag entfliehen wollen?

Wie auch immer die gefunden Zusammenhänge ausfallen, die Medien sehen sich zwangsläufig mit dem oben gezeichneten Dilemma konfrontiert: Es ist ihre Aufgabe Missstände aufzudecken und über Konflikte zu informieren. Dies ist jedoch dysfunktional, wenn die Bürger dadurch politikmüde werden und sich vom politischen Geschehen abwenden. So war die Dienstwagenaffäre von Ulla Schmidt ein Missstand, auf den hingewiesen werden musste. Ebenso müssen Spendenaffären an das Licht der Öffentlichkeit gelangen. Es kann sogar Recht der Allgemeinheit sein, über die Höhe so mancher Politikerdiäten informiert zu sein oder darüber, welche Nebentätigkeiten die Regierenden ausüben. Eine Verurteilung der Politik insgesamt durch die Bürger wäre nun jedoch fatal. Schlussendlich sorgen die Medien dafür, dass auf Grundlage aller Fakten, eben auch der negativen, eine reflektierte (Wahl-)Entscheidung möglich wird.

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Ein Kommentar
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  1. Ich glaube nicht das es am Fernseher liegt.
    In meinen Augen müssen die Politiker alle erdenklichen Medien nutzen um Wähle für sich zu gewinnen.
    Barack Obama hat es uns mit seiner Internetkampagne gezeigt wie es geht und nutzt diese Schnittelle immer noch als Kommunikationsbasis.

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