Überholt das WWW die Print-Medien?
4. Januar 2009 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: Hingesehen-Features, Wirtschaft
Bitte denkt einmal an folgendes: Ein gemütliches Frühstück am Samstagmorgen mit der gesamten Familie. Nachdem Kaffee und Brötchen verzehrt sind, folgt wahrscheinlich der Griff zur Zeitung – womöglich sogar ein kleiner Konflikt darüber, wer sie zuerst bekommt. Sicherlich, die Vorstellung ist typisiert, aber dennoch ein Beleg dafür wie fest insbesondere die Tageszeitung in den Tagesablauf vieler Menschen integriert ist.
Zwei Forscher der FH Mainz prognostizieren jetzt jedoch, dass bis zum Jahr 2018 das Internet die Zeitung abgelöst haben wird. Die beiden Forscher Lothar Rolke und Johanna Höhn haben dazu eine Studie erstellt bei der 600 Personen der Altersgruppen 15 bis 19 Jahre, 20 bis 25 Jahre sowie 35 bis 50 Jahre befragt wurden. Etwa 30 Prozent der Leser werden demnach vom Print- in den Online-Bereich wechseln und den alten renommierten Medien den Rücken kehren. Ausschlaggebend dafür sei, dass das Internet vielfältigere Nutzungsmöglichkeiten biete und daher intensiver genutzt werde. Weiterführende Links sind schneller erreichbar als der Hinweis auf Hintergrundliteratur, Online-Shops und Mails effektiver als Bestellcoupons und Briefe. In der Studie heißt das so: “In wenigen Klicks hat jeder User von der Informationssuche in den Entertainment-Bereich oder zurück gewechselt.” Das spektakulärste Beispiel für den Rückgang der Print-Branche ist der Stellenabbau der WAZ-Gruppe.
Generell steigt die Mediennutzung im Alltag durch die Verbreitung des Web, wovon die “alten Medien” freilich kaum profitieren. Dennoch: Wer ausführliche Berichte und Reportagen lesen will, tut dies meist nicht am Computer. Zu groß ist wohl die Versuchung währenddessen noch kurz das Postfach zu checken oder nebenher zu chatten. Durch die Demokratisierung des Internets ist zudem die Skepsis ob der Glaubwürdigkeit der Artikel größer, denn grundsätzlich steht es jedem offen zu schreiben. Diese Vorsicht wird durch den wechselhaften Kontext der Rezeption verstärkt, denn je nach Surfverhalten springt man von einem lustigen Video zu einer politischen Debatte. Die hohe Geschwindigkeit ist somit gleichzeitig Vor- und Nachteil des WWW – nach einem ausführlichen Frühstück gemütlich am PC die Wirtschaftsseiten zu lesen ist kaum verbreitet.
Und so schreiben auch die Mainzer Forscher die Print-Medien nicht komplett ab: “Es mag paradox klingen, aber weil das Internet ein so großer gesellschaftlicher Veränderer ist (…), müssen die traditionellen Medien zu Begleitern für die Menschen werden, ihnen Orientierung geben”, erklärt Rolke den Sachverhalt. Der Trend müsste demzufolge zu einer komplementären Ergänzung durch das Netz führen. Derzeit befindet sich die Nutzung solcher zusätzlichen Angebote auf den Internet-Auftritten der Zeitungen noch im Anfangsstadium.
Der Hofnarr denkt, dass man noch nicht absehen kann, inwieweit Blogger und Co. in Zukunft tatsächlich die Medienlandschaft mitgestalten werden. Einige Blattmacher, die sich zu sehr der Tradition wegen in Sicherheit wiegen, könnten aber schon bald von der Realität eingeholt werden. Sicher ist nur, dass die Arbeit der Journalisten immer mehr in Richtung “cross media”, also zum Beispiel die Verknüpfung von Text- und Videoproduktion, gehen wird. Die voranschreitende Einführung von “newsdesks” (siehe Bild), an denen möglichst viele Redakteure sitzen, um sich zeitnah über Inhalte abzustimmen, sind erste Zeichen für diese Entwicklung.
Weiterführende Links:
Spiegel-Artikel zur Mainzer Studie
Blogger/Journalisten: Eure Meinung ist gefragt
Das Verschwinden von Zeitungen und ein Fragezeichen
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Klasse Artikel. Spiegelt auch mein Gefühl wieder.
Die “alten Medien” müssen sich endlich auf ihre Stärken besinnen, und das sind Tiefe und Hintergrundinformationen. Natürlich hole ich mir meine Neuigkeiten zuerst auch im Internet, doch Reportagen, die in ein Thema einführen und mir das Gefühl geben, danach auch eine Meinung zu diesem Thema entwickelt zu haben, die suche ich dort vergebens. Das müssen Zeitungen und Zeitschriften auch weiterhin leisten.
@ Flo: Das mache ich ähnlich wie du. Weiterführende Artikel lese ich meist im Spiegel oder der FAZ. Allerdings gibt es auch Blogs, die einen solchen Service bieten. Zum Beispiel der Spiegelfechter. Allerdings sind solche Webangebote wirklich rar.