Unwissenheit 2.0 – Deutschland gegen Google

17. August 2010 | Von Carsten Brück | Kategorie: Gesellschaft

Deutschland hat sie endlich, die diesjährige Waffe gegen das Sommerloch. Die Rede ist hier von Google, genauer gesagt dem Online-Dienst “Street View”. Für dieses Angebot fotografiert der US-Konzern die Straßenzüge deutscher Städte, um die Bilder im Internet für jeden abrufbar zu machen.

Eigentlich ist das als Service gedacht. Doch das Ergebnis sind bislang massive Proteste von Bürgern und Kommunen. Diese Proteste und die damit verbundenen Ängste liegen zu einem großen Teil in der Unwissenheit der Bürger begründet. Das Schreckgespenst, das auch von den medialen Berichterstattung unterstützt wird, hat oftmals nichts mit der Wirklichkeit zu tun. So wird bemängelt, dass Google vor dem Start von Street View selbstverständlich erst eine Erlaubnis bei den Städten und Gemeinden hätte einholen müssen. Dies trifft nicht zu. Bei den Aufnahmen des Konzerns wird nur der öffentlich zugängliche Straßenraum fotografiert.

Zugegebenermaßen wird auf den Bildern mehr zu erkennen sein, als dies für einen Fußgänger beim Spaziergang der Fall ist, da die verwendeten Kameras auf einer Höhe von 2,90 Metern befestigt wurden. Der Hintergrund ist hierbei, dass aus einer niedrigeren Höhe durch parkende Autos kein freier Blick möglich gewesen wäre. Allerdings haben die Passagiere von Reisebussen und ähnlichen Fahrzeugen eine vergleichbare Sichthöhe, was bisher niemanden zu Protesten angeregt hat. Ebenso wird die Angst vor einer umfassenden Überwachung geschürt. Dabei eignen sich die Aufnahmen bei Streetview keinesfalls für derartige Zwecke. Schließlich handelt es sich um Momentaufnahmen, die nur einen festgehaltenen Augenblick öffentlich zugänglicher Orte erlauben. Niemand muss befürchten, auf diese Weise von Kriminellen beschattet werden zu können. Zudem werden bei der Bearbeitung des Bildmaterials Details wie Gesichter oder Nummernschilder automatisch verpixelt und damit unkenntlich gemacht. Niemand ist eindeutig identifizierbar.

Von der anderen Seite betrachtet bietet Google mit Street View völlig neue Möglichkeiten für die Interaktion mit Stadträumen. So können Reisen geplant, Wege auskundschaftet oder die Suche nach einer Wohnung erleichtert werden. Geschäftsinhaber haben die Möglichkeit, Details direkt auf dem Abbild ihres Lokals oder Unternehmens zu hinterlegen und können so direkt Kontakt mit ihren Kunden aufbauen. Einige Kritikpunkte sind allerdings auch durchaus angebracht. Diese zielen nicht auf das für Streetview erstellte Bildmaterial, sondern eher auf dessen Nutzung ab. Theoretisch besteht beispielsweise für Hacker die Möglichkeit, die persönlichen virtuellen Streifzüge durch Straßen und Plätze nachzuverfolgen und mit anderen Internetdaten abzugleichen. Somit würde eine weitere Quelle sensibler Personendaten geschaffen werden, die missbraucht werden könnten, was aber auch bei normalen Internetdaten bereits der Fall ist. Somit wird keine neue Gefahr geschaffen, sondern eine bestehende vergrößert.

Die Debatte um Google Street View scheint letztendlich falsch geführt zu werden. Ängste von Bürgern werden durch die Medien nicht entkräftet, sondern oftmals noch bestärkt. Das Resultat ist, dass selbst die Politik nicht versteht, was sie da denn überhaupt diskutiert. So fordert die Stadt Bielefeld (ausgerechnet!) Google bereits geschlossen auf, nicht bei Street View zu erscheinen. Es bilden sich Bürgerinitiativen, häufig mit einem beachtlich hohen Altersdurchschnitt, die auf die Protestwelle gegen den neuen Dienst aufspringen und breite Unterstützung erhalten. Jedoch: In vielen anderen Ländern der Welt, beispielsweis den USA, England oder Frankreich, ist Street View bereits vor längerer Zeit gestartet. Ohne Probleme.

Wie dieses Video zeigt sind auch schon die ersten kuriosen Bilder von Google Street View ausfindig gemacht worden. Ob die Betroffenen die Bilder im Zweifelsfall genauso witzig finden, ist indes fraglich. Wir möchten wissen: Was ist eure Meinung zur Debatte? Nutzt die Kommentarfunktion!

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