Von dem Trend zur Selbstverwirklichung

12. Juni 2009 | Von Lea Sibbel | Kategorie: Gesellschaft

Jeder Mensch hat seine eigenen Träume, deren Verwirklichung er anstrebt. Nur gibt es solche, die für ihre Träume kämpfen und solche, die gern darüber reden, „irgendwann einmal“ auf Safari zu gehen oder „irgendwann einmal“ mit Delfinen schwimmen zu wollen. Daran ist nichts verkehrt. Solange aus dem Aufschieben keine Lebenseinstellung wird. Dann kann es passieren, dass man in Alltäglichkeiten untergeht und es nicht einmal bemerkt. Tag folgt auf Tag, Jahr auf Jahr, und die Träume verstauben allmählich zu mickrigen Fantasien, denen es an Durchsetzungskraft fehlt.

Die Menschen sind besser als ihr Ruf

Kurt Peipe hatte den medizinischen Kampf gegen den Krebs verloren. Seinen Lebenswillen hatte er allerdings nicht an die Chemotherapien eingebüßt. Als man ihn ohne weitere Behandlungsmöglichkeiten aus der Klinik entließ, trat ein lang gehegter Traum aus dem Schatten der Krankheit heraus und ließ Peipe nicht länger ruhen. Schon lange hatte ihn der Europäische Fernwanderweg Nummer eins gelockt. Dieser Wanderweg soll vom Nordkap bis nach Sizilien führen und wurde 1969 als Zeichen der Völkerverständigung ins Leben gerufen, allerdings ist noch nicht die gesamte Strecke planmäßig markiert. Die Entscheidung für die Verwirklichung seines Traumes verlief für den 65-Jährigen allerdings nicht ohne Hadern und Zögern: Sollte er wirklich die letzte Zeit seines Lebens fernab von seinen Lieben zuhause auf Wanderschaft verbringen?

Doch seine Familie und Freunde unterstützten ihn bei seinem Herzenswunsch und so begab er sich, den wachsenden Krebszellen zum Trotz, auf eine lange und kräftezehrende Reise. Vom hohen Norden Deutschlands aus, nahe Flensburg, wanderte er 170 Tage bis nach Rom und stellte fest: „Die Menschen sind besser als ihr Ruf“. Sein Körper unterwarf sich dem eisernen Willen, die Wanderschaft beenden zu wollen. In dem Buch „Dem Leben auf den Fersen“ veröffentlichte Kurt Peipe 2008 die Geschichte seiner vollendeten Wanderschaft und nicht zuletzt die Geschichte der Stärke eines Traumes. Im August desselben Jahres starb er im Kreise seiner Familie.

Unter dem Titel „100 things to do before you die“ machte der Autor Dave Freeman öffentlich, welche Erlebnisse er sich vom Leben versprach. Er selbst konnte hinter 65 „things to do“ einen Haken setzen: Er nahm am Stierrennen durch die Gassen Pamplonas teil und stürzte sich auf einer Insel im Pazifik kopfüber mit einem Seil gesichert aus schwindelerregender Höhe, um nur zwei seiner zahlreichen Abenteuer zu nennen. Der Tod erwartete ihn allerdings viel alltäglicher und banaler. In seinem Haus nahe Los Angeles stürzte er und stieß mit seinem Kopf gegen eine Glastür. Wie sehr sein eigenes Statement – „Life is short – get out there and grab some“ – auf ihn selbst zutreffen würde, hätte ihn wohl überrascht.

Randy Pauschs allerletzte Rede

In den USA rührte ein Universitätsprofessor, dank Veröffentlichung auf einem Videoportal, Millionen von Menschen. An der Carnegie Mellon University in Pittsburgh hielt Randy Pausch eine sogenannte „Last Lecture“. Bei diesen traditionellen Last Lectures sollen die Dozenten in unterhaltender Form vorgeben, dass dies ihre letzte Vorlesung sei: Welche Ratschläge würden sie ihren Studenten dann hinterlassen? Für Randy Pausch hatte seine Last Lecture aber tatsächlich endgültigen Charakter. Wie Kurt Peipe war er an Krebs erkrankt. Seine letzte Vorlesung wurde zu einer Hommage an die Verwirklichung der Kindheitsträume.

Diese Beispiele sollen nicht die Furcht stärken, etwas verpassen zu können. Vielmehr zeigen sie, dass es nichts Wichtigeres gibt, als der zu sein, der man ist, und für das einzutreten, was man möchte.

Mit Integrität und Zielstrebigkeit lassen sich viele Träume vom Abstellgleis zurück ins Leben beordern, dafür sollte keine lebensbedrohliche Krankheit sorgen müssen. Und wem es hilft, der kann sich eine eigene Liste voller Wünsche anfertigen. Wer weiß, vielleicht macht die Niederschrift aus den fernen Träumen etwas realeres, das dann bald in die Tat umgesetzt wird.

(Das Bild auf der Startseite stammt von Esparta bei flickr)

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Ein Kommentar
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  1. Das Youtube-Video ist große Klasse! Für alle, die sich für das Thema noch mehr interessieren: Randy Pausch hat auch ein Buch mit dem Titel “Last lecture” geschrieben, das ich gerne weiterempfehlen würde.

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