Warum Politiker zum Fußball gehen
4. Mai 2012 | Von hofnarr.christopher | Kategorie: SportImmer mehr westliche Politiker kündigen an, die bevorstehenden Europameisterschaftsspiele in der Ukraine nicht besuchen zu wollen. Sie wollen so ihren Protest ausdrücken gegenüber dem Umgang des Gastgeberlandes mit der inhaftierten ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird wohl ebenso wenig in die Ukraine reisen wie die EU-Kommission. Beim Gastgeber haben die Ankündigungen für Wellen der Empörung gesorgt.
Abseits des politischen Kalküls stellt sich dieser Tage die Frage: Warum gehören Fußballbesuche seit einiger Zeit eigentlich überhaupt zum Pflichtprogramm für Politiker? In der Ukraine gehörten Fußball und Politik seit jeher zusammen, hieß es zuletzt. Das war kritisch gemeint, doch auch hierzulande lassen sich am Massenphänomen Fußball eine Vielzahl unterschiedlicher gesellschaftlicher Beobachtungen festmachen.
Politiker brauchen Öffentlichkeit
So verdeutlicht das Scharmützel um die Fußballreisen etwa, wie sehr der politische Betrieb von der medialen Öffentlichkeit abhängig ist. In erster Linie sollen die Nachrichtenmedien Informationen vermitteln, auf deren Grundlage die Bürger ihre Wahlentscheidung treffen können. Doch immer mehr vermischen sich Nachrichten und Unterhaltung. Die Politiker sind zur Vermittlung ihrer Ziele auf mediale Präsenz angewiesen – die bekommen sie beim Fußball.
Die Politikerbesuche bei Sportveranstaltungen sind zudem symbolischer Natur, selten werden sie für internationale Verhandlungen mit Amtskollegen oder zur Unterzeichnung von Abkommen genutzt. Zwar können auch informelle Treffen wichtig sein, im Vordergrund steht beim Stadionbesuch jedoch, dem Interesse der Bevölkerung zu folgen und sich volksnah zu präsentieren. Darüber hinaus kann der Brauch – wie im Fall Timoschenko – als Faustpfand für politische Verhandlungen genutzt werden.
Wirtschaftsfaktor Fußball
Von einer anderen Warte aus ist das „Event“ Fußball-EM auch exemplarisch für das kapitalistische Wirtschaftssystem. Auf vordergründiger Ebene, weil das Turnier durch Sponsoring, TV-Übertragungen und Ticketverkäufe zum Millionengeschäft geworden ist – ganz zu schweigen, von jedem Zloty und jeder Hrywnja, die darüber hinaus in den Ländern gelassen wird. Doch auch auf abstrakter Ebene findet sich im Wettkampfgedanken ein zentrales Element sowohl des Sports als auch des Kapitalismus.
Historisch gesehen ist die Europameisterschaft ein Produkt des Nationenkonzepts. Nicht umsonst wurden die frühen internationalen Vergleiche martialisch als Länderkämpfe angekündigt. Das Messen der Nationen entstand um die vorletzte Jahrhundertwende, damals waren die Duelle auf dem Platz ein Abdruck des sehr viel ernsteren Ringens um die Vorherrschaft außerhalb. Eine ideologische Einordnung hat der Sport noch immer: Heute wird jedoch hervorgehoben, dass er das Gemeinschaftsdenken fördern kann. So umfasst die UEFA sogar noch mehr Länder als die Europäische Union.
Sport verbindet
Das starke Gemeinschaftsgefühl, das sich nicht nur im Team, sondern auch in Fangruppierungen bilden kann, ist ein weiterer Faktor des großen gesellschaftlichen Interesses am Fußball. Sportveranstaltungen können einen Fixpunkt und Solidarität vermitteln – Werte, die in der durchindividualisierten Welt selten geworden sind. Nicht umsonst werden von Journalisten wie Forschern immer wieder Parallelen zum Kult und zur Religion gezogen: Das Stadion ein Tempel, der Gesang die Anbetung.
Darum könnte Angela Merkel persönlich das Turnier noch so egal sein: Auf die Unterstützung der deutschen Mannschaft könnte sie wohl nur ganz verzichten, wenn auch eine Mehrheit der Deutschen einen Boykott gutheißt. Alles andere würde ihr politisch schaden. Zu sehr ist die Veranstaltung in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft fest verankert.









