Wie eine Couch zum Mittelpunkt der Nationen wird

19. Mai 2009 | Von Lea Sibbel | Kategorie: Uni-Leben

Sie alle tragen einander ähnelnde Anzüge. Grau in grau an langen Tischreihen hören sie geduldig zu, was ihnen leise Stimmen durch unauffällige schwarze Ohrhöhrer übersetzen. Beinah andächtig lauscht ebenfalls Generalsekretär Ban Ki-moon, nur hin und wieder huscht ein mildes Lächeln über sein Gesicht. So jedenfalls laufen UN-Versammlungen ab, wenn der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad gerade keine Rede mit Seitenhieben auf Israel hält und die Delegierten sich gezwungen sehen, den Raum zu verlassen.

Die UNO – Völkerverständigung im großen Rahmen?

Auch für die “Normalos’”, die keine Diplomatenkarriere par excellence hinlegen, muss es doch eine Chance geben, sich in Völkerverständigung zu üben. Und die gibt es tatsächlich. Statt unbequeme Bürostühle in der UN-Hauptverwaltung stehen hier allerdings Sofas im Mittelpunkt. Sofas? Richtig gelesen! Seit einiger Zeit “couchsurfen” junge Leute nun durch die Lande.

Auch über weite Strecken vermittelt Couchsurfing interessante Partner

Auch über weite Strecken vermittelt Couchsurfing interessante Partner

Couchsurfing wurde von ein paar Reiseliebhabern auf die Beine gestellt. Die Idee entstand durch das Interesse, unterwegs Einheimische kennen zu lernen und nicht als oberflächlicher 08/15-Tourist die wahre Seele des Landes – die Menschen – zu verpassen. So lautet die Mission von Couchsurfing auch: “Couchsurfing seeks to internationally network people and places, create educational exchanges, raise collective consciousness, spread tolerance, and facilitate cultural understanding” – auf deutsch etwa: “Couchsurfing will ein internationales Netzwerk von Menschen und Orten herstellen, Bildungsaustausche schaffen, das kollektive Bewusstsein stärken, Toleranz verbreiten und das kulturelle Verständnis einfacher machen”.

Anders als im großen politischen Rahmen fallen bei Couchsurfing lästige Bürokratien weg. Auf der Website ist jeder Interessierte schnell angemeldet, hat seine Couch auf den Markt gesetzt und kann sogleich seine internationale Möbelerfahrung beginnen. Wohin die nächste Reise auch gehen wird, flugs ist der Ort des Interesses eingetippt und eine Liste von dort ansässigen Couchsurfern wird auf der Homepage ausgespuckt.

Dann beginnt die Qual der Wahl, denn das von wenigen Leuten gestartete Projekt umfasst mittlerweile über eine Millionen Mitglieder weltweit – und zwar wirklich weltweit. Neben den klassischen Reiseländern in Europa und Nordamerika können auch Sofas in der antarktischen Region oder Ozeanien als Schlafstätte dienen. Wer noch nie etwas von Ljoban, Manchu, Mapudungun oder Guahibo gehört hat, wird von Couchsurfing eines besseren belehrt: Statt mit Knopf im Ohr bei der UNO wird das Couchsurfing-Gespräch bei solch seltenen Sprachen, die von einigen Surfern gesprochen werden, wohl um einiges lebhafter mit Händen und Füßen vonstatten gehen. Internationale Verständigung mit vollem Körpereinsatz.

Übernachten bei Wildfremden? Wenn das die Eltern wüssten…

Eine Kritik wurde bisher allerdings noch nicht angesprochen, dabei wird sie im Zusammenhang mit Couchsurfing immer wieder geäußert: Kann man wildfremden Menschen soviel Vertrauen entgegen bringen, dass man bei ihnen übernachtet? Vertrauen steht bei dem Projekt zwar ganz oben auf der Liste, völlig blauäugig wird dennoch nicht gereist. Ein Referenzsystem soll für die nötige Sicherheit bei der Auswahl der Hosts und der Gäste sorgen. In diesem wird angegeben, welche Erfahrung andere Couchsurfer mit der jeweiligen Person bislang gemacht haben.

Wer mitmacht, wird jedoch schnell feststellen, dass sich das Vertrauen in seine Mitmenschen lohnt: Viele internationale Freundschaften wurden dank des Projektes schon geschlossen, von den entstandenen – erzählenswürdigen – Urlaubsanekdoten ganz zu schweigen, die den Daheimgebliebenen sicherlich weniger langweilen als die minutiöse Schilderung der standardmäßigen Fahrt im London Eye und ihren massentouristischen Klassikerkollegen.

Und wer weiß, vielleicht wird die funktionierende interkulturelle Verständigung auf interpersonaler Ebene auch irgendwann auf höherer Ebene Wellen schlagen, sodass Ban Ki-moon und Co. ihre zusätzliche Freizeit nutzen können, um selbst einmal die Sofas der Welt kennen zu lernen.

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