Wohl dem, der eine warme Behausung hat

20. Dezember 2009 | Von Dimitrios Athanassiou | Kategorie: Gesellschaft

Hier schreibt Dimitrios Athanassiou

Hier schreibt Dimitrios Athanassiou

Die Weihnachtstage stehen unmittelbar bevor, die Ewigspäten huschen von Shop zu Shop, um auf dem letzten Drücker noch ein paar hübsche Geschenke für die Liebsten zu ergattern. Gleichsam im Takt des Schlussspurts fällt auch das Barometer und die Temperaturen sinken auf frostige Minusgrade. Regelmäßig bleiben wir in dieser Zeit von manch einer Betroffenheitsdoku in der Flimmerkiste nicht verschont. Alle Jahre wieder entdecken die Medien die Schwachen und Schutzlosen am Rande der Gesellschaft als Quote produzierendes, gut in die Zeit passendes Gewissensthema und appellieren an unser Mitgefühl.

Eine Viertelmillion Menschen leben ganzjährig auf der Straße – so zumindest lautet die offizielle Zahl. Karitative Organisation schätzen, es könnten gar bis zu 600.000 sein. Menschen, die man vor allem in den Ballungsräumen und Großstädten antrifft. Sie sitzen in Hauseingängen und vor Geschäften und schnorren sich ein paar Euro zusammen. Nachts suchen sie sich ein windgeschütztes Fleckchen unter Brücken oder in überdachten Passagen, um Platte zu machen und riskieren damit nicht selten ihre Gesundheit und ihr Leben. Eiligen Schrittes hasten die meisten an ihnen vorbei. Genervt oder sogar angeekelt wenden sie sich mitunter ab, wenn eine dieser Gestalten es wagt, um etwas Geld für etwas zu essen zu bitten.

“Such dir einen Job! Ich muss auch für mein Geld arbeiten! Faules Pack!” Solche oder ähnliche Reaktionen sind keine Seltenheit und Titulierungen wie Penner oder Pennbruder die Regel. Kaum jemand nimmt sich die Zeit mit diesen Menschen ein paar Worte zu wechseln, geschweige denn ein Gespräch zu führen. Warum auch einen Gedanken daran verschwenden, dass dieser Mensch, der im Gegensatz zu einem selbst kein Dach über den Kopf hat, ehemals ein völlig normales Leben führte? Für die wahren Gründe, die zu solch einem Abrutschen führten oder Durchrutschen, was die sozialen Auffangsysteme angeht, interessiert sich meist niemand.

Das System ist blind für die Ränder

In unserer leistungsorientierten Gesellschaft zählt nur der Erfolg: Wer es nicht schafft, am Druck zerbricht oder durch persönliche Schicksalsschläge den Boden unter den Füßen verliert, zur Flasche greift und sich Schritt für Schritt aus dem System verabschiedet, wird alsbald ausgesondert. Ist man erst auf der Straße und gerät die Alkoholsucht zur Überlebensmedikation, gibt es kaum noch einen Weg zurück. Ohne festen Wohnsitz und ohne finanzielle Mittel schlägt nun plötzlich das System auch all jenen ein Schnippchen, die gerne zurück wollen. In Deutschland hat zwar eigentlich jeder Anspruch auf Grundsicherung (Arbeitslosengeld-II oder Sozialhilfe), aber dazu bedarf es eines festen Wohnsitzes. Erst dann hat man Anspruch auf Mittel, die man aber vorher brauchen würde, um sich überhaupt um eine Wohnung bemühen zu können. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Und alternative unbürokratische Vorgehensweisen existieren nicht. Also werden Hunderttausende von Obdachlosen in dieser Republik verwaltet, indem man sie von einer Auffangstelle zum nächsten Asyl schickt.

Wohl dem, der in diesen frostigen Tagen wenigstens einen warmen Unterschlupf hat. Einer große Zahl Betroffener aber hat nicht einmal das. Bei Temperaturen weit unterhalb des Gefrierpunktes übernachten diese Menschen im Freien. Viele haben sogar Angst davor in einem dieser Asyle zu nächtigen. Gewalt kommt häufig vor, manch einem sind schon die letzten Habseligkeiten gestohlen worden und die hygienischen Zustände sind oft eine einzige Katastrophe. Immer wieder bezahlen somit einige das Schlafen im Freien zur kältesten Zeit des Jahres mit ihrem Leben. In den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gelangt das alles aber nur selten. Zwar zeigen zu den Feiertagen einige Fernsehsender Reportagen und sensibilisieren soweit, dass mitunter der eine oder andere mildtätige Euro schon mal etwas lockerer sitzt. Kaum ist die Weihnachtszeit aber vorbei ist das Thema aus den Medien und dem Bewusstsein wieder raus. Überdies haben diese Reportagen den Nachteil, dass sie entweder ihren Fokus auf einige wenige Betroffene ausrichten, die dann eine Zeit lang mit der Kamera begleitet werden oder die Journalisten melden sich zur Berichterstattung bei den Auffangstellen an, die dann Gelegenheit haben, sich auf den Besuch vorzubereiten und sich optimal zu präsentieren.

Es geht aber auch anders: Seit Jahren ist Günter Wallraff als Enthüllungsjournalist den Ungerechtigkeiten in diesem Lande auf der Spur. Den Schwächsten in der Gesellschaft gehört seine besondere Aufmerksamkeit. Nachdem es 20 Jahre vergleichsweise still um ihn war, schlüpft er nun wieder in allerhand Rollen und zeigt auf, dass vieles immer noch im Argen liegt. Erst kürzlich war er in der Rolle eines schwarzafrikanischen Migranten über ein Jahr in Ost- und Westdeutschland unterwegs. Die Kinodokumentation Schwarz auf Weiß unter der Regie von Pagonis Pagonakis (Kinostart: 22. Oktober 2009) löste im Anschluss allerhand kontroverse Debatten aus, glaubte man doch irrtümlich, dass offener Rassismus hierzulande nur noch im braunen Randbereich existiert.

Schon letztes Jahr, im Winter 2008/2009, war Wallraff in eine andere Rolle geschlüpft: Für die Fernsehdokumentation Unter Null (Ausstrahlung: 15. Oktober 2009), die ebenfalls unter der Regie von Pagonakis entstand, war Wallraff als Obdachloser um den Jahreswechsel herum wochenlang unterwegs und teilte das Schicksal der Menschen, die teilweise schon seit Jahrzehnten auf der Straße leben. Der Film verfolgte einerseits den Zweck, die Missstände im System zu offenbaren und die Organisationen an den Pranger zu stellen, die ihrer Aufgabe teilweise oder gar nicht gerecht werden, aber auch Individualschicksale aufzuzeigen und diese Menschen ein Stückweit aus der Anonymität herauszuholen. Hingesehen.net hatte Gelegenheit sowohl mit Günter Wallraff als auch mit Filmemacher Pagonis Pagonakis ein persönliches Gespräch zu führen. Die Interviews erscheinen im Laufe der nächsten Tage.

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