Wulffs letzter Streich

8. März 2012 | Von | Kategorie: Politik

Es schreibt: Christopher

Es schreibt: Christopher

Der Große Zapfenstreich, mit dem Christian Wulff am Donnerstagabend am Schloss Bellevue aus dem Amt des Bundespräsidenten verabschiedet wurde, war in den Augen seiner Kritiker zugleich sein letzter Streich. Die Ehrenveranstaltung wurde von „Schande“-Rufen der Demonstranten übertönt. Wie kam es dazu?

In die breite Kritik geraten war Wulff nicht aus politischen Gründen, sondern wegen persönlicher Verfehlungen. Unterschiedliche Begünstigungen durch halbseidene Freundschaften, die ihm sein Amt als Ministerpräsident Niedersachsens eingebracht hatte, wurden öffentlich, begleitet von seinem Drohanruf bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. Nicht gerade staatsmännisch. Nachdem sich Wulff erst Wochen gegen einen Rücktritt gestemmt hatte, nahm er dann doch seinen Hut, als die Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Aufhebung der Immunität stellte.

Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgte sogleich. Den Ehrensold von 199.000 Euro jährlich, den wolle er doch bitte schön auch haben. Mehr noch: Das Büro inklusive zwei Mitarbeitern plus Chauffeur, das altgedienten Bundespräsidenten zusteht, selbstverständlich ebenso. Wann sonst bietet sich so eine Gelegenheit schon mal… Aus seiner Sicht durchaus verständlich, denn in seiner Rücktrittserklärung sagte er schließlich auch, dass er sich nichts vorzuwerfen habe.

Das Schloss Bellevue vom Gegenufer aus gesehen (Foto: Weckwerth)


Damit aber noch nicht genug. Was folgt sogleich? Der Zapfenstreich. Wieder einmal Soldaten und ein Fackelzug durch die Berliner Nacht. Allerdings nicht wie üblich mit drei, sondern mit vier Liedern. Für seine Gegner war das Fass nun endgültig übergelaufen: Einige Hundert Demonstranten kamen mit Vuvuzelas und Trillerpfeifen bewaffnet zum Schloss Bellevue, um sich Gehör zu verschaffen. Die üblichen Wege durch den Tiergarten sperrte die Polizei ab, der Protest sammelte sich am gegenüberliegenden Ufer. Später erweiterte die Polizei die Sperrzone – offenbar war der Protest den Staatsdienern zu laut geworden.

Auf der Gegenseite des Schlosses hatten sich allem Anschein nach weitere Demonstranten gesammelt, so schallten – auch im Schlosspark deutlich hörbar – neben dem Getröte „Schande“-Rufe der versammelten Politprominenz entgegen. Sie waren die inoffiziellen Liedtexte zu den Melodien des Musikkorps. Das mag manchen zu weit gehen, schließlich ist Wulff schon zurückgetreten. Das Problem allerdings ist seine fehlende Einsicht. In keinem seiner Statements ließ er erkennen, dass er versteht, warum er kritisiert wird. Vielmehr sieht er sich als Opfer. Aus Sicht der Demonstranten könnte ein generelles Gefühl des Unmuts über abgehobene Politiker hinzugekommen sein.

Christian Wulff ist nun Bundespräsident a.D. Über seine finanzielle Zukunft muss er sich, so er den Ehrensold annimmt, keine Gedanken mehr machen. Aber warum eigentlich sollte ein ausgedientes Staatsoberhaupt, er ist ja erst 52, seinen Unterhalt nicht zum Großteil selbst bestreiten? Als Rechtsanwalt verdient man so schlecht nicht. Vielleicht ängstigt ihn ja nur die mangelnde Berufserfahrung von gerade mal vier Jahren…

Ähnliche Beiträge

ANZEIGE

6 Kommentare
Hinterlasse einen Kommentar »

  1. Man kann dem Wulff ja vorwerfen, was man möchte – Fakt ist doch: Niemand, der überhaupt in die Position kommt, als Kandidat für dieses Amt zu fungieren, ist ohne Dreck am Stecken. Ich bin der festen Überzeugung, auch durch Gespräche mit aktiven Parteimitgliedern verschiedener Coleur, daß jeder, der es in seiner Partei über den Kreistagsabgeordneten hinaus geschafft hat, irgend eine Leiche im Keller hat. Und wenn sich die heilige Springer-Inquisition einmal ein Opfer auserkoren hat, dann wird es mit Hilfe seiner quotengeilen unfreiwilligen Gehilfen gehetzt, bis ihm der Atem ausgeht. Gauck der Erste hat auch nicht nur Freunde und die Aasgeier der News-Entertainment-Industrie haben mit Sicherheit schon ihre Fallstrick-Lager geöffnet, um der Qoute zuliebe das nächste Netz zu knüpfen. Am besten wäre es, dieses nutzlose Amt abzuschaffen, wir brauchen keinen König.

  2. …ja und wer hätte denn auch noch Vertrauen in einen solchen Anwalt…Das ist Wulffs Dilemma.
    Er ist in eine Sackgasse geraten, aber das hat er sich selbst zuzuschreiben!

  3. In den Medien nur quotengeile Produkte zu sehen und allen Politikern mit einer “Ihr-seid-doch-eh-alle-korrupt”-Haltung zu begegnen ist mir persönlich wiederum zu einfach.

  4. Ja, ich hab in dieser Beziehung auch mal differenziert gedacht – hat sich aber nicht bewahrheitet. Die Wulff-Jagd habe ich unter dem Quotengeilheitsaspekt von Anfang an beobachtet. Der Funke, das Skandälchen, das Tiefgraben, der Flächenbrand, das verzweifelte Versuchen, in der Asche noch verwertbare Funken zu finden. Verging ein Tag ohne Schlagzeile, mußte seine Klinkerfassade das Quotentief ausfüllen. Der Umstand, daß er 4 statt 3 Lieder LIEDER! hören wollte, hat 2 Tage lang die Aufmacher aller Nachrichtensendungen geliefert – Hallo? Natürlich geht es den Medien nur um Quote, von der Jungen Welt vielleicht mal abgesehen

    Zu den Politikern: Ich akzeptiere Deine Auffassung, bitte akzeptiere auch meine Erfahrung. Klar kenn ich nicht alle, aber einige bis zur Landtagsebene näher. Und die plaudern privat recht frei heraus. In diesem Sinne – bleib kritisch, ich hab Dich gebookmarked.

  5. Jedes Nachrichtenmedium vertritt auch wirtschaftliche Interessen. Es gibt aber, wie etwa in England beim Guardian, durchaus Modelle, bei denen Wirtschaftliches und Redaktion getrennt werden. Hinzu kommt die Eigenverantwortung der Redakteure und Journalisten. Nicht jedes Wort, auch nicht jeder Artikel wird von oben ferngesteuert.

    Was deine Unzufriedenheit mit Politikern angeht, bin ich insofern bei dir, als das mich das ganze Hierarchiegehabe dort abstößt. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es noch viele “Überzeugungstäter” in der Politik gibt – ob es genug sind, ist eine andere Frage.

    Dass du Hingesehen im Auge behalten willst, freut mich sehr. Ich muss allerdings dazu sagen, dass wir aktuell weniger Zeit für das Projekt haben als zu Beginn. Es kommt nach wie vor Neues, aber seltener als zuvor ;-)

  6. Das ist kein Problem, so ein Blog soll ja nicht in Arbeit ausarten :) – ich laß auch mal lange Zeit 5e grade sein und schreibe nur, wenn ich in der Stimmung bin und ausnahmsweise mal in meiner Mitte ruhe ;) Schönes WE.

Schreibe einen Kommentar

Bloggeramt.de Blog Top Liste - by TopBlogs.de Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de