Wunderbare Traditionen: Fastnacht in Rheinhessen

19. Februar 2009 | Von Carsten Brück | Kategorie: Gesellschaft

Fastnacht, das bedeutet für den typischen Rheinhessen eine Zeit voller öffentlicher Massenbesäufnisse und schlechter Blasmusik. Bis hierhin war das wohl schon immer so und hat noch nie jemanden gestört. Was aber will man tun, wenn die Dorfjugend von heute eben nicht mehr so zahlreich wie früher zu den Fastnachtssitzungen erscheint?

Ein Ansatz wäre mit Sicherheit gewesen, gute Unterhaltung zu bieten. Vielleicht sogar mit der ein oder anderen politisch angehauchten Büttenrede, pointiert geschrieben und vorgetragen… Oder aber man ersetzt Blasmusik mit Scooter-esquen Jumpstyle-Beats und den biederen Männergesangsverein mit einer “Ballermann-Hits” CD. Sie ahnen es schon: Letzteres ist tatsächlich der Fall. Schon seit einigen Jahren hat die Fastnacht ihren ursprünglichen Charakter verloren und ist nunmehr ein Grund zum stumpfsinnigen “Abfeiern” geworden.

Gut, gesteigerter Alkoholkonsum war schon immer ein nicht zu vernachlässigender Aspekt, wie kommt man auch sonst auf die Idee, mit einem hässlichen Hut in einen ausrangierten Wäschezuber zu steigen und sich dabei vor ein paar hundert Zuschauern zum Affen zu machen? Wieviel aber muss man getrunken haben, um heutzutage das Programm ertragen zu können?

Der Ablauf einer Fastnachtssitzung

Da kommen 20 junge Dorfbewohnerinnen auf die Bühne gerannt, tragen selbstgemachte Zebrakostüme aus Klebeband und den Resten von alten Besen auf dem Kopf, und springen zu übersteuerten Bässen direkt aus der Dorfdisko wild herum. Am Ende wird das dann “Zauber aus Afrika” genannt und sorgt für Standing Ovations. Wunderbar! Spätestens jetzt ist auch der Punkt erreicht, an dem die ersten älteren Zuschauer kopfschüttelnd den Saal verlassen. Bei 9 Euro Eintritt eine harte Entscheidung.

Durch einige recht unterhaltsame Sketche kommt zwischenzeitlich Hoffnung auf ein besseres Ende auf. Diese wird dann allerdings jäh gebremst, nämlich dann, wenn sich auch Wolfgang Petry und Konsorten (man stelle sich vor: “Wolle” soll sogar vor einigen Jahren mal persönlich da gewesen sein) in die akustische Polonaise des Schreckens einreihen und ein nicht enden wollendes Schlager-Medley den Abend abschließt. Die Menge tobt.

Verfall einer Tradition?

Wie konnte es nun aber so weit kommen? Was haben Nummern von Scooter in einem kleinen Dorf in der süddeutschen Provinz zu suchen? Und warum um alles in der Welt kommt das auch noch so gut an? Die Sitzung ist immerhin für alle drei Termine restlos ausverkauft. Jedes Mal zahlen einige Hundert Menschen jeweils 9 Euro für eine Karte und sorgen im Anschluss noch dafür, dass unzählige Flaschen Wein geleert und die Kasse weiter gefüllt wird.

Auch wenn Fastnacht noch nie für gehobenes Niveau stand – es ist schon fast traurig mit anzusehen, was heute Jahr für Jahr in unzähligen Gemeindehallen in ganz Deutschland passiert. Das Hauptargument der Veranstalter ist, dass der Altersdurchschnitt ja niedrig gehalten werden muss, um auch in Zukunft die Finanzierung der fünften Jahreszeit zu sichern. Schließlich handele es sich ja um eine Tradition, die am Leben erhalten werden müsse. Aber wo ist hier die Tradition? Um die Fortführung eines regionalen Brauchs zu garantieren, hat man ihn soweit kommerzialisiert und angepasst, dass von ihm fast nichts mehr übrig geblieben ist. Auf der Bühne scheint sich der Elferrat fast verstecken zu wollen, wagt es, ab und an einen Redner anzukündigen. Das, was früher das eigentliche Programm war, ist heute nur noch ein Lückenfüller.

Aus ehrenamtlichen Fastnachtern, von denen man halten konnte, was man wollte, sind Eventmanager geworden, denen nach eigenen Angaben ihr Erfolg Recht gibt. Und überhaupt, man könne ja auch zuhause bleiben. Schließlich lief an diesem Abend auch Deutschland sucht den Superstar…

Erklärung für Nicht-Karnevalisten:

Büttenrede: Ursprünglich eine satirische Rede in einem überdimensionalen Waschzuber
Elferrat: Rat der Organisatoren der Sitzungen und Umzüge, moderiert die Veranstaltung, trägt markante Hüte

Autor: Carsten Brück

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  1. Sehr informativ und interessant zu lesenden Artikel …

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